Montag , 28. September 2020
Sven Plöger, Wettermoderator der ARD, steht im TV-Studio des neuen ARD-Wetterkompetenzzentrums beim Hessischen Rundfunk. Quelle: Boris Roessler/dpa

Meteorologe Sven Plöger: “Panik ist kein guter Ratgeber”

Im RND-Interview spricht Meteorologe Sven Plöger über den Umgang mit Klimawandelleugnern, die Corona-Krise und warum er ein Fan von Greta Thunberg ist. Vor Kurzem hat er seinen Bestseller “Zieht euch warm an, es wird heiß!” herausgebracht.

Der Meteorologe Sven Plöger (53) hat 1999 erstmals “Das Wetter im Ersten“ in der ARD moderiert. Mittlerweile führt er durch mehrere Wettersendungen im deutschen Fernsehen und im Radio. Sein neues Buch “Zieht euch warm an, es wird heiß!“ ist seit dem 8. Juni im Handel und hat es bereits auf die “Spiegel“-Bestseller-Liste geschafft.

Herr Plöger, Ihr Buch “Zieht Euch warm an, es wird heiß!“ ist erschienen. Braucht es ein weiteres Buch zum Klimawandel?

Mir ging es darum, all die Nachrichten, die dazu täglich auf uns einprasseln, einzuordnen. Außerdem ist es mir eine Herzensangelegenheit aufzuzeigen, dass die Situation dramatisch ist, es aber nicht zu spät ist, das Schlimmste zu verhindern. Zudem gebe ich dem Leser gute Argumente für die Diskussion mit Klimawandelskeptikern an die Hand.

Glauben Sie, Klimawandelleugner überzeugen zu können?

Eingefleischte Klimawandelleugner werde ich wohl nicht überzeugen können. Ich habe mich mehr als zehn Jahre lang darum bemüht, eine Basis für einen sachlichen Austausch zu finden. Dann musste ich einsehen, dass dies vergebene Liebesmüh ist, da Fakten und Argumente offenbar keine Rolle spielen und am Ende fast immer Beleidigungen standen. Das Leugnen fällt denjenigen besonders leicht, die über wenig physikalische Kenntnisse verfügen. Dann tritt statt Physik die Fantasie auf den Plan.

Corona überschattet Waldbrände und Trockenheit. Interessiert sich noch jemand für den Klimawandel?

Ja, die Leute interessieren sich mehr denn je dafür! Das sehe ich unter anderem an den vielen Mails, die mich erreichen. Das wachsende Interesse liegt daran, dass der Klimawandel vor allem seit dem Rekordsommer 2018 mit Hitze, Dürre, Waldbränden und Ernteausfällen auch bei uns konkret spürbar geworden ist. Natürlich wurde zuletzt jedes Thema durch Corona überlagert, die Pandemie betrifft jeden. Aber das tut der Klimawandel auch! Zum Glück sind die meisten Menschen in der Lage zu verstehen, dass es zeitgleich mehrere Krisen gibt, die unser Handeln erfordern.

Trotzdem reagieren Gesellschaft und Politik unterschiedlich auf Corona-Krise und Klimawandel. Warum?

Es liegt wohl vor allem daran, dass wir die Bedrohung durch Corona als sehr konkret wahrnehmen. Meine Familie, meine Freunde oder ich selbst könnten erkranken oder sogar sterben. Die Gefahr durch den Klimawandel ist auch real, aber oft nehmen wir sie nicht als so konkret wahr.

In der Corona-Krise hat die Politik Maßnahmen ergriffen, die die persönliche Freiheit stark einschränken. Ginge das nicht auch beim Klimawandel?

Dafür sind die Auswirkungen des Klimawandels noch nicht dramatisch genug zu spüren. Wenn wir in einer apokalyptischen und dystopischen Zeit leben würden, in der wir jedes Jahr eine verheerende Dürre hätten, wäre die Bereitschaft, darauf mit drastischen Maßnahmen zu reagieren, sicher größer.

Virologen wie Christian Drosten sind in der Corona-Krise zu Stars geworden. Könnten Klimaforscher die neuen Virologen werden?

Klimaforscher wie Professor Hans Joachim Schellnhuber oder Professor Mojib Latif sind mittlerweile auch außerhalb der wissenschaftlichen Community bekannt, auch wenn sie aktuell nicht so populär wie Professor Drosten sind. Doch sie teilen sein Schicksal. Wenn sie der Gesellschaft und Politik empfehlen, dass wir unser Verhalten ändern müssen, um eine Katastrophe zu verhindern, werden sie von bestimmten Gruppen diskreditiert, beleidigt oder bedroht.

Auch Greta Thunberg hat so manchen Shitstorm aushalten müssen. Vor allem, seit sie gesagt hat: “I want you to panic.“ Ist Panik in Sachen Klimawandel ein guter Ratgeber?

Prinzipiell glaube ich, dass Panik kein guter Ratgeber ist. Sie führt nur selten dazu, dass man das Richtige tut. Nichtsdestotrotz: Ich bin ein großer Greta-Fan. Vor 13 Jahren kam mein erstes Buch über den Klimawandel raus. Darin habe ich geschrieben, dass die Klimaschutzbewegung eine Ikone braucht. Greta ist diese Ikone. Indem sie sich an einem Freitag im Sommer 2018 alleine mit einem Pappschild in Schweden vor das Parlament gesetzt hat, ist es ihr gelungen, weltweit Millionen überwiegend junge Menschen, aber auch ältere Generationen und Politiker für den Klimaschutz zu begeistern und zu mobilisieren. Natürlich geht es Greta nicht vorrangig darum, dass die Welt in Panik verfällt. Sie will, dass Gesellschaft und Politik sich des Ernsts der Lage bewusst werden.

Von Philipp Hedemann/RND