In Pandemiezeiten gefragt wie nie: Der Streamingdienst Netflix vertreibt Millionen Menschen die Zeit – auch mit unsäglichen Machwerken wie “365 Days”, in dem das unglaubwürdigste Paar der TV-Geschichte über einen fragwürdigen Eros zueinanderfindet. Quelle: imago images/ZUMA Press

Sexismus schamlos – so ist der Netflix-Renner “365 Tage”

Die Geiselnahme und Vergewaltigung einer selbstbewussten Geschäftsfrau endet im Netflix-Machwerk “365 Tage” mit ihrem Geständnis wahrer Liebe. Der derzeitige Publikumsrenner beim Streamingriesen transportiert ein furchterregendes Geschlechterbild. Der Erfolg dieses auch handwerklich üblen Films in #MeToo-Zeiten überrascht.

Schöne Menschen sind eigentlich immer Granaten im Bett. Gut, dieser Eindruck könnte auch damit zu tun haben, dass Film und Fernsehen ungern andere als schöne Menschen beim Sex zeigen, aber diese zwei hier: Mamma Mia! Der Mann ist ein drahtiger Adonis mit Schmollmund unter Rehaugen, die Frau ist eine gertenschlanke Aphrodite. Auf einer Luxusjacht im Meer machen sie Liebe, bis sich die Planken biegen. Und zwar den ganzen Tag, alle beteiligten Körperteile immer wieder bestens im Auge der Kamera.

Dergleichen zählt seit dem Welterfolg von “Fifty Shades of Grey” zum guten Ton ästhetisierter Sexualität. Indes hat dieser Geschlechtsakt nach dem Roman von Blanka Lipinska den größten Makel: Er ist eine Vergewaltigung. Nachdem der italienische Mafiaboss Massimo (Michele Murrone) die polnische Geschäftsfrau Laura (Anna Maria Sieklucka) einst bei einer Nahtoderfahrung vor Augen hatte, entführt er sie auf sein sizilianisches Landgut und macht ihr ein Angebot: “365 Tage” – so lautet der Titel dieses Erotikthrillers aus Polen – soll Laura Massimos Gefangene sein. Auf dass sie sich in ihn verliebe. Echt jetzt?

An diesem Film ist einfach alles lausig

“Ich werde dich nicht fesseln, aber provoziere mich nicht”, droht er der gefesselten Geisel und rückt ihr zu Leibe. “Ich bin es nicht gewohnt, dass man mir nicht gehorcht”, tönt er. Was nun geschieht, müsste logischerweise in Natascha Kampuschs Martyrium münden, das Sherry Hormann als “3096 Tage” verfilmt hat. Unter der Regie von Barbara Bialowas aber braucht Massimo nur einige der 365 Tage, um Laura mürbe zu machen. Und das ist nicht nur schlecht inszeniert, lausig geschrieben, grottig gespielt, also einfach erbärmlich. In Zeiten von #MeToo transportiert es ein Frauenbild, als komme das pseudoerotische Machwerk aus Harvey Weinsteins misogyner Hollywoodhölle.

Wie die toughe Managerin Laura, der man eingangs bei einem resolut durchgezogenen Deal zusehen darf, zügig dem Stockholm-Syndrom erliegt, bündelt in 120 Filmminuten schließlich fast alle reaktionären Geschlechterklischees. Obwohl Massimo sie physisch wie psychisch fortwährend erniedrigt, entmündigt, zuweilen gar foltert, bedarf es nur regelmäßiger Shoppingtouren durch die Nobelboutiquen schicker Metropolen, damit Laura ihrer Würde im Gucci-Fummel Ciao sagt und Massimo – kein Scherz – aufrichtig ihre Liebe gesteht. Spätestens da möchte man vor Wut in die Fernbedienung beißen.

Das allein ist so menschenverachtend, dass man Netflix dafür boykottieren sollte. Der Kuschelrocksound dröhnt alles zu, sodass man viele der hanebüchenen Dialoge überhört.

Zum Schluss noch ein Spoiler

Wer dem unglaubwürdigsten TV-Paar seit Ewigkeiten im Dunst der Gewalt bis zum bitteren Ende beiwohnen möchte, muss deshalb den Spoiler spüren: Als Höhepunkt wird Laura von Massimos Familie ermordet. Worauf ihr Geiselnehmer auf die Knie sinkt wie Jesus Christus persönlich.

Zu sehen derzeit bei Netflix.

RND

Von Jan Freitag/RND