Mittwoch , 28. Oktober 2020
Benoit Payan, stellvertretender Bürgermeister von Marseille, während einer Pressekonferenz in der südfranzösischen Stadt: Die Verkündung der neuen Sicherheitsmaßnahmen in Marseille empfindet er als Affront. Quelle: Christophe Simon/AFP/dpa

Infektionsrekord: Marseille muckt gegen Pariser Corona-Regeln auf

Paris. Mehr Berücksichtigung der regionalen Unterschiede bei der Ausbreitung des Coronavirus hatte die französische Regierung versprochen, die vor allem in der ersten Phase der Krisenbekämpfung alles zentral aus Paris steuerte. Mehr Absprache und Einbeziehung lokaler Politiker und Behörden sollte es geben, hieß es. Eingetreten ist jetzt genau das Gegenteil.

Das zeigte sich, als der französische Gesundheitsminister Olivier Véran am Mittwochabend neue Maßnahmen im Kampf gegen den Anstieg der Infektionszahlen ankündigte. Weil sich die Karibikinsel Guadeloupe sowie die Region um die südfranzösischen Städte Marseille und Aix-en-Provence demnach in “Zonen der maximalen Warnstufe” befinden, müssen dort ab Samstag alle Bars und Restaurants schließen.

Dasselbe gilt für alle Einrichtungen, die Publikum empfangen, es sei denn, sie verfügen über ein “striktes Hygieneprotokoll”. Nicht betroffen sind Museen, Theater und Kinos. Véran begründete die Entscheidung mit den wachsenden Infektionsraten und der Belegung von mindestens 30 Prozent der Betten auf den Intensivstationen wegen Corona-Infektionen.

Lokale Behörden streiten Absprache ab

Der Beschluss sei “nach Absprache mit dem Präfekten und den lokalen Mandatsträgern” gefallen. Doch letztere verneinen das – und schäumen vor Wut. Das Rathaus von Marseille sei zehn Minuten vor Vérans Pressekonferenz lediglich in Kenntnis gesetzt worden, sagte die neue Bürgermeisterin von Marseille, Michèle Rubirola.

Seit einigen Tagen verbesserten sich die Zahlen in ihrer Stadt: “Man sieht die Infektionsraten in Paris steigen, aber bestraft wird Marseille und das ist nicht hinnehmbar”, so die Grünen-Politikerin. Rubirola, selbst von Beruf Ärztin, forderte einen Aufschub der Bar-Schließungen um zehn Tage, um die Entwicklung der Zahlen zu beobachten.

Auch müsse man um die Akzeptanz der Bürger von neuen Einschränkungen werben. Zuletzt wurden in Marseille 250 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner festgestellt, also das Fünffache des Corona-Warnwerts.

Auch in Paris weitere Einschränkungen

In Paris stieg die Zahl der Neuinfektionen auf 204 pro 100.000 Einwohner. In der Hauptstadt sowie zehn anderen Städten werden daher die Maßnahmen ebenfalls verschärft. So müssen dort ab Samstag Bars und Restaurants um 22 Uhr schließen.

Höchstens zehn Personen dürfen sich im Freien treffen. Auch werden öffentliche Veranstaltungen auf 1000 statt bislang 5000 Teilnehmer begrenzt. Das betrifft insbesondere das Tennisturnier French Open, das um vier Monate verschoben worden war und am Sonntag beginnt.

Seit Wochen steigen die Infektionszahlen in Frankreich kontinuierlich an. In den meisten Städten gilt bereits permanente Maskenpflicht im Freien, ebenso am Arbeitsplatz in allen Unternehmen.

Zuletzt infizierten sich innerhalb eines Tages mehr als 13.000 Menschen. Täglich gibt es mehrere Hundert Einweisungen wegen Corona-Infektionen in die Krankenhäuser des Landes, wo derzeit 6000 Patienten liegen. Insgesamt sind in Frankreich seit Ausbruch der Pandemie rund 31.500 Menschen, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, gestorben.

Von Birgit Holzer/RND