Mittwoch , 23. September 2020
Männliche Hühner-Küken sind für die Fleisch- und Eierproduktion ungeeignet. Quelle: Peter Endig/dpa

Das große Herumeiern: Warum männliche Küken in Deutschland weiterhin getötet werden

Vor rund einem Jahr hat das Bundesverwaltungsgericht das Töten männlicher Küken weiter gestattet – aber nur, bis es Verfahren zur Bestimmung des Geschlechts der Tiere im Ei gibt. Doch noch liegen marktreife Alternativmethoden in weiter Ferne.

Bonn. Der Deutsche Tierschutzbund beklagt, dass auch weiterhin männliche Eintagsküken getötet werden. Obwohl das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig vor einem Jahr deutlich gemacht habe, dass das Kükentöten nicht mit dem Tierschutzgesetz und dem Staatsziel Tierschutz vereinbar sei, liege ein Ausstieg aus der Praxis in weiter Ferne, kritisierte der Tierschutzbund am Mittwoch in Bonn.

Urteil setzt auf Technik zur Geschlechtsbestimmung bei Embryos

Die Richter hätten sich „verkalkuliert und blind auf die Zusicherung einer Branche vertraut“, die angekündigt habe, Alternativmethoden zu entwickeln, kritisierte die Organisation. In ihrem Urteil hätten sie auf die Geschlechterbestimmung im Ei verwiesen, die „in näherer Zukunft“ möglich sein werde. Doch bis heute gebe es keine marktreifen tierschutzgerechten Alternativmethoden.

Vor einem Jahr hatten die Leipziger Richter in ihrem Urteil klargestellt, dass das massenhafte Töten männlicher Küken in der Legehennenzucht vorerst weiter erlaubt bleibt. Demnach dürfen Zuchtbetriebe männliche Küken noch solange kurz nach dem Schlüpfen töten, bis geeignete Verfahren zur Geschlechtsbestimmung der Tiere im Ei entwickelt sind.

Da dies “voraussichtlich in Kürze” der Fall sein werde, bleibe die bisherige Praxis bis dahin zulässig, hatte das Gericht erklärt (AZ: 3C 28.16, 3C 29.16). Tierschützer und Politiker sprachen von einem enttäuschenden Urteil.

2019: Rund 45 Millionen männlicher Küken getötet

“Es ist ein Jahr vergangen und wir müssen feststellen: Es hat sich so gut wie gar nichts getan in der Zeit”, sagte Christian Rehmer vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gegenüber RTL. Alleine im vergangenen Jahr wurden rund 45 Millionen männlicher Küken getötet – das ging aus einer Antwort des Bundeslandwirtschaftsministeriums auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion hervor.

Männliche Küken sind für die Fleisch- und Eierproduktion ungeeignet. In der EU wird es deshalb geduldet, dass sie innerhalb von 72 Stunden nach dem Schlüpfen geschreddert oder vergast werden.

Aldi will bis Ende 2020 auf Kükentöten verzichten

Initiativen wie “Bruderhahn” und “Zweinutzungshühner” stemmen sich vehement gegen diese Praxis. So setzt die “Zweinutzungshühner”-Initiative auf eine Hühnerrasse, die sowohl zur Eier- als auch zu Fleischerzeugung gehalten werden kann. Hennen können somit zur Eierproduktion und Hähne zur Mast genutzt werden.

Auch Discounter wie Aldi, Rewe und Penny sprechen sich inzwischen gegen das Kükentöten aus. Unter dem Label “Respeggt” (englisch “egg”, zu deutsch Ei) werben Rewe und Penny für Eier, bei denen das Kükentöten durch Geschlechtsbestimmung vermieden wurde. Aldi will die Praxis bis Ende 2022 ganz beenden.

Können Embryos Schmerz empfinden?

Um die Entwicklung praxistauglicher Verfahren zur Geschlechtsbestimmung von Embryos voranzubringen, hat das Bundeslandwirtschaftsministerium rund 6,5 Millionen Euro investiert.

“Man braucht ein Geschlechtsbestimmungsverfahren, das sehr früh bestimmen kann und das preiswert ist. Die Kosten sind im Moment noch sehr hoch“, kritisiert jedoch Friedrich-Otto Ripke vom Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft im Gespräch mit RTL.

„Bei Eierpreisen von ungefähr unter 10 Cent pro Stück im Verkauf, sind zwei Cent Geschlechtsbestimmungskosten relativ viel.” Zudem sei noch nicht ganz geklärt, ob die Embryos in den Eiern bei den Tests Schmerzen empfinden oder nicht.

Laura Beigel mit epd