Mittwoch , 28. Oktober 2020
Maram Stern ist Geschäftsführer des Jüdischen Weltkongresses. Quelle: Shahar Azran

Jüdischer Weltkongress zu Antisemitismus auf Tiktok: “Das muss runter, sofort”

Brüssel. Maram Stern ist Geschäftsführer des Jüdischen Weltkongresses (WJC). Dem gebürtigen Berliner, Nachfahre von Holocaust­überlebenden, ist der Zorn über die Verhöhnung jüdischer Opfer am Telefon deutlich anzuhören. Tiktok hält er in dieser Hinsicht für gefährlicher als andere Plattformen – weil hier besonders viele Kinder zusähen, die die Inhalte dann unterschwellig und unreflektiert übernähmen.

Herr Stern, was ist das Problem mit Tiktok?

Ich bin gerade 65 geworden, Tiktok ist nicht meine Welt. Aber mir wurden Sachen gezeigt, die mir – als Kind von Holocaust­überlebenden – den Magen umgedreht haben. Die Witze über den Holocaust, über Anne Frank, über Auschwitz, alles das ist für mich unerträglich und eindeutig antisemitisch. Wenn hier Jugendliche in die Gaskammern gehen und darüber Scherze machen, dann verharmlost das die Schoah und trifft mich ganz persönlich tief. Und genau diese Art von Videos ist auf Tiktok eine regelrechte Mode.

Hetzerische und antisemitische Inhalte findet man auch in anderen Netzwerken. Warum ist Tiktok schlimmer als Facebook oder Twitter?

Die Nutzer von Tiktok sind vor allem Kinder und Jugendliche zwischen elf und 13 Jahren. Das Gefährliche hier ist, dass sie etwas sehen, das sie nicht kennen und nicht verstehen – aber genau dies dann für normal halten und vielleicht sogar wiederholen. Natürlich wissen die Kinder nicht, was Auschwitz ist. Und natürlich können die Eltern nicht alles kontrollieren, was ihre Kinder schauen. Aber am Ende kommt es Kindern dann ganz normal vor, über diese Themen so zu reden oder sich über sie lustig zu machen. Jedes weitere Kind, das einen solchen Clip mitbekommt, ist ein Kind zu viel.

“Viel gefährlicher als die anderen Netzwerke”

Aber noch mal: Das gilt auch für andere Seiten im Netz.

Aber da muss man nach solchen Inhalten gezielt suchen. Auf Tiktok bekommen Kinder diese Inhalte über den Algorithmus zwischen ganz harmlose Tanzvideos einfach vorgesetzt, man muss danach gar nicht suchen. Kinder nehmen all dies dann unterschwellig auf – und das ist fatal. Tiktok ist für mich viel gefährlicher als die anderen Netzwerke.

Tiktok hat nach eigener Darstellung im August 98 Videos gelöscht, der Jüdische Weltkongress hat sich öffentlich bedankt. Warum stellen Sie das Unternehmen jetzt erneut an den Pranger?

Weil sich nichts grundsätzlich geändert hat und sich ähnliche Videos nach kurzer Zeit wieder auf der Plattform fanden. Tiktok darf so etwas einfach grundsätzlich nicht zulassen. Punkt. Da kann es keine Diskussionen geben. Tiktok darf das nicht auf seiner Plattform spielen lassen. Es muss klug genug sein zu sagen: Okay, das ist antisemitisch. Es darf nicht anfangen zu diskutieren: Ist es oder ist es nicht? Tiktok soll nicht entscheiden können, was antisemitisch ist und was nicht.

“Das muss runter, sofort”

In Deutschland soll das Netzwerkdurchsetzungsgesetz dafür sorgen, dass Hassinhalte entfernt werden. Außerdem hat Tiktok einen Melde-Button in seine App integriert. Sind all das schon erhebliche Verbesserungen?

Das dauert zu lange. Es muss sofort gehen. Das ist etwas, das muss runter, sofort. Ich will keine Debatte haben, warum, wieso. Es sind ja auch insgesamt gesehen nicht so viele – ich bin sicher, dass Tiktok kein Schaden entsteht, wenn man Videos runternimmt. Wir brauchen härtere Gesetze. Aber es braucht auch einen Willen von Tiktok. Sonst muss es in die nächste Phase gehen.

Wie könnte die aussehen?

So, dass man sich knallhart gegen Tiktok ausspricht. Es muss dann so viel Bußgeld hageln, dass die das verstehen. Und notfalls muss man die Plattform abschalten.

Von Thorsten Fuchs/RND