Montag , 28. September 2020
Martina Gedeck als Caroline in einer Szene aus dem Film “Herzjagen”. Quelle: Felipe Kolm/BR/ORF/Lotus-Film/dp

ARD-Drama “Herzjagen”: Angst vor dem guten Leben

Martina Gedeck spielt im ARD-Drama “Herzjagen” eine Frau, die sich in ein Leben mit der Krankheit gefügt hat und sich vorm Gesundwerden fürchtet. Die Schauspielerin überzeugt in dem Film mit ihrer facettenreichen Darstellung.

Eigentlich ist die Welt von Caroline Binder (Martina Gedeck) in schönster Ordnung. Sie ist seit 20 Jahren glücklich verheiratet mit einem sanften, liebevollen Mann (Rainer Wöss). Sie lebt in einem hübschen Haus in Wien. Und auch mit ihrer langwierigen Krankheit, einem Herzleiden, hat sie sich längst arrangiert, hat allerdings deswegen auf die Ausübung ihres Berufs als Architektin verzichten müssen – denn schwaches Herz und Bauleitung, das gehe einfach nicht zusammen, sagt ihr Mann. Man hat im Film “Herzjagen”, einer deutsch-österreichischen Koproduktion, aber nicht das Gefühl, dass Caroline das irgendwie belastet. Doch dann geschieht etwas, das diese so zufrieden in sich ruhende Frau aus der Bahn wirft.

Eines Tages rät ihr Arzt, Herzspezialist Dr. Hoffmann (Paul Noori), in einem Gespräch im Krankenhaus Caroline zur Operation. Es gebe, sagt er, eine neue Methode, durch die sie völlig gesunden würde. Zwar gebe es ein gewisses Risiko wie bei jeder Operation am offenen Herzen, aber das könne man in Kauf nehmen.

Eigentlich eine gute Nachricht

Eigentlich ist das eine gute Nachricht für Caroline, doch sie reagiert seltsam irritiert, verlässt das Besprechungszimmer und flüchtet auf die Toilette, wo sie sich einschließt. Dieses Verhalten, das suggeriert der Film durch seine vorzügliche Bildersprache, scheint mehr zu sein als eine normale Angstreaktion.

Dennoch stimmt sie einem Operationstermin zu. In acht Tagen soll es soweit sein. Doch als ihre Ängste immer größer werden, sagt sie den Termin wieder ab. Wir müssen schließlich alle einmal sterben, lässt sie ihrem Arzt lapidar mitteilen. Der wiederum reagiert auf diese Entscheidung empört. Als auch Carolines Mann entsetzt ist, lässt sie sich überreden.

Carolines Psyche rebelliert gegen diesen Eingriff

Diese Entscheidung verändert Carolines Verhalten schlagartig. Sie scheint sich fatalistisch in ihr Schicksal zu fügen, wirkt auch am Abend vor der Operation erstaunlich gelassen und entspannt, auch noch bei der Fahrt in den Operationssaal, obwohl einige, fast schon surreale Bilder des Films etwas ganz anderes andeuten. Offenbar rebelliert Carolines Psyche gegen diesen Eingriff und seine möglichen Folgen. Dieser innere Widerstand verstärkt sich nach der gut verlaufenden Operation noch – ein Vorgang, auf den ihre Umwelt hilflos bis ignorant reagiert. Bloß lässt sich Carolines Verhalten nach der Operation nicht ignorieren.

Davon und von der Angst vorm vermeintlich normalen Leben erzählt dieser poetische Film, der nach der “Herznovelle” der österreichischen Autorin Julya Rabinowich entstanden ist und der von der beeindruckenden Leistung seiner Hauptdarstellerin Martina Gedeck lebt, was nicht weiter überrascht, da Regisseurin und Drehbuchautorin Elisabeth Scharang diesen Film Gedeck auf den Leib geschrieben hat.

Gedeck zeigt viele Nuancen ihres darstellerischen Könnens

Die 58-jährige Schauspielerin zeigt viele Nuancen ihres darstellerischen Könnens. Man wird kaum klug aus dieser Frau: Mal verhält sich Caroline wie ein trotziges Kind, dann wieder wie ein verliebter Teenie. Sie wird plötzlich zur Furie, die um sich schlägt, Dinge zerstört und geliebte Menschen kränkt. Oder sie stellt die irrsten Sachen an, scheint sich gar in eine schwere psychische Krankheit zu flüchten, um sich wenig später scheinbar depressiv in ihr Schicksal zu fügen.

Ein auch für den Zuschauer anstrengendes Verhalten, das schwer zu erklären ist und auch vom Film nicht abschließend erklärt wird, was jedoch nicht stört. Keine Bange – auch für Caroline gibt es schließlich ein Happy End, das eng verknüpft ist mit der Figur, der der Film seine wenigen komischen Momente verdankt: der drolligen Krankenhauspsychiaterin (Ruth Brauer-Kvam). Ausgerechnet sie, die unheilbar an Krebs erkrankt ist, holt Caroline am Ende auf dramatische Weise ins Leben zurück.

Dabei lernen wir auch noch ganz nebenbei, dass die Angst ein überschätztes Gefühl ist – nicht immer, aber doch sehr oft.

“Herzjagen” läuft am Mittwoch, 17. Juni, ab 20.15 Uhr in der ARD.

Von Ernst Corinth/RND