Elle Fanning spielt die russische Zarin Katharina. Quelle: imago images/Independent Photo Agency Int.

Schicksalsjahre einer Zarin: Elle Fanning als Katharina “The Great”

Elle Fanning serviert als russische Zarin Katharina ihren Gatten ab: Die Starzplay-Serie “The Great” zeigt ihren Weg vom rotwangigen Mädchen zur Herrscherin.

Ihre Hochzeitsnacht hatte sich die künftige Zarin anders vorgestellt. Irgendwie romantischer, sinnlicher, erfüllender, mit Kuschelsex zwischen weißen Laken und gegenseitig ins Ohr gehauchter Poesie. So ungefähr hatte es sich Katharina, die später einmal als einzige Herrscherin überhaupt die Große genannt werden würde, ausgemalt bei ihrer langen Anreise nach Moskau. Es sollte anders kommen in jener Nacht der Nächte. Und überhaupt.

Der russische Thronfolger Peter (Nicholas Hoult) schaute spät und reichlich angeschickert in ihren Gemächern vorbei. Er hatte einen Kumpel im Schlepptau. Während der andere mit einem Gläschen in der Hand im Türrahmen wartete, befüllte der künftige Zar die junge Gemahlin im Stehen mit seinem Samen zwecks Erzeugung eines Nachkommens, plauderte derweil über die Schulter und verabschiedete sich sodann mit einem kurzen Gruß zurück zur Party.

Katharina, die Große, nahm die Gewalt in der Ehe hin

Katharina (Elle Fanning) ließ die Gewalt in der Ehe widerstandslos über sich ergehen. Sie war vor allem eines: verblüfft. So jedenfalls ist es zu sehen in der Starzplay-Serie “The Great”. Das Verrückte an dieser Szene ist, dass die Hochzeitsnacht in Teilen so abgelaufen sein könnte. Die Geschichtsbücher berichten davon, dass die Braut im Schlafzimmer lange auf ihren Ehemann gewartet habe und dieser erst spät nachts betrunken erschienen sein soll.

Für Drehbuchautor Tony McNamara ist diese Vorgabe ein gefundenes Fressen. Der Australier ist der Skriptschreiber der gefeierten Historiensatire “The Favourite” (2018) von Regisseur Giorgos Lanthimos, die am Hofe der britischen Queen Anne zu Beginn des 18. Jahrhunderts spielte und Hauptdarstellerin Olivia Colman einen Oscar bescherte.

“The Great” erzählt nur eine teilweise wahre Geschichte

Schon in den Kreisen der Queen schwelgte McNamara in dekadenten Exzessen. Mal ließ er Aristokraten mit gepuderten Perücken Entenrennen veranstalten, mal ließ er sie sich im Zielwerfen mit Orangen auf nackte Standesgleiche üben. Nun malt er eine degenerierte Spaßgesellschaft in russischen Palästen vor flackerndem Kerzenschein mindestens ebenso deftig aus. Deshalb sollte man “The Great” mit Spaß, aber auch mit Vorsicht genießen: Eine nur “occasionally true story”, eine nur gelegentlich wahre Geschichte sei dies. So wird es in der Titelsequenz vermerkt – und beinahe meint man, ein Kichern dabei zu vernehmen.

Die Faszination für Katharina ist bis heute groß. Kürzlich erst spielte Helen Mirren in einer Serie die ältere Regentin, deren sexueller Appetit auf junge Männer genauso groß gewesen sein soll wie ihr Machtanspruch und auch ihr Bestreben nach innenpolitischen Reformen.

Die damals mächtigste Frau der Welt zwischen Intrigen und Liebschaften

1762 ließ Katharina ihren gehassten Gatten – diese Gefühle beruhten wohl auf Gegenseitigkeit – aus dem Weg räumen und herrschte fortan über das Russische Reich. 34 Jahre lang dauerte ihre Regentschaft. Sie war beseelt von progressiven Ideen, musste sich gegen mancherlei Intrige zur Wehr setzen und pflegte Liebschaften etwa mit Fürst Potjomkin. Katharina galt damals als die mächtigste Frau der Welt.

Die Serie “The Great” setzt mit der Ankunft der jungen Katharina ein, einem naiven Teenager mit rosaroten Wangen. Katharina muss erst einmal lernen, sich im Zickenkrieg am Hofe zu behaupten, bevor sie darüber nachdenkt, auf welche Art und Weise sie ihren Mann abservieren kann. Die Möglichkeit eines Staatsstreichs nimmt erst allmählich Gestalt in ihrem Kopf an. Auf dem Weg an die Macht wird sie unterstützt von ihrer Vertrauten Marial (Phoebe Fox), dem Intellektuellen Orlo (Sacha Dhawan) und dem ihr vom Zaren höchstselbst zugeordneten Liebhaber Leo (Sebastian De Souza).

Den Wutausbrüchen und der Brutalität freien Lauf lassen

Katharina trifft in Peter auf ein Gegenüber, das über sein Reich herrscht wie ein verzogener Lümmel. Er lässt seinen Wutausbrüchen, seiner Brutalität und seinen Launen freien Lauf. Gegen diesen Unberechenbaren ist Donald Trump ein stabiler Charakter. Gern schmeißt Peter Gläser gegen die Wand und brüllt dabei “hurra” – wenn er nicht gerade die Augen von toten schwedischen Feinden rausprokelt, deren Köpfe er sich zum Dessert hat servieren lassen. Nicholas Hoult – schon in “The Favourite” einer der wenigen Männer zwischen lauter bestimmenden Frauen – spielt ihn in seiner Unberechenbarkeit grandios.

Modern anmutende Menschen in üppigen Kostümen fluchen sich durch diese Serie (wenn sie auch nicht ganz so modern sind wie in Sofia Coppolas Kinofilm “Marie Antoinette” von 2006). Katharina entwickelt sich zur Feministin ersten Ranges. Und das scheint auch dringend notwendig zu sein im zaristischen Russland. Wer sich von den späten Jahren Katharinas erzählen lassen möchte, muss zu Helen Mirren wechseln. Wer sich aber herzhaft von den Schicksalsjahren einer Zarin unterhalten lassen will, ist hier richtig.

“The Great”, Starzplay, zehn Episoden, von Tony McNamara, mit Elle Fanning, Nicholas Hoult

Von Stefan Stosch/RND