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Weniger als acht Wochen vor der Präsidentenwahl gehen US-Präsident Donald Trump und sein Kontrahent Joe Biden völlig unterschiedlich mit der Pandemie um - in Format und Botschaften. Quelle: imago/ZUMA Press/dpa/RND Montage Behrens

US-Wahlkampf in Corona-Zeiten: Trump und Biden können unterschiedlicher nicht sein

Sicherheitsabstände, Masken, kleine Teilnehmerzahlen - von solchen Vorschriften will Trump bei seinen Wahlkampfauftritten nichts wissen. Ganz anders als sein Herausforderer Joe Biden: Er verzichtet auf Reden vor tausenden Teilnehmern. Weniger als acht Wochen vor der Präsidentenwahl gehen Sie völlig unterschiedlich mit der Pandemie um - in Format und Botschaften.

Winston-Salem. North Carolina beschränkt die Teilnehmerzahl bei Veranstaltungen im Freien auf maximal 50, um eine Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. Aber das kümmert Präsident Donald Trump wenig. Einen jüngsten Wahlkampfauftritt in diesem wichtigen Bundesstaat absolvierte er vor mehreren Tausend Anhängern - und bei weitem die meisten waren ohne Gesichtsmaske. “So weit das Auge reicht”, sagte er stolz angesichts des großen Publikums, das wie er öffentliche Gesundheitsempfehlungen ignorierte. “Ich glaube wirklich, dass diese Mengen größer sind als vor vier Jahren.”

Einen Tag vorher hatte Trumps demokratischer Herausforderer Joe Biden in Pennsylvania Wahlkampf gemacht - in einem Garten hielt er ein kleines Treffen ab, bei dem auf Sicherheitsabstände geachtet wurde. Und ähnlich strikt wurden örtliche Regeln auch bei allen anderen seiner bisherigen öffentlichen Auftritte eingehalten: Einige Mitarbeiter seines Teams haben manchmal sogar den Veranstaltungsraum verlassen, um kein Überschreiten von Teilnehmer-Grenzen zu riskieren. “Wisst ihr, ich vermisse es wirklich, Hände schütteln zu können”, sagte der Ex-Vizepräsident kürzlich Anhängern. “Das kann man derzeit nicht tun.”

Unterschiede in Format und Botschaften

Es ist unübersehbar. Weniger als acht Wochen vor der Präsidentenwahl am 3. November gehen Trump und Biden in ihren Wahlkämpfen völlig unterschiedlich mit der Pandemie um - und das nicht nur im Format ihrer Veranstaltungen, sondern auch in ihren Botschaften. Biden unterstreicht die Richtlinien, die von örtlichen Gesundheitsbehörden unterstützt werden, während Trump Front gegen Beschränkungen macht, die er - ohne jeden Beweis - als politisch motiviert anprangert.

“Übrigens, Euer Staat sollte geöffnet sein”, sagte der Republikaner in North Carolina, das Roy Cooper, einen Demokraten, als Gouverneur hat. Cooper hatte Trump bei dessen großartigen Plänen für einen Nominierungsparteitag mit Tausenden Teilnehmern in der Stadt Charlotte im August einen Strich durch die Rechnung gemacht - und der Präsident musste andere Formate und andere Orte für seine offizielle Krönung als Spitzenkandidat der Republikaner wählen. Auch andere demokratisch geführte Staaten mit Corona-Beschränkungen kritisiert Trump immer wieder. “Es seid Ihr, es ist Michigan. Es sind einige andere”, beschwerte er sich in North Carolina.

Er konnte dort straffrei von Cooper für den gesamten Staat verfügte Teilnehmer-Grenzen überschreiten, weil "Aktivitäten, die eine Ausübung des Rechts auf freie Meinungsäußerungen darstellen" davon ausgenommen sind. Trump nutzte das aus, auf Kosten von Gesundheitsrisiken, wie eine Sprecherin Coopers kritisierte.

Trumps Rückkehr zu seinem traditionellen Wahlkampf

Trump sehe in seinen Kundgebungen eine Verkörperung der Wiederöffnung des Landes, die er predige, sagen Mitarbeiter und Unterstützer. Er glaube, dass die Öffnung lebenswichtig für eine wirtschaftliche Erholung und das sei, was die Wähler wollten. Damit setzt sich Trump auch über Ratschläge hinweg, die seine eigene Regierung ausgegeben hat. So sagte Anthony Fauci, der US-Topexperte für Infektionskrankheiten, kürzlich dem Sender CBS, er sei frustriert über Trumps Rückkehr zu seinem traditionellen Wahlkampf.

Trump-Veranstaltungen im Freien waren früher eher die Ausnahme: Er zieht das ohrenbetäubende Echo und die Klimaanlagen geschlossener Räume vor. Aber nachdem bei einer Kundgebung im Juni in Oklahoma die Arena nur halb gefüllt war, ist sein Wahlkampfstab auf andere Orte wie Flugzeughangars und Rollfelder umgeschwenkt. Woran sich nichts geändert hat, sind Trumps Prahlereien über seine Zuschauermengen im Vergleich zu Bidens. “Wenn er auf 200 Leute kam, dann glaube ich wäre das viel”, sagte er kürzlich über eine Veranstaltung seines Opponenten.

Bidens Möglichkeit eines direkten Dialoges

Tatsächlich sind Bidens Zuschauermengen bisher sogar weitaus kleiner gewesen. Der Demokrat ist seit Beginn der Pandemie eher spärlich in der Öffentlichkeit aufgetreten und hat sich dabei stets an staatliche Regeln oder Richtlinien gehalten: 25 Leute in Pennsylvania, zehn Personen in geschlossenen Räumen in Michigan und immer Masken als Pflicht.

Diese Begrenzungen geben Biden auch die Möglichkeit eines direkten Dialoges mit Vertretern wichtiger Wählergruppen wie Gewerkschaftlern und Gemeindeführern, mit denen er oft in Privathäusern zusammenkommt: Auftritte in einer Arena waren ohnehin nie seine besondere Vorliebe. Zugleich schalten Veranstaltungen im kleinen Kreis auch die Möglichkeit von Konfrontationen mit Protestierenden aus, mit denen er es bei Auftritten vor der Pandemie wiederholt zu tun hatte. Aber sogar wenn Biden reinen Gruppen von Unterstützern begegnet, kommt es nur selten zu einem improvisierten Austausch.

Als er vergangene Woche in einem Universitätsgebäude in Pittsburgh (Pennsylvania) eine Rede zu Corona hielt, versammelten sich spontan mehr als 100 Anhänger mit Biden-Plakaten. "Wir wollen Joe!", riefen sie in Sprechchören. Aber Biden blieb nach seiner Rede im Gebäude, um dort eine virtuelle Spendensammelaktion abzuhalten und verließ es dann abrupt, um in einer nahegelegenen Feuerwehr-Station Pizza zu verteilen - ohne sich seinen wartenden Fans zu widmen.

Und als Biden sich kürzlich auf der Terrasse eines Privathauses bei Milwaukee (Wisconsin) unter anderem mit zwei Lehrern traf, blieb ihm danach weniger als eine Minute Zeit für eine Gruppe von 200 wartenden Anhängern. Aber das war immerhin mehr als es 100 Fans in Pennsylvania widerfuhr: Biden winkte ihnen vom Fenster eines Gewerkschaftsgebäudes aus zu, aber näherte sich ihnen nach dem Verlassen nicht.

Ausnahme: Wahrnehmung von Verfassungsrechten

Trump setzte sich derweil am Donnerstag in Michigan über Warnungen von Gouverneurin Gretchen Whitmer hinweg, die vor einem Wiederaufflammen der Pandemie gewarnt hatte. Vor Tausenden dicht gedrängten Anhängern, fast alle ohne Maske, schimpfte er über die von Whitmer erlassenen Restriktionen. Dazu gehören die Begrenzung von Treffen im Freien auf höchstens 100 Personen und Maskenpflicht, falls ein Sicherheitsabstand von 1,80 Meter nicht möglich ist. Ausnahmen gelten für die Wahrnehmung von Verfassungsrechten wie der freien Meinungsäußerung, weshalb Whitmer die Kundgebung auch nicht verboten hat. Trump wetterte, die Demokratin wisse nicht, was sie tue. "Sagt Eurer Gouverneurin, sie soll Euren Staat wieder öffnen", forderte er.

RND/AP