Mittwoch , 28. Oktober 2020
Die ehemalige ARD-Moderatorin Eva Herman steckt tief im rechten Sumpf. Beim Nachrichtendienstleister Telegram unterhält sie viele Menschen mit Weltuntergangstheorien. Ihr Geschäft floriert. Quelle: imago images/Future Image/Reiner Zensen/RND Montage Behrens

Geschäfte mit dem Weltuntergang: Der tiefe Fall der Eva Herman

Im Jahr 2003 ist Eva Herman laut einer Emnid-Umfrage die “beliebteste Moderatorin Deutschlands”. 17 Jahre später steckt die ehemalige “Tagesschau”-Sprecherin tief im Sumpf der rechten Szene. Was ist nur passiert?

Hamburg. Wenn Eva Herman in die Kamera spricht, dann klingt das vertraut. Ihr Duktus ist geprägt von Sprachtrainings, von jahrelanger Moderatorentätigkeit bei der “Tagesschau” und auf den Unterhaltungsbühnen des Landes. Herman blickt ernst, spricht ruhig und deutlich. Sie weiß, was sie da macht. Noch immer gibt sie sich als seriöse Journalistin. Als die Frau, die einst einem Millionenpublikum allabendlich die Welt erklärte.

Auch ihr Interview mit dem Sänger Xavier Naidoo, das Herman im Mai auf Youtube veröffentlicht, wirkt souverän. Es hätte so oder so ähnlich auch vor 15 Jahren in ihrer Talkshow “Herman und Tietjen” stattfinden können – wäre da nicht sein Inhalt.

Schon in ihrer Anmoderation macht Herman deutlich: “Xavier, wir beide haben schon vor vielen Jahren gemeinsam auf ARD-Bühnen gestanden. Du als Sänger und ich als ARD-Moderatorin. Inzwischen sind wir beide draußen aus dem System.” Es folgt ein selbstreferenzielles Gespräch, in dem unter anderem die “die letzten Atemzüge der BRD” heraufbeschworen werden.

Die große “Wahrheitserzählerin”

Dieses “raus aus dem System” oder dessen Ende, das ist so etwas wie Hermans Markenzeichen. Seit ihrem Rauswurf bei der ARD im Jahr 2006 gibt sich Herman als große “Wahrheitserzählerin”. Als eine, die das System durchschaut – als eine der wenigen, die aus ihm ausbrechen konnten. Sie spricht über die “Lügenpresse”, von der “Gleichschaltung der Medien”. Die Berichterstattung werde im “Bundeskanzleramt eingenordet”, die Chefredakteure würden “auf Kurs gebracht”. Das ist Hermans Lieblingsthema, und das seit mehr als 15 Jahren.

Offenbar ist Herman aber nicht nur “aus dem System” ausgebrochen – sie hat sich auch ein neues aufgebaut. Einem “Spiegel”-Bericht zufolge verkauft der rechte “Selbstversorger” Frank Eckhardt auf der Insel Cape Breton in Kanada Land zu hohen Preisen an deutsche Rechtsradikale und Verschwörungsideologen. Eva Herman und ihr Lebensgefährte Andreas Popp sollen ein ähnliches Geschäftsmodell betreiben, jedoch nicht mit Eckhardt zusammenarbeiten. “Rechte Verschwörungsideologen, darunter die ehemalige ‘Tagesschau’-Sprecherin, locken Deutsche in die kanadische Provinz Nova Scotia”, heißt es im Onlineartikel des “Spiegel”.

Eva Herman, eine einst respektierte ARD-Journalistin, die heute in Kanada eine Kolonie für Rechtsextreme aufbauen soll? Was ist nur passiert?

Das “Eva-Prinzip”

Hermans Karriere beginnt unaufgeregt, 1983 beim Bayerischen Rundfunk. Hier wird sie zur Fernsehsprecherin ausgebildet, moderiert später für den Hörfunksender Bayern 3. Ihr Chef in der Sendung “Rushhour” ist damals TV-Legende Thomas Gottschalk.

Im Bayerischen Fernsehen moderiert Herman später Nachrichten- und Unterhaltungssendungen, 1988 wechselt sie zum NDR nach Hamburg, spricht hier nur wenig später ihre erste “Tagesschau”-Sendung. Es folgt die Moderation diverser Unterhaltungsshows, darunter die Talkshow “Herman und Tietjen”. Fast 20 Jahre geht das so. Im Jahr 2003 gilt Herman laut einer Emnid-Umfrage gar als “beliebteste Moderatorin Deutschlands”.

Der Anfang vom Ende ihrer Karriere ist im Jahr 2006 ein Artikel im konservativen Magazin “Cicero”. Dort bezeichnet Herman den Feminismus als Irrtum. Dieser habe niedrige Geburtenraten bewirkt, sodass ein Aussterben der Deutschen drohe. Zudem fordert Herman eine Rückkehr zu klassischen Geschlechterverhältnissen. Frauen sollen ihrer Ansicht nach vor allem Mütter sein. Überschrieben ist der Artikel mit dem Satz “Zurück an den Herd!”.

Früher war alles besser

Hermans Meinung polarisiert. Es folgt das Buch “Das Eva-Prinzip”, das unter anderem von Alice Schwarzer, Thea Dorn und der früheren Familienministerin Renate Schmidt scharf kritisiert wird. Bei vielen Lesern kommt die gezielte Provokation jedoch gut an.

Zum endgültigen Knall kommt es ein Jahr später. Im September 2007 stellt Herman ihr Nachfolgebuch “Das Prinzip Arche Noah” Journalisten vor und sagt dabei folgenden Satz:

“Wir müssen den Familien Entlastung und nicht Belastung zumuten und müssen auch ‘ne Gerechtigkeit schaffen zwischen kinderlosen und kinderreichen Familien. Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er-Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68ern wurde damals praktisch alles das – alles, was wir an Werten hatten – (…); es war ‘ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle. Aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt – das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehen bleiben (…)”

Hermans Aussagen werden von verschiedenen Medien als Verherrlichung der NS-Familienpolitik gewertet. Ein Artikel in der “Bild”-Zeitung wird überschrieben mit der Zeile “Eva Herman lobt Hitlers Familienpolitik”, das Zitat der Moderatorin wird verkürzt wiedergegeben.

NDR wirft Herman raus

Hermans Aussage sorgt auch intern für Ärger. Die damalige NDR-Rundfunkrätin Sara-Ruth Schumann macht deutlich, sie erwarte von einer “intelligenten Moderatorin”, “dass sie sauber formuliert”. Michael Fürst, Mitglied im NDR-Verwaltungsrat, erklärt: “Wenn sie diesen verquasten Unsinn so gesagt hat, spricht das für ein sehr schlichtes Gemüt und ist historisch unverantwortlich.”

NDR-Programmdirektor Volker Herres teilt wenig später mit, man werde die Zusammenarbeit mit Eva Herman beenden. Ihre schriftstellerische Tätigkeit sei nicht länger mit ihrer Rolle als Fernsehmoderatorin vereinbar, so Herres.

Sie führe einen “Mutterkreuzzug”, dessen polarisierende Wirkung die von ihr moderierten Sendungen negativ beeinflusse. Herman selbst verschlimmert die Situation noch, indem sie die Medienberichte als “vorsätzliches Liquidieren durch eine zum Teil gleichgeschaltete Presse” bezeichnet.

Skandal in Kerner-Talkshow

Seinen Höhepunkt erreicht der Skandal in der ZDF-Talkshow von Johannes B. Kerner. Dort beklagt die Moderatorin, bestimmte Meinungen in Deutschland seien tabu. “Ich muss einfach lernen, dass man über den Verlauf unserer Geschichte nicht sprechen kann, ohne in Gefahr zu geraten.” Nach 53 Minuten fordert Kerner Herman auf, die Sendung zu verlassen. Die Sendung hat sagenhafte Einschaltquoten, Hermans Karriere jedoch ist am Ende.

Wie all das passieren konnte, fragt sich zu diesem Zeitpunkt auch Bettina Tietjen. Mit ihr moderierte Herman jahrelang eine eigene Talkshow im NDR. “Ich finde es traurig, dass es so weit kommen musste”, sagt die Moderatorin 2007 in einem Interview mit der “Hamburger Morgenpost”. “Eva ist ja kein Neonazi. Einige ihrer Äußerungen sind aber völlig inakzeptabel, das habe ich ihr schon immer gesagt.”

Herman wird zur Verschwörungsikone

Zu diesem Zeitpunkt verschwindet Herman aus der Öffentlichkeit. Wenige Jahre später taucht sie jedoch wieder auf – auf der Website des rechten Kopp-Verlags. Dort liest sie in einem Videoformat verschwörungstheoretische Nachrichten vor, im Stile der “Tagesschau”.

Für den Verlag schreibt Herman auch Artikel. 2010 beispielsweise kommentiert sie das Unglück bei der Loveparade und suggeriert, die Opfer hätten eine Art göttliche Strafe auf sich gezogen, weil sie “fast völlig nackt” getanzt hätten, ohne “Sittlichkeit oder Anstand”.

2014 spezialisiert sich Herman auf die Ukraine-Krise, wirft dem Westen in verschiedenen Youtube-Formaten und russischen Staatsmedien “Kriegstreiberei” vor. Während der Flüchtlingskrise äußert sich Herman rassistisch und antisemitisch. In einem Interview auf der Website “Wissensmanufaktur” spricht sie von einem Europa, das “mit Afrikanern und Orientalen geflutet” werde, dahinter stecke “eine bestimmte Gruppe von Machtmenschen des globalen Finanzsystems”.

Bei Telegram ist jeden Tag Weltuntergang

Das Portal “Wissensmanufaktur” wird betrieben von Andreas Popp, mit dem Herman liiert ist. Dieser verdient mit Verschwörungstheorien und rechtem Gedankengut sein Geld. Er tritt auf verschwörungstheoretischen Konferenzen auf, etwa der der verschwörungstheoretischen “Anti-Zensur-Koalition” des Schweizers Ivo Sasek. In Youtube-Videos und Büchern prophezeit er den bevorstehenden Zusammenbruch des Finanzsystems, rät seinen Anhängern, schon einmal Notvorräte anzulegen. Schon in den 2000ern vertreibt der Geschäftsmann Edelmetall-Investmentfonds als vermeintlich krisenfeste Geldanlagen.

Eva Herman selbst ist heute neben ihren Tätigkeiten bei der “Wissensmanufaktur” vor allem auf Telegram aktiv. Ihrer Chatgruppe folgen 135.000 Menschen, einen Boom erlebt die ehemalige Moderatorin auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie.

Hier, auf Telegram, ist praktisch jeden Tag Weltuntergang: In einem aktuellen Post wirbt Herman für apokalypsenverträgliche Langzeitlebensmittel, angeboten vom Kopp-Verlag, in einem anderen für das Buch “perfekte Krisenvorsorge”. Und dann teilt Herman einen Artikel über den offenbar kurz bevorstehenden Zusammenbruch des US-Dollars – die Welt werde auf kurz oder lang zum Goldstandard zurückkehren.

Es kommt alles zusammen

Und plötzlich ergibt all das einen Sinn. Herman, Popp, die Bücher, das Gold, die Seminare, das Geschäft mit überteuerten Grundstücken in Kanada. Für Herman und ihren Lebensgefährten dürften die unaufhörliche Panikmache und ihre Lösungsansätze vor allem eins sein: ziemlich lukrativ.

Im “Spiegel” heißt es: Auch die deutschen Auswanderer auf Cape Breton sollen auf Seminaren von Popps “Wissensmanufaktur” angeworben worden sein. Kaufverträge, Wertgutachten, Gerichtsakten und Protokolle sollen die Geschäfte beweisen.

Den Teilnehmern sei auf den Seminaren der Zusammenbruch der europäischen Wirtschafts- und Sozialsysteme prophezeit worden. Die Veranstalter legten ihnen dann eine Investition im angeblich krisensicheren Kanada nahe und boten ihnen Grundstücke zum Kauf an – größtenteils wohl völlig überteuert.

Herman und Popp selbst dementieren das. Sie erklärten nach Erscheinen des Artikels, mit Frank Eckhardt nichts zu tun zu haben. Popp habe “seit 15 Jahren keinen Kontakt” zu ihm und Herman selbst kenne “diesen Mann überhaupt nicht”. Sie hätten außerdem niemanden aufgefordert, Grundstücke zu kaufen, sondern nur Seminare veranstaltet. Gegen den Bericht wolle man juristisch vorgehen.

Hinweis der Redaktion: Dieser Text wurde zuerst am 27. Juli veröffentlicht. Im August wurde er aktualisiert.

Von Matthias Schwarzer/RND