Die Corona-Warn-App soll am Dienstag offiziell vorgestellt werden. Quelle: Michael Kappeler/dpa

“Die App ist kein Wundermittel”: So bewerten Wissenschaftler die Corona-Warn-App

Nach langer Wartezeit wird die Corona-Warn-App in dieser Woche erscheinen. Wie die Kontaktverfolgung mittels Smartphone funktionieren soll, ist bereits bekannt. Wie bewertet die Wissenschaft den Stellenwert der App und welche Kritikpunkte gibt es?

Am Dienstag soll die deutsche Corona-Warn-App nach einigen Verzögerungen zum Download verfügbar sein. In einer Pressekonferenz wollen die Bundesregierung und die Entwickler von SAP und Telekom die Anwendung offiziell vorstellen. Eine Werbekampagne soll dabei helfen, die App bekannter zu machen, und Bürger animieren, das Tracing-Tool zu nutzen. Wie die App angenommen wird und inwiefern sie zur Eindämmung des Virus beitragen kann, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

In der Bevölkerung hat das Interesse an der App in den vergangenen Wochen nachgelassen. Laut ARD-Deutschlandtrend von Anfang Juni erklären sich rund 42 Prozent der Deutschen dazu bereit, die Anwendung herunterzuladen. “Wir haben seit Anfang April immer wieder gefragt, wie die Akzeptanz der App ist, und da sehen wir im Moment eine gewisse Skepsis. Am Anfang lag die Akzeptanz bei rund 60 Prozent, das ging dann mal wieder runter auf unter 50 Prozent. Jetzt liegen wir bei 53 Prozent”, sagt auch Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt, in einem Pressebriefing des Science Media Centers.

Skepsis gegenüber Corona-Warn-App: Wichtig ist die Freiwilligkeit

Der viel diskutierte Kurswechsel zwischen zentraler und dezentraler Speicherung habe sich in den Befragung nicht gezeigt. Vor allem die Freiwilligkeit der App sei ein zentraler Punkt für die Akzeptanz. “Man nimmt eher in Kauf, dass Restaurants und Schulen weiter geschlossen sind, aber die App soll freiwillig bleiben.” Bei den Menschen, die die App herunterladen würden, sei die Datenteilungsbereitschaft sehr hoch. Dabei spielten vor allem die Risikobewertung sowie das Vertrauen in die Behörden eine entscheidende Rolle. Als Kritikpunkt äußert Betsch fehlende Informationen darüber, was Personen unternehmen sollen, sobald sie einen Warnhinweis über eine mögliche Infektion per App erhalten haben. “Je konkreter der Schutz angeleitet wird, desto besser.”

Unklarheit über konkrete Handlungsanweisungen

Tatsächlich sind die genauen Formulierungen der Warnhinweise noch nicht bekannt. Wie Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes e.V., mitteilt, sollen nähere Informationen am Montag vom Robert-Koch-Institut an die betroffenen Behörden weitergeleitet werden. Ersten Informationen zufolge werden Personen, die eine Warnung in Form eines roten Signals erhalten, gebeten, sich an den Hausarzt oder das Gesundheitsamt zu wenden.

Für die Gesundheitsämter erwartet Teichert dadurch zusätzliche Arbeit. “Wenn durch die App eine wesentlich höhere Anzahl an Kontaktpersonen ermittelt wird, muss man das auch bei der Personalberechnung in den Gesundheitsämtern berücksichtigen”, sagt sie. In die Kontaktverfolgung werden die Behörden weiterhin stark einbezogen. Bei einem Warnhinweis in der App müsse seitens der Gesundheitsämter zunächst eine Risikoabwägung gemacht werden, so Teichert. Denn das Bluetooth-Signal sage noch nicht viel darüber aus, welche Form des Kontaktes tatsächlich vorlag. “Saßen die nebeneinander, hatten die Mundschutz auf, haben die sich geküsst? Das sind unterschiedliche Risikofaktoren, die für eine Übertragung eine Rolle spielen können.”

Gesundheitsämter greifen also weiterhin auf das manuelle Verfahren bei der Kontaktpersonenermittlung zurück und befragen Betroffene. “Wenn ein Risiko ermittelt wird, werden die Testungen veranlasst, und ich denke, dass wir genug Testkapazitäten dafür haben”, sagt Teichert. “Ich wäre nur vorsichtig, diesen Automatismus zu koppeln und zu sagen, jeder, der eine Warnung auf der App hat, wird unbedingt auch getestet. Da muss man noch einmal individuell abwägen. Wenn ich einen Hinweis habe, bedeutet das nicht automatisch, dass ich hoch gefährdet bin.”

Noch nicht alle Labore sind ausgestattet

Momentan gebe es zudem noch Probleme hinsichtlich der Laborschnittstellen, da noch nicht alle Labore mit entsprechender Technik ausgestattet seien, um etwa QR-Codes an Testpersonen zu übermitteln. Dies solle aber im Laufe der nächsten Wochen nachgebessert werden. Bisher ist vorgesehen, dass Infizierte bei einem Test von den Laboren einen QR-Code erhalten. Mithilfe des Codes können sie ihr Ergebnis dann in der App abrufen. Zudem gilt er als offizielle Verifizierung für ein positives Testergebnis. So soll Missbrauch durch Dritte, die eine Infektion nur vorgeben, verhindert werden. Verfügt ein Labor nicht über die entsprechende Ausstattung, so soll sich der erkrankte App-Nutzer über eine Telefonhotline verifizieren können. Details über dieses geplante Verfahren sind allerdings noch nicht bekannt.

Unterdessen warnen Patientenschützer vor zu hohen Erwartungen an die App. Die Anwendung könne “ein zusätzlicher Baustein für den Eigenschutz” sein, teilte Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, am Montag mit. “Nicht mehr, aber auch nicht weniger.” Nun müsse man vor allem Beschäftigte in Pflegeheimen, Krankenhäusern und Arztpraxen zum Mitmachen sensibilisieren.

“Die App macht andere Maßnahmen nicht unnötig”

Auch Marcel Salathé, Professor für digitale Epidemiologie an der ETH Lausanne, sieht die App als zusätzliches Mittel in der herkömmlichen Kontaktermittlung. “Ich würde die App als sinnvoll ergänzend beschreiben. Es war nie die Idee, dass man sagt, man hat die App als Wundermittel, die alle anderen Maßnahmen unnötig macht. Man versucht mit der App das normale Contact-Tracing zu unterstützen”, sagt er. “Der Prozess und der Mensch, der danach kommt, sind viel wichtiger als die Tatsache, ob eine Bluetooth-Messung auf 20 Zentimeter genau war oder nicht.”

Bluetooth-Low-Energy (BLE) ist die zentrale Technologie hinter der deutschen Tracing-App. Mittels eines ständig ausgesendeten Funksignals kann sie erfassen, welche weiteren Smartphones, auf denen die Anwendung ebenfalls installiert ist, sich in der Nähe befinden. Die Bluetooth-Funktion des Smartphones muss dabei durchgehend eingeschaltet sein. Im Gegensatz zum herkömmlichen Bluetooth verbraucht BLE dabei jedoch wesentlich weniger Energie. Jedoch kritisieren IT-Experten unter anderem Probleme bei der Entfernungsmessung. Grund dafür sind unter anderem die verschiedenen Bluetooth-Chip-Arten, die in den Geräten verbaut sind und in unterschiedlichen Signalstärken aussenden.

“Tatsächlich gibt es Unschärfen”, sagt Salathé. Besonderheiten wie eine Plexiglasscheibe oder das Tragen einer Maske etwa würden nicht berücksichtigt. “Es ist wichtig klarzustellen, dass die App nicht das normale Contact Tracing ersetzen soll, sondern als unterstützende Maßnahme dient. Auch dabei ist eine gewisse Unschärfe vorhanden. Das Bluetooth-Protokoll wurde nie entwickelt, um Abstandsmessungen zu machen, es ist lediglich eine Abschätzung.” Man müsse die Entwicklung der kommenden Wochen abwarten. Erste Erfahrungen aus Italien hätten jedenfalls gezeigt, dass Nutzer dort nicht Tausende Alarme bekommen und die Gesundheitsämter nicht überrannt werden.

“Jeder App-Nutzer ist ein Gewinn”

In anderen Ländern sind Corona-Tracing-Apps bereits seit Längerem im Einsatz. Doch hier zeigte sich, dass oft nur ein geringer Teil der Gesamtbevölkerung entsprechende Anwendungen auch heruntergeladen hat. Einer viel zitierten Studie der Oxford-Universität zufolge würden die Apps zur Nachverfolgung ihren Nutzen erst erfüllen, wenn 60 Prozent der Bürger sie verwenden. Jedoch gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die App auch bei einer geringeren Nutzung positive Auswirkungen mit sich bringe.

So sieht es auch Ute Teichert: “Jeder, der die App nutzt, ist ein Gewinn. Ich würde davon absehen, das an einem Fixpunkt zu orientieren. Selbst wenn sie nur wenige nutzen, würde uns das neue Erkenntnisse bringen. Wir werden auf jeden Fall daraus lernen, werden es weiterentwickeln und all die Fragen, die sich jetzt stellen, auch im Echtbetrieb sehen. Das ist eine historische Chance, dass wir mit einem neuen System neue Wege gehen.”

Von Mila Krull/RND