Freitag , 30. Oktober 2020
Auch an Joel ist die Zeit nicht spurlos vorbeigezogen. In The Last of Us: Part 2 ist er wie auch Ellie sichtbar gealtert. Quelle: Sony/ Naughty Dog

The Last of Us: Part 2 im Test: Meisterwerk für den starken Magen

The Last of Us: Part 2 erscheint heute exklusiv für Playstation 4. Die Fortsetzung ist noch brutaler und deprimierender als sein Vorgänger von 2013. Zumindest technisch ist das Spiel ein Meistwerk.

Niemand kann sagen, wir wären nicht gewarnt worden. Das Survival-Action-Epos “The Last of Us Part 2” ist schon vor Jahren mit spektakulären, aber auch schwer erträglichen Trailern beworben worden. Mord, Folter, Hass, Gewalt – all das gehörte zur Werbung.

Last of Us 2 hält was die Trailer versprechen

Nun ist The Last of Us: Part 2 endlich da, und es löst ein, was die Trailer versprechen. Das Abenteuer ist eine technische Meisterleistung, es zeigt Menschen in einer nie zuvor gesehenen Glaubwürdigkeit und Subtilität. Wenn zwei Charaktere hier einfach miteinander reden, wenn sie sich berühren, wenn sie sich die Zeit vertreiben, dann sitzen Spielefans mit offenen Mündern vor dem Bildschirm.

Last of Us 2: Gewalt und Moral

Die Spielefans sind aber hoffentlich erwachsen und psychisch gefestigt. Denn die Geschichte hat immer wieder dieselbe Pointe: Zuerst werden Menschen lebensecht vorgestellt und eingeführt, dann sterben sie auf grausame Weise. Oder sie bringen jemanden um. Manchmal müssen die Spieler jemanden umbringen, damit es im Spiel weitergeht, und dann werden sie mit der moralischen Tragweite ihres Mordes konfrontiert.

Das passiert nicht nur in den hautnahen Zwischensequenzen, sondern auch laufend zwischendurch: Ellie bringt einen Gegner heimlich und lautlos um, versteckt sich, und muss dann den entsetzten Freunden des Verstorbenen beim Leichenfund zuhören. Aufatmen ist angesagt, wenn es einmal nicht gegen Menschen geht, sondern gegen die Pilz-Zombies. Die werfen immerhin keine moralischen Fragen auf.

Sinnlos ist die Gewalt nicht. Immer wieder werden ihre Auswirkungen gezeigt. Hinter dem Alptraum steckt eine simple Botschaft: Gewalt ist immer zerstörerisch. Einerseits müssen Spieler reif genug sein, damit das auch ankommt, andererseits dürfte auch einigen Erwachsenen dieses düstere Abenteuer zu deprimierend sein. Und die Geschichte ist zwar handwerklich toll inszeniert, aber sie ist nicht besonders originell.

Last of Us 2 überzeugt auch auf technischer Ebene

Rein mechanisch betrachtet ist The Last of Us: Part 2 ein Schleich- und Action-Adventure, und zwar ein sehr gutes. Ellie steigt in dieser Fortsetzung vom Neben- zum Hauptcharakter auf, und sie hat sich in den Jahren seit den Ereignissen des ersten Spiels zu einer lautlos effizienten Mörderin entwickelt. Sie schleicht durch zerfallene Gebäude, versteckt sich im hohen Gras, und schlägt blitzschnell zu.

Die Kämpfe in “Part 2” sind kurz und tödlich. Auch Ellie stirbt schnell. Sie darf immerhin jederzeit abspeichern, und sie findet in den eher linearen Welten jede Menge Bastelmaterialien in Schubladen und Regalfächern. Immer wieder bastelt Ellie sich noch auf die Schnelle einen Molotowcocktail oder eine Bandage, um die nächste Konfrontation zu überstehen. Beim Spielen fühlt sich das aufregend an; wer zäh und einfallsreich ist, der kommt immer wieder durch. Wer drauflosstürmt, der wird schnell umzingelt.

Last of Us 2: Besonderes Schwierigkeitsgrad-System und Optionen für barrierefreies Spielen

Dass das Abenteuer eigentlich nie frustrierend wird, liegt an besonders starken Hilfestellungen. Wo andere nur zwei bis drei Schwierigkeitsgrade anbieten, hat Entwickler Naughty Dog ein umfangreiches Set von Einstellungsmöglichkeiten eingebaut. Spieler können sich genau überlegen, was genau schwierig sein soll: Sind die Gegner stärker? Ist die Munition knapper? Dazu kommen erstklassige Optionen für barrierefreies Spielen.

Last of Us 2 – Technische Meisterleistung, aber nichts für schwache Nerven

Vor allem technisch ist das Spiel eine einzige Meisterleistung. Die überwucherte Welt sieht atemberaubend und idyllisch aus. Die Menschen darin wirken bis auf wenige kleine Augenblicke lebensecht. Auch deswegen bleibt vor allem die Gewalt im Gedächtnis. Das mag für einige Spieler effektiv und berührend sein, für andere wird es sich anfühlen, wie eine längst in anderen Medien ausgelatschte Erkenntnis.

Die Geschichte spitzt sich zu, bis sie unglaubwürdig ist

“The Last of Us Part 2” lehnt sich ästhetisch ganz eng bei Filmen an. Wenn es ein Film wäre, dann würde es sicher auch gute Kritiken bekommen. Aber es würde auch verrissen – aus Gründen, für die sich viele andere Spiele nicht einmal qualifizieren, weil sie einfach zu unrealistisch, zu schrill oder zu platt sind. Das ungelöste Problem von “The Last of Us Part 2” liegt in seiner Botschaft. Es erzählt eine düstere Geschichte über die zerstörerische Wirkung von Hass und Gewalt. Aber diese Geschichte spitzt sich zu, bis sie unglaubwürdig wird. Über 20 Stunden lang müssen Spieler nicht nur allerlei Zombies, sondern auch viele Menschen auf grausamste Weise umbringen.

Die extreme Gewalt soll keinen Spaß machen. Aber die Geschichte verliert ihren Maßstab aus dem Auge. Lange bevor die Helden genug vom Schlachten haben, dürfte es vielen Spielern so gehen. “The Last of Us Part 2” ist fesselnd, aber auch zutiefst unangenehm. Ist es das wert? Das sollten erwachsene Spieleliebhaber sich gut überlegen.

Jan Bojaryn/tr/RND