Mittwoch , 23. September 2020
Gewerkschaften kritisieren Facebook. Quelle: Christophe Gateau/dpa

Europäischer Gewerkschaftsbund attackiert Facebook wegen Messenger-Zensur

Mit “Facebook Workplace” will der Internetgigant bald einen neuen Markt erobern: das lukrative Feld der Messenger für Unternehmen. Nun gibt es Ärger mit dem Europäischen Gewerkschaftsbund (ETUC). Der hat mitbekommen, dass Zensurmechanismen auch zur Verhinderung von gewerkschaftlicher Arbeit genutzt werden könnten.

Der Europäische Gewerkschaftsbund (ETUC) hat den Internetgiganten Facebook aufgefordert, sich zur Wahrung von Arbeitnehmerrechten zu bekennen. Zuvor war bekannt geworden, dass “Facebook Workplace” als Messenger für Unternehmen auch die Möglichkeit bietet, einzelne Begriffe zu zensieren. Das soll Facebook intern vorgeführt haben – und zwar anhand des Begriffs “unionize”, wie das Investigativportal “The Intercept” schildert. “Unionize” bedeutet übersetzt “sich gewerkschaftlich organisieren”.

Mit “Workplace” will Facebook in ein neues Marktsegment vordringen: Die Kommunikation innerhalb von Unternehmen soll ortsunabhängig möglich werden, unter anderem gehören Chats und Videokonferenzen zu dem Tool. Facebook gibt an, dass derzeit fünf Millionen Kunden “Workplace” nutzen. Damit ist es ein vergleichsweise kleiner Messenger, Microsoft Teams, Slack und Zoom haben ein Vielfaches an Nutzern.

Doch Facebook baut seinen Service derzeit weiter aus, immerhin ist der Markt für derartige Software auch wegen der Corona-Pandemie zuletzt kräftig gewachsen. Und eines der neuen Features ist die Kontrolle von Inhalten, die über den Messenger verschickt werden können. “Content Control” nennt Facebook die Funktion einer internen Präsentation zufolge. Diese liegt “The Intercept” vor.

Schwarze Listen für bestimmte Begriffe

Demonstriert wurde das Feature anhand des Begriffs “unionize”, berichtet “The Intercept” weiter. Demnach sei es den Administratoren des Firmenchats möglich gewesen, Nachrichten mit dem Begriff auf eine schwarze Liste zu setzen oder sie zu löschen. Übersetzt bedeutet “unionize” “sich zu einer Gewerkschaft zusammenschließen” oder “sich in einer Gewerkschaft engagieren”.

Der Europäischen Gewerkschaftsbund sieht die Entwicklung mehr als kritisch: Man wende sich entschieden gegen Praktiken, die gewerkschaftliches Engagement behindern, schrieb ETUC-Generalsekretärin Esther Lynch am Freitag in einem offenen Brief an europäische Facebook-Manager. “Ich möchte hiermit Facebook daran erinnern, dass Unionbusting und andere diskriminierende Aktivitäten gegenüber Gewerkschaften in Europa absolut verboten sind”, so Lynch. Dazu gehöre es auch, Informationen in firmeninternen Netzwerken mittels schwarzer Listen zu zensieren.

Facebook macht Rückzieher

Der ETUC fordert Facebook nun auf, derartige Features bei “Workplace” gar nicht erst anzubieten. Außerdem müsse das Unternehmen versichern, dass es künftig das Grundrecht auf gewerkschaftliches Engagement respektiere, schreibt Lynch. Zum ETUC gehört auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). Insgesamt stehen hinter dem ETUC Gewerkschaften mit mehr als 45 Millionen Mitgliedern.

Laut “The Intercept” hat Facebook mittlerweile auf das Schreiben reagiert. Grundsätzlich sei die Moderation von Inhalten mittels schwarzer Listen für einzelne Begriffe sinnvoll, teilte das Unternehmen mit. Allerdings sei das in der Präsentation verwendete Beispiel schlecht ausgewählt worden. “Das hätte nicht benutzt werden dürfen”, so Facebook. Vorerst soll die neue Funktion nicht von Kunden genutzt werden.

Erst am Donnerstag war der Videokonferenzdienst Zoom in die Kritik geraten, weil er chinesische Menschenrechtsaktivisten bei der Nutzung behindert hatte – möglicherweise auf Druck der Regierung der Volksrepublik.

RND

 

Von Christoph Höland/RND