Freitag , 25. September 2020
Linda Zervakis fühlt sich wegen ihrer zwei Nationalitäten oft, als würde sie zwischen den Stühlen stehen – oder sitzen. Quelle: Daniel Roché

Linda Zervakis: “Auf einmal war ich die ‘Tagesschau’-Frau mit Migrationshintergrund”

Seit 2013 ist Linda Zervakis Sprecherin der “Tagesschau” um 20 Uhr. Seitdem war auch plötzlich ihr Migrationshintergrund wieder Thema. Nun startet die Moderatorin ihren Podcast “Gute Deutsche”. Im RND-Interview spricht sie über die Idee dahinter und ihre Erfahrungen mit Vorurteilen und Rassismus.

Linda Zervakis, Ihr neuer Podcast heißt „Gute Deutsche“. Was steckt dahinter?

Der Titel soll ein bisschen provozieren. Er soll aber auch zeigen, dass Menschen, die noch eine andere Herkunft in sich tragen, aber hier geboren sind oder jahrelang hier leben, das Zeug haben, gute Deutsche zu sein.

Würden Sie sich selbst als gute Deutsche bezeichnen?

Ich bin ein Mischmasch, ich bin eine gute Deutsche, ich bin eine gute Griechin, ich bin eine gute Europäerin.

Woran merken Sie es, dass Sie in Deutschland oft als Griechin gesehen werden und in Griechenland als Deutsche?

In Griechenland hängt es vor allem mit der Aussprache zusammen, ich habe offensichtlich einen deutschen Akzent. Hier in Deutschland hat das erst angefangen, als ich zur “Tagesschau” gekommen bin. Da gab es die Schlagzeile “Die erste ‚Tagesschau’-Sprecherin mit Migrationshintergrund” – das war ein Überraschungsmoment für mich, diesen Hintergrund hatte ich total vergessen. Ich hatte damit nie ein Problem, auch in der Schule nicht. Da spielte es eher eine Rolle, wie man drauf war. Das ist auch mein Lebensprinzip. Ich unterscheide nicht nach Herkunft, sondern bei mir kommt es darauf an, ob ich einen Menschen mag und mit ihm klarkomme. So war das bei mir bislang auch. Und auf einmal war ich die “Tagesschau”-Frau mit Migrationshintergrund.

Ihr Migrationshintergrund wurde also erst Thema für Sie, als Sie in der Öffentlichkeit standen?

Genau. Da gab es so eine Stigmatisierung, bei der ich mich frage: Bin ich jetzt die Vorzeigemigrantin? Ist das wichtig für den Job? Ich bin gerade von älteren Menschen oft angesprochen worden, die sagen: “Ich höre die Nachrichten mit Ihnen total gern, weil sie sprechen so deutlich.” (lacht) Da muss ich immer in mich reingrinsen, weil ich denke: Ach Mensch, und das, obwohl ich einen Migrationshintergrund habe.

Haben Sie persönlich auch mal Vorurteile oder sogar Rassismus erlebt?

Ich wurde mal nach einer Frühschicht beim Radio von einem Pärchen angehalten und gefragt, wo es zum Krankenhaus geht. Ich wollte gerade ansetzen und dann guckte mich die Frau noch mal an und fragte ganz langsam: “Können Sie uns denn verstehen?” Auf meine Nachfrage hin, warum denn nicht, sagte sie: “Sie sehen so anders aus.” Das war total skurril. Und dann bin ich mal in den Neunzigern beim Shoppen in eine Rechtsextremendemo in Hamburg geraten, und auch wenn das nicht direkt gegen mich gerichtet war, bin ich in einen Laden gerannt und habe mich zwischen Kleiderständern verkrochen und gewartet, bis die weg waren. So was macht mir Angst.

Haben Sie mitbekommen, ob es während der Finanzkrise vermehrt zu Vorurteilen gegen Griechen gekommen ist?

Ja, da gab es diese blöden Witze à la “Griechen können nicht mit Geld umgehen” oder sind faul et cetera. Das fand ich verletzend und unfair, weil viele Griechen zu der Zeit und auch jetzt noch zum Teil zwei, drei Jobs haben, um klarzukommen.

Was bedeutet denn für Sie Heimat?

Hamburg ist meine Heimat, weil ich hier groß geworden bin und ich hier meine Familie und meine Freunde habe. Trotzdem ist es so, dass ich in Griechenland eine gewisse Zugehörigkeit spüre. Es ist etwas Vertrautes, weil ich mich in diesem Land sofort gut aufgenommen fühle. Das ist anders, wenn ich jetzt zum Beispiel nach Italien fahre, da brauche ich einen Tag, um mich zu akklimatisieren.

In jeder Folge Ihres Podcasts haben Sie einen Prominenten zu Gast. Wer hat Sie bisher am meisten überrascht?

Das war die Journalistin Salwa Houmsi, weil ich nicht gedacht hätte, dass es bei ihr so oft Thema ist, wo sie herkommt, weil sie auch in Deutschland geboren und aufgewachsen ist und man ihr, wie ich finde, nicht sofort ansieht, dass sie Halbsyrerin ist. Was mich auch schockiert hat, war bei “Zeit”-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, der in den 60er-Jahren hierhergekommen ist und eine deutsche Mutter hat und der einen Altnazi als Lehrer hatte, der dann gesagt hat: “Di Lorenzo sollte man erhängen.” Das wäre heute undenkbar. Damals ging das noch, weil sich keiner erhoben hat. Ich hatte auch den Musiker Megaloh, dessen Mutter Nigerianerin ist und sein Vater Halbdeutscher und Halbniederländer, zu Gast. Der sagt, er kann sich nicht als Deutscher fühlen, weil er aufgrund seiner Hautfarbe immer wieder Rassismus erlebt. In Nigeria ist er aber “der Weiße”, weil die Menschen dort sehen, dass er nicht so dunkel ist wie sie vor Ort.

Sie sind seit 2013 Sprecherin DER deutschen Nachrichtensendung, der “Tagesschau” um 20 Uhr. Ist Ihr Migrationshintergrund da auch heute noch Thema?

Es ist seltener geworden. Aber ich wundere mich immer noch, dass das noch als Zusatz kommt. Stellen Sie sich das mal auf einer Visitenkarte vor. Da würde ich ja auch nicht schreiben: “‘Tagesschau’-Sprecherin mit Migrationshintergrund.” Es geht doch darum, wie ich den Job mache und nicht, woher ich komme.

Ende des Jahres könnte Jan Hofer möglicherweise als Chefsprecher der “Tagesschau” aufhören. Hätten Sie Ambitionen, ihm nachzufolgen?

Auf gar keinen Fall will ich Chefsprecherin werden. (lacht) Ich bin ja quasi der letzte Neuzugang. Ich weiß auch gar nicht, ob es diesen Posten dann noch weiterhin geben wird. Herr Hofer ist ja auch zuständig für Dienstpläne, muss Lücken füllen und ist für alle Bereiche im Haus erster Ansprechpartner. Die Verantwortung möchte ich nicht übernehmen.

Der Podcast “Gute Deutsche” mit Linda Zervakis ist ab dem 15. Juni auf Spotify zu hören.

Von Hannah Scheiwe/RND