Donnerstag , 29. Oktober 2020
Der Gemeine Holzbock ist eine Zeckenart, die mehrere Viren im Körper trägt. Einige von ihnen sind auch FSME-positiv und können diesen Erreger bei einem Stich an den Wirt weitergeben. Quelle: imago images/blickwinkel

Zeckenalarm: Wo sind FSME-Risikogebiete in Deutschland und Europa?

Zecken können für den Menschen gefährliche Infektionskrankheiten übertragen. Bekannt ist neben Borreliose die Frühsommer-Meningoenzephalitis, kurz FSME. Die Krankheit wird durch ein Virus verursacht, das durch Zecken auf den Menschen übertragen wird. Genauer: durch einen Stich durch den Gemeinen Holzbock, Ixodes ricinus. Diese Zecke ist in Deutschland am häufigsten anzutreffen.

Wer sich ansteckt, leidet nach einer Inkubationszeit von in der Regel zwischen sieben und 14 Tagen häufig unter Grippesymptomen. Ein großer Teil der Infektionen, zwischen 70 und 95 Prozent, verläuft laut Robert-Koch-Institut jedoch asymptomatisch. Bei schwereren Verläufen können auch gefährliche Entzündungen im Gehirn, neurologische Ausfälle und lange andauernde Kopfschmerzen entstehen. Das Risiko, sich durch einen Zeckenbiss mit FSME zu infizieren, fällt regional aber sehr unterschiedlich aus.

Zecken in Deutschland: Wo sind FSME-Risikogebiete?

Das Robert-Koch-Institut vermerkt in einem im Februar dieses Jahres veröffentlichten Bericht, dass das Risiko einer Infektion vor allem in Bayern und Baden-Württemberg, in Südhessen, im südöstlichen Thüringen und in Sachsen besteht.

Einzelne Risikogebiete befinden sich laut RKI zudem in Mittelhessen (Landkreis Marburg-Biedenkopf), im Saarland (Landkreis Saarpfalz-Kreis), in Rheinland-Pfalz (Landkreis Birkenfeld) und in Niedersachsen (Landkreis Emsland). Drei neue Risikogebiete sind hinzugekommen, welche alle an bekannte Risikogebiete grenzen: zwei Kreise in Sachsen (Stadtkreis Dresden, Landkreis Meißen) sowie ein Kreis in Thüringen (Landkreis Schmalkalden-Meiningen).

Insgesamt gebe es aktuell 164 Kreise in Deutschland, die als FSME-Risikogebiete definiert wurden. “Es wurden auch in Bundesländern ohne FSME-Risikogebiete vereinzelt FSME-Erkrankungen beobachtet, sodass besonders während der Zeckensaison bei entsprechender Symptomatik überall in Deutschland differentialdiagnostisch an FSME gedacht werden sollte”, empfiehlt das RKI.

Zeckenrisikogebiete: Wieso treten im Süden mehr FSME-Fälle als in Norddeutschland auf?

“Wir sehen ein Gefälle zwischen Nord und Süd beim Auftreten von FSME-Infektionen”, erklärt die Zeckenforscherin und Parasitologin Ute Mackenstedt von der Universität Hohenheim im RND-Gespräch. “Rund 80 Prozent der Fälle treten in Baden-Württemberg auf, kaum welche im Norden.” Das habe aber nichts mit der Anzahl der Zecken zu tun. Es gebe in Nord- und Süddeutschland ungefähr gleich viele Zecken.

FSME-positive Zecken kommen der Expertin zufolge nur in sehr kleinräumigen Naturherden vor, viele Faktoren im Zyklus der FSME-Viren spielten dabei eine Rolle: die Anzahl der Nagetiere, die Anzahl der mit FSME infizierten Nagetiere und die Anzahl der Zecken. Für die Verbreitung von FSME-positiven Zecken spielen auch Großtiere wie Rehe, Schwarzwild, aber auch Füchse oder Vögel eine Rolle. Letztlich sei es auch entscheidend, ob der Mensch diese Naturherde auch betritt.

Neue FSME-Hotspots durch Zecken vorauszusagen gestalte sich schwierig. “Es wäre wunderbar, wenn wir eine Methode entwickeln könnten, mit der wir zuverlässig prognostizieren könnten, in welchen Naturherden es in Zukunft ein besonders hohes FSME-Risiko gibt. Aber das menschliche Verhalten ist nicht zu kalkulieren und ebendies ist ein sehr wichtiger Faktor”, sagt Mackenstedt.

Zecken in Europa: Wo sind FSME-Risikogebiete?

FSME-Endemiegebiete befinden sich laut RKI in Mitteleuropa in Österreich, Polen, Tschechien und der Slowakei. In Nord­europa steigt das FSME-Risiko in den baltischen Ländern, Süd- und Mittelschweden, an der Südküste Nor­we­gens und Finnlands und in Teilen Dänemarks. Auch im europäischen Teil Russlands sowie in Süd­ost­europa in Ungarn, Kroatien, Slowenien und Albanien übertragen Zecken FSME. Von geringerer Be­deu­tung sind Frank­reich (Elsass), Italien (Trentino) und Griechenland (Einzelfälle). Kein FSME-Ri­si­ko besteht auf der Iberischen Halbinsel, im Vereinigten König­reich und in den Benelux-Ländern.

FSME-Risiko im Frühjahr, Sommer, Herbst – und nun auch im Winter

FSME tritt laut RKI in Abhängigkeit von der Aktivität der virustragenden Zecken bevorzugt im Frühjahr und Sommer auf, häufig jedoch auch im Herbst. Bei warmer Wit­te­rung können Infektionen vereinzelt auch im Winter auftreten. “Erst bei länger anhaltenden Temperaturen von über sieben Grad werden Zecken aktiv”, erklärt die Zeckenforscherin Ute Mackenstedt von der Universität Hohenheim. In früheren Jahrzehnten habe es deshalb eine Winterruhe von Ende November bis Ende Februar gegeben. “Weil unsere Winter aber deutlich wärmer werden, müssen wir uns daran gewöhnen, dass sie das ganze Jahr über aktiv sind.”

Wie werden FSME-Erreger von Zecken übertragen?

FSME wird beim Zeckenstich übertragen, sehr selten durch virusinfizierte Rohmilch von Ziegen und Schafen, in Ausnahmefällen auch von Kühen. “Eine Infektion von Mensch zu Mensch gibt es nicht”, betont das Robert-Koch-Institut auf seiner Homepage. Der Saugakt des Gemeinen Holzbocks dauere mehrere Tage (Larve: zwei bis vier Tage, Nymphe: drei bis fünf Tage, Adulte: sechs bis acht Tage).

Zecken sind dafür bekannt, sich an geschützten Stellen am Wirt anzuheften. Beim Menschen stechen Zecken am Kopf (Haaransatz, Ohren), häufig aber auch an Hals, Achseln, Ellenbeuge, Bauchnabel, Genitalbereich oder Kniekehle. Auch eng anliegende Kleidung wird von der Zecke offensichtlich als geschützter Ort wahrgenommen und so stechen Zecken ebenso im Hüftbereich, wo die Hose aufliegt, oder unter dem Uhrarmband.

Zeckenbiss oder Zeckenstich?

Der biologische Mechanismus, mit dem die Zecke bei Tieren und Menschen Blut entnimmt, kommt eher einem “Stechen” als einem “Beißen” nahe. Der Begriff Zeckenstich hat sich in den letzten Jahren in der deutschsprachigen wissenschaftlichen Literatur durchgesetzt. Da die Wahl der Einstichstelle für das Überleben der Zecke von so hoher Bedeutung ist, sticht diese nicht sofort zu, wenn sie auf der Haut angelangt ist. Vielmehr läuft sie auch für längere Zeit auf dem Körper umher, um eine passende Stichstelle zu finden. Dies kann bis zu einer Stunde oder länger dauern.

Impfschutz: Wer sollte sich gegen FSME impfen lassen?

In der Regel sind drei Impfungen notwendig, um den vollen Impfschutz zu erreichen. Der Impfschutz hält laut Ständiger Impfkommission mindestens drei Jahre. 99 Prozent der Geimpften könnten mit einem vollständigen Schutz vor FSME rechnen. Eine Impfung empfiehlt sich, wenn jemand in Risikogebieten gegenüber Zecken exponiert ist, im Bereich Forst und Landwirtschaft arbeitet oder in FSME-Risikogebiete reist. Eine reisemedizinische Beratung geben Tropeninstitute, auf FSME spezialisierte niedergelassene Ärzte und teilweise die Gesundheitsämter.

RND/sbu