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Der britische Premier sieht Politik als Spiel – und offenkundig hat er auch für die Madman-Theorie etwas übrig, wonach es für einen Politiker “weise sein kann, Verrücktheit zu simulieren”, wie schon Niccolò Machiavelli im 16. Jahrhundert notierte: Boris Johnson bei einem Auftritt in Brüssel. Quelle: imago images/Xinhua

“Madman” Johnson muss aufhören mit den Spielchen

Die britische Regierung pokert ungerührt weiter – und droht mit einem chaotischen No-Deal-Brexit. In Wahrheit bleiben, egal, was London beschließt, die wichtigsten Partner der 67 Millionen Briten auch in Zukunft die 448 Millionen EU-Europäer vor ihrer Haustür, kommentiert Matthias Koch.

Angesichts von Pandemie und Rezession quer durch Europa hatten viele es fast vergessen: Großbritannien wird der Fülle von Krisen in der EU vor Jahresende noch ein zusätzliches, in diesem Fall rein menschengemachtes Problem hinzufügen – der Brexit steht bevor.

Die politischen Gremien der EU hat London schon verlassen. Zum 31. Dezember 2020 soll nun auch das Ende der ökonomischen Verzahnung folgen, der Austritt aus dem Binnenmarkt. Dieser Termin werde gehalten, sagt streng der britische Verhandlungsführer Lord Frost, “egal, was geschieht”. Auch wenn der Zug, der jetzt rollt, über die Klippe fährt.

EU-Verhandlungsführer Michel Barnier macht am heutigen Dienstag in London einen neuen Anlauf zu einem Abkommen für die Zeit ab dem 1. Januar 2021. Doch die Zeichen stehen schlecht. Frost setzt auf Poker pur und verschränkt die Arme: Anders als frühere britische Regierungen werde er sich nicht bluffen lassen.

Wer droht hier eigentlich wem – und womit?

“Wir werden nicht als Erster blinzeln”, verkündete Frost am Wochenende – die “Mail” machte daraus in freudiger Erregung prompt ihre Aufmacherzeile auf der Titelseite. Ins gleiche Horn stößt der Premierminister: “Boris Johnson droht der EU mit einem No-Deal-Brexit”, berichten am Montag ehrfürchtig alle Medien aus London.

Doch mal ehrlich: Wer kann in diesem Fall eigentlich wem drohen – und womit genau? Tatsächlich wird es zum 1. Januar entweder in letzter Minute ein Abkommen geben, das die Schäden für beide Seiten zumindest einigermaßen im Rahmen hält. Oder beide, sowohl die Briten als auch der gesamte Rest der EU, bekommen inmitten einer schweren Zeit durch einen chaotischen Brexit einen zusätzlichen Rezessionsimpuls.

 

Mit Vollgas und irrem Grinsen

Johnson sieht Politik als Spiel. Offenkundig hat er auch für die Madman-Theorie etwas übrig, wonach es für einen Politiker “weise sein kann, Verrücktheit zu simulieren”, wie schon Niccolò Machiavelli im 16. Jahrhundert notierte. Mit Vollgas und irrem Grinsen rasen die Briten jetzt Barnier auf schmaler Spur entgegen und hoffen, der Franzose werde im letzten Moment ausweichen. Johnson meint, so werde er sich am Ende durchsetzen. Doch in diesem Spiel können auch die Briten die Verlierer sein – wenn nicht beide.

Neuerdings schwärmt Johnson von einem EU-Handelsabkommen “wie mit Australien”, dies werde dann die britische Wirtschaft in funkelnde neue Zeiten führen. Doch erstens sind, hallo London, auch die Australier an engeren Beziehungen zur EU interessiert, detailreiche Gespräche mit Brüssel laufen gerade. Zweitens kann auch der härteste Brexit-Beschluss in London nichts ändern an der geografischen Nähe Großbritanniens zu den 27 EU-Staaten. Die wichtigsten Partner der 67 Millionen Briten bleiben die 448 Millionen EU-Europäer vor ihrer Haustür.

Es wird Zeit, dass Johnson dies anerkennt, ebenso wie den Ernst der aktuellen weltpolitischen Lage. Der Madman muss aufhören mit den Spielchen.

Es geht nicht nur um wirtschaftlichen Schaden

Ausgerechnet in London, dieser früher geopolitisch so wachen Stadt, werden heute mögliche globale Fernwirkungen der eigenen Politik ignoriert. Begreift niemand, wie schädlich es wäre, wenn Ende dieses Jahres weltweit die Nachricht von einem chaotischen Brexit die Runde machte?

Es geht um weit mehr als den möglichen wirtschaftlichen Schaden, den die Europäer beiderseits des Ärmelkanals einander zufügen könnten. Es geht leider um das Ende des Modells Europa. Einmal mehr, wie schon beim Brexit-Referendum im Jahr 2016, würden sich Autokraten rund um den Globus lachend auf die Schenkel schlagen: Seht her, das Denken in den Kategorien von Nationalismus und Abschottung hat endgültig alle ökonomische Vernunft besiegt; Europa selbst, das so fortschrittlich sein wollte, führt es uns nun vor.

Von Matthias Koch/RND