Demonstranten in Paris mit Anonymous-Masken. Quelle: imago images/Hans Lucas

Attila Hildmann gehackt: Was ist eigentlich Anonymous?

Verschwörungstheoretiker Attila Hildmann hat ein Problem: Die Aktivisten der Bewegung Anonymous haben es auf ihn abgesehen. Erst wurde seine Website, dann seine Telegram-Gruppe gekapert. Was steckt hinter der Hacker-Bewegung? Und was treibt sie an?

Hannover. Attila Hildmann ist in den vergangenen Wochen zum Verschwörungstheoretiker Nummer eins aufgestiegen. Seit dem Corona-Lockdown verbreitet der Vegankoch in Messengern und sozialen Netzwerken bizarre Mythen und hat damit auf Telegram inzwischen mehr als 60.000 Follower gesammelt.

Doch mittlerweile wird dem 39-Jährigen seine fragwürdige “Aufklärungsarbeit” enorm erschwert. Ausgerechnet das Hacker-Kollektiv Anonymous hat es auf Hildmann abgesehen.

Website und Telegram-Chat gekapert

Bereits am Wochenende hatte die Gruppe Anonymous Germany die Website von Hildmanns Energy-Drink Daisho ins Visier genommen, postete auf Twitter Screenshots vom Verzeichnis der Seite und machte sich über die laxen Sicherheitsvorkehrungen lustig.

Wenige Tage später nun ein weiterer Fall: Am Mittwoch verkündete das Hacker-Kollektiv, man habe sich Zugang zu Hildmanns Demokratenchat verschafft – eine Telegram-Gruppe, in der Hildmann Administrator ist. Der Vegankoch hatte Administratoren für den Gruppenchat gesucht, was die Hacker nach eigenen Angaben ausnutzten und einen Aktivisten “einschleusten”. Kurz darauf schmiss man 2000 Mitglieder aus der Gruppe.

Der Name Anonymous taucht derweil immer wieder auf, wenn es um kreative Hacker-Aktionen geht. Und Hildmann ist bei Weitem nicht der Erste und Einzige, auf den es die Gruppierung abgesehen hat. Wer steckt hinter Anonymous? Und was treibt die Gruppe an?

Was ist Anonymous?

Die Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten, den die Gruppierung Anonymous gibt es eigentlich gar nicht. Vielmehr handelt es sich bei der Hacker-Bewegung um ein loses Kollektiv: Es gibt keine Führung, keine Mitgliedschaften, keine organisierte Struktur und keine Hierarchie. Rein theoretisch also könnte sich jeder Anonymous nennen und tun und lassen, was er will.

Das ist auch schon ein paar Mal passiert, nicht zuletzt im Fall Attila Hildmann. Hier meldete sich plötzlich neben Anonymous Germany auch eine Gruppe namens Anonymous Schweiz zu Wort. Sie warf den deutschen Hacker-Kollegen vor, mit ihren Aktionen der “gesamten Bewegung” zu “schaden”. Die deutsche Gruppe distanzierte sich daraufhin wiederum von den Schweizern und warf ihnen vor, von Rechten unterwandert zu sein.

Einen ähnlichen Fall hatte es auch zuzeiten der Flüchtlingskrise schon gegeben. Seinerzeit verbreitete eine Facebook-Seite mit dem Namen Anonymous.Kollektiv rechtspopulistische bis rechtsextreme Inhalte. Als Betreiber wurde später ein Erfurter Rechtsextremist ausgemacht, der die Seite von einem anderen Admin gekapert hatte. Die Seite erreichte bis zu zwei Millionen Likes, bis sie schließlich von Facebook gelöscht wurde.

Gegen Rechts, pro Freiheitsrechte

Abgesehen von ein paar Ausreißern wie diesen ist die Positionierung der Gruppe Anonymous aber ziemlich klar – und zwar eindeutig gegen Rechtsextremismus und pro Freiheitsrechte. Schon in der Anfangszeit sprach sich das Kollektiv eindeutig für die Redefreiheit, die Unabhängigkeit des Internets und gegen das Urheberrecht aus. So wurden Sekten wie Scientology, staatliche Behörden, global agierende Konzerne und Urheberrechtsgesellschaften Opfer ihrer Attacken.

Aktiv ist die Gruppierung seit 2008. Ihr Ursprung liegt in Imageboards wie 4chan, in denen unzensiert und unmoderiert gepostet werden kann. Wer Beiträge erstellt, kann sich einen Namen geben – oder anonym posten. Dann erscheint als Benutzername das Wort Anonymous.

Inzwischen kommunizieren die Aktivisten auch über zahlreiche andere Internetforen, etwa 711chan, 420chan, Something Awful, Fark oder Encyclopedia Dramatica. Soziale Netzwerke spielen eher eine Nebenrolle, werden aber zur Kommunikation mit der “Außenwelt” genutzt. Hier hat sich als Symbol der Aktivisten die typische Guy-Fawkes-Maske etabliert.

Aktionen gegen Staaten und Zensur

In den vergangenen Jahren stellten sich die Anonymous-Aktivisten vor allem gegen die Internetzensur und die vom Staat ausgehende Zensur. In Australien beispielsweise griffen Aktivisten 2009 Websites der Regierung an, nachdem diese einem Gesetz zur Implementierung von Internetfiltern zugestimmt hatte.

Es folgten Attacken gegen Visa und PayPal, weil die Unternehmen dem Whistleblowerportal WikiLeaks den Zugang zu Konten verwehrt oder diese gesperrt hatten. 2013 unterstützten die Aktivisten den Widerstand gegen bi- und multilaterale Freihandelsabkommen wie TTIP oder CETA.

Ende Dezember 2011 gründete Anonymous das Enthüllungsportal “nazi-leaks”, auf dem Listen mit NPD-Spendern, Kunden szeneorientierter Versandhäuser, Autoren der Zeitschrift “Junge Freiheit” sowie interne E-Mails der NPD zu finden sind. Auch mehrere Neonazi-Webseiten wurden mit DDoS-Attacken lahmgelegt.

Ein aktueller Angriff ist noch gar nicht so lange her: Nach dem Tod von George Floyd durch einen Polizisten, legten die Aktivisten die Website der betroffenen Polizeistation lahm.

Groß angelegte “Operationen”

Groß angelegte Hacks und Aktionen werden bei Anonymous als “Operationen” gekennzeichnet. Bei der “Operation OpSafeWinter” beispielsweise sammeln die Aktivisten jedes Jahr für die kalte Jahreszeit Kleidung, Decken, Schlafsäcke und Lebensmittel, um diese direkt an bedürftige Obdachlose zu verteilen. Bei der “Operation Ice ISIS” kündigte die Gruppierung Attacken gegen die Terrororganisation IS an.

Auch bei diesen Operationen kam es immer wieder zu Kontroversen. So wurde beispielsweise im Jahr 2011 die Website des Fernsehsenders RTL angegriffen und manipuliert. Hintergrund war ein gesendeter Beitrag von der Spielemesse Gamescom, in dem Messebesucher unvorteilhaft dargestellt worden waren.

Das Hacker-Kollektiv riet später von der Aktion ab – das Kollektiv trete schließlich für freie Meinungsäußerung ein und Medien seien daher nicht Ziel der Angriffe.

Was will Anonymous von Attila Hildmann?

Attila Hildmann genießt dieses Privileg offenbar nicht. Und was die Aktivisten beim Vegankoch antreibt, lässt sich zumindest erahnen: Es geht vor allem um seine teils antisemitischen und rechtsextremen Verschwörungstheorien. “Nun ist das braune Wespennest aufgescheucht. Zieht euch in Zukunft warm an, virtual winter is coming”, schreiben die Aktivisten beispielsweise. Beim Kapern der Hildmann-Gruppe hinterließen sie die Nachricht: “Attila ist faktenresistent und gefährlich”.

Aber auch Hildmanns Doppelmoral ist immer wieder Thema in den kurzen Statements der Aktivisten. “Attila hat Ledersitze in seinem Porsche aus China. Von eurem Geld”, heißt es da etwa. Die Aktion gegen den Vegankoch steht unter dem Motto “Operation Tinfoil”.

Hildmann reagierte via Telegram auf die Aktion: “In dieser Nacht hat ein Admin über 7000 Leute im Demokratenchat gelöscht. Dieser kleine Bengel hat sich bei den Admins eingeschlichen, um unserer Bewegung zu schaden.” Und weiter: “Sie wollen den Krieg. Sie werden ihn bekommen.”

Attacken gegen Hildmann “gerade erst begonnen”

Anonymous Germany reagierte kurz darauf auf Twitter: “Attila hat Anonymous den Krieg erklärt! Der Letzte der dies getan hat, heißt Aaron Barr und hatte danach keine Mails, Firmenbackups & Firma (HBGary) mehr <3″.

Die Aktivisten spielen dabei auf den Leiter des Sicherheitsdienstleisters HBGary Federal an. Dieser hatte 2011 in der “Financial Times” erklärt, er habe Anonymous unterwandert und dabei unter anderem die Identität der führenden Köpfe aufgedeckt. Das Hacker-Kollektiv hackte daraufhin die Website der Firma und veröffentlichte Barrs Dossier über die angeblichen Identitäten der Köpfe vollständig. Die Daten erwiesen sich als weitgehend substanzlos.

Gegenüber Hildmann kündigte das Hacker-Kollektiv jetzt an, die “Operation Tinfoil” habe gerade erst begonnen.

Von Matthias Schwarzer/RND