Donnerstag , 24. September 2020
Auch eine Woche nach dem Brand von Moria harren Tausende obdachlos gewordene Migranten auf den Straßen von Lesbos aus. Viele haben Angst davor, in das jetzt errichtete Zeltlager zu ziehen – weil sie fürchten, dort eingesperrt zu sein. Quelle: Getty Images

Kreuzfahrtschiffe für Moria-Flüchtlinge? “Ein Schiff ist besser als der Straßenrand”

Berlin. Die nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria obdachlos gewordenen Flüchtlinge wollen nicht in das vom griechischen Militär derzeit errichtete, provisorische Zeltlager. Die Einheimischen auf der Insel Lesbos wollen die Geflüchteten nicht auf der Insel haben. Die griechische Regierung wiederum will die rund 12.000 Männer, Frauen und Kinder nicht aufs Festland umsiedeln. Die Lage in der Ostägäis ist dramatisch und vertrackt.

Der Grünen-Europaabgeordnete Erik Marquardt schlägt nun vor, die Geflüchteten auf Kreuzfahrtschiffen vor der Küste oder am Hafen von Lesbos einzuquartieren. “Das wäre eine Zwischenlösung – für die Migranten und auch für die Inselbewohner”, sagt Marquardt, der zurzeit auf Lesbos ist. “Die Unterbringung der Menschen auf Schiffen würde die Voraussetzung schaffen, um wieder sachlich miteinander diskutieren und eine langfristige Lösung finden zu können.”

Marquardt ist an mehrere Reedereien herangetreten – und fand mit der ungewöhnlichen Idee Gehör. “Viele Schiffe haben bereits Hygienekonzepte erarbeitet. Angesichts des eingebrochenen Markts für Kreuzfahrtreisen sind die Reedereien dankbar für alternative Einnahmequellen”, sagt er.

Kreuzfahrtschiffe böten ausreichend Platz und Sicherheit. Zudem erfüllten sie die Standards zum Infektionsschutz und stellten eine Infrastruktur für eine menschenwürdige Unterbringung bereit. “So wäre eine würdige, geordnete Unterbringung sehr kurzfristig möglich”, sagt Marquardt.

Auch Katarina Barley, Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, unterstützt die Idee. Auf Lesbos spiele sich ein humanitäres Drama ab, sagt die SPD-Politikerin. “Der Brand hat das wenige Hab und Gut, das den Geflüchteten geblieben ist, zerstört und sie benötigen dringend ein Dach über dem Kopf. Schiffe mit Hygienekonzept können ihnen kurzfristig Schutz bieten”, so Barley.

“Kurzfristiger Schutz”

Auch sie ist im Gespräch mit Reedereien, konkrete Angebote zu Selbstkosten lägen vor. “Die Europäische Kommission sollte hierauf zügig eingehen. Die Schiffe sind eine Möglichkeit, sowohl den Geflüchteten als auch den Inselbewohnern kurzfristig Entlastung zu verschaffen, denn beide sind zum Spielball der gescheiterten europäischen Asylpolitik geworden”, betont Barley.

Zu den Kreuzfahrtanbietern, die helfen wollen, zählt das Unternehmen Phoenix Reisen aus Bonn. Fernsehzuschauern dürften dessen Schiffe aus den Serien “Traumschiff” und “Verrückt nach Meer” bekannt sein.

Johannes Zur­nie­den, Ge­schäfts­füh­rer von Phoe­nix Rei­sen, sagt: “Wir stehen bereit, ein Schiff nach Lesbos zu schicken, um den Flüchtlingen und auch der Inselbevölkerung vor Ort zu helfen. Um Geld geht es uns nicht. Wir würden das Schiff auch verschenken.”

“Schiffe liegen nutzlos in Deutschland”

Zur­nie­den wühlt die Lage auf Lesbos auf. “Wir haben Schiffe, die nutzlos hier in Deutschland liegen, während die Menschen auf Lesbos ohne Toiletten sind und nicht wissen, wo sie schlafen sollen. Ein Schiff ist gewiss besser als der Straßenrand”, betont er.

Seine Firma wolle sich nicht aufdrängen. “Wenn vor Ort eine humane Lösung gefunden wird, umso besser. Wenn aber nicht, stehen wir bereit. Hauptsache, es wird endlich etwas getan und nicht nur die Verantwortung hin und her geschoben”, sagt Zurnieden.

Hilfsbereitschaft signalisiert auch der Reiseanbieter Tui. “Grundsätzlich sind wir offen für Gespräche und den Einsatz von Schiffen”, sagte ein Unternehmenssprecher am Mittwoch. Die Umsetzung von humanitären Schutz- und Unterbringungsmaßnahmen sei allerdings staatliche Aufgabe; Tui besitze da “keinerlei Kompetenz”, schränkte der Sprecher ein.

“Schon auf den ersten Blick ergeben sich aber viele praktische Fragestellungen, die zunächst durch Regierungen und Hilfsorganisationen bewertet werden müssten, beispielsweise zur Logistik und auch zur ausreichenden medizinischen Ausstattung und Versorgung auf den Schiffen”, heißt es bei Tui.

In der vergangenen Woche hatte auch Athen zunächst eine Unterbringung der Geflüchteten auf Schiffen erwogen – zwei Marineschiffe und eine Fähre wurden auf Lesbos erwartet. Bislang aber steht den Geflüchteten nur das derzeit errichtete Zeltlager als Alternative zur Verfügung.

1200 Menschen – nur knapp ein Zehntel der Obdachlosen – hatte dort bis Mittwochmorgen Quartier bezogen. Von diesen wurden 35 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet. Tausende harren weiter auf der Straße aus.

Von Marina Kormbaki/RND