Donnerstag , 29. Oktober 2020
Der deutsche Atomausstieg ist beschlossene Sache – wohin aber mit den strahlenden Müllfässern? Quelle: Sebastian Kahnert/dpa

Atommüll: Die neue Suche nach dem letzten Lager

Berlin. “Entdecke das Unerwartete” – mit diesem einladenden Slogan wirbt die Gemeinde Thurmansbang um Besucher. Ihre vielen Wanderwege führen vorbei an klaren Bächen und schroffen Felsen durchs Dreiburgenland im Bayerischen Wald. Ein schönes Stück Natur im Südosten der Republik.

“Entdecke das Unerwartete” – in diesen Tagen klingt der Marketingspruch ihrer Region in den Ohren vieler Niederbayern allerdings nicht wie eine Einladung an Fremde, sondern wie eine Drohung an Einheimische. Sie fürchten unerwartete Entdeckungen in ihrer Gegend, tief unter der Erde. Sie argwöhnen, dass Geologen den Granit unter dem Bayerischen Wald zum geeigneten Wirtsgestein für die Aufbewahrung strahlenden Atommülls erklären.

“Sollte Thurmansbang Endlagerstandort werden, droht uns ein Schaden, der sich kaum beziffern lässt”, sagt Martin Behringer. Seit 18 Jahren ist Behringer Bürgermeister von Thurmansbang, im beschaulichen Luftkurort ging es bergauf in dieser Zeit. Nun aber fürchtet Behringer den Niedergang. Fallende Grundstücks- uns Häuserpreise, ausbleibende Touristen, Arbeitsplatzverluste, Firmenschließungen. Der Kommunalpolitiker der Freien Wähler rechnet mit dem Schlimmsten.

Behringer bangt dem kommenden Montag entgegen. Die Bundesgesellschaft für Endlagerung veröffentlicht an diesem Tag ihren “Zwischenbericht Teilgebiete”. Dann wird immerhin feststehen, welche Regionen Deutschlands nach geologischen Kriterien keineswegs als Endlagerstandorte infrage kommen. Bürgermeister Behringer hofft, dass der Bayerische Wald darunter ist.

Die Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima führte im Jahr 2011 zur Wende in der deutschen Energiepolitik. Im parteiübergreifenden Konsens beschloss die Politik das Ende der Atomkraft hierzulande. Nach sechs Jahrzehnten intensiver Nutzung steigt Deutschland bis zum Jahr 2022 ganz aus der Kernenergie aus. Wohin aber mit den noch Jahrmillionen strahlenden Abfällen? Eine bis heute unbeantwortete Frage. Der Atomausstieg ist zwar besiegelt. Doch die Suche nach einem Endlager für radioaktive Stoffe hat gerade erst begonnen.

Im niedersächsischen Peine hat die Bundesgesellschaft für Endlagerung, kurz: BGE, ihren Sitz. Rund 100 ihrer Expertinnen und Experten trugen in den vergangenen drei Jahren Daten über die Beschaffenheit des deutschen Untergrunds zusammen. Gesucht sind Salz, Ton und Kristallingesteine wie Granit – die zur Endlagerung von Atommüll infrage kommenden Formationen.

Wie sieht es unter Deutschland aus?

Steffen Kanitz, Geschäftsführer der BGE, spricht von einem intensiven Aktenstudium. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fuhren nicht selbst raus aufs Land, um Proben zunehmen. Sie werteten Informationen aus, die aus staatlichen oder privatwirtschaftlichen Öl- und Gasbohrungen stammen. Darauf basiert der heiß erwartete Zwischenbericht.

“Die Bundesrepublik eignet sich insgesamt gut für die Endlagerung radioaktiver Abfallstoffe”, sagt Kanitz. Details zu der am Montag präsentierten Deutschlandkarte über mögliche Endlagerstätten gibt er nicht preis. Nur so viel: “Wir werden viele und große Teilgebiete bekommen – je nach Wirtsgestein mindestens drei, sechs oder zehn Quadratkilometer”, so Kanitz. “Teilweise werden sie sich über Landkreis- und Bundeslandgrenzen hinweg erstrecken.”

Es handle sich also nicht um Endlagerstandorte, sondern um sehr große Wirtsgesteinsstrukturen, die man dann im nächsten Verfahrensschritt näher untersuchen müsse. “Der Zwischenbericht ist ein Arbeitsstand – kein endgültiges Ergebnis”, sagt der BGE-Chef. Dennoch nimmt seine Behörde jetzt einiges auf sich, um ihre Erkenntnisse bis Montag geheim zu halten. Der Schutz vor Hackerangriffen wurde verstärkt, Landkarten werden erst kurz vor Veröffentlichung des Berichts ausgedruckt, Mitarbeiter darauf hingewiesen, dass die Weitergabe von Informationen das Vertrauen der Öffentlichkeit in das ergebnisoffene Verfahren beschädigen würde.

Jeder Eindruck einer Vorfestlegung soll vermieden werden. “Wir befinden uns in einem Verfahrensstadium, das noch sehr früh ist und noch keine Fakten schafft”, sagt Kanitz (36), bis vor drei Jahren CDU-Abgeordneter im Bundestag. “Die Bürgerinnen und Bürger müssen sich beteiligen können, bevor Ergebnisse festgezurrt werden”, betont er. Im Jahr 2031 soll die Suche abgeschlossen sein, dann soll ein Endlagerstandort feststehen. Ab 2050 soll dort Atommüll eingelagert werden. Für Jahrtausende.

Bayern erklärt sich für ungeeignet

Die Nutzung von Atomkraft ist ein physikalisches Experiment mit ungewissem Ausgang. Der deutsche Konsens zu ihrer Beendigung ist ein politisches Experiment – mit ebenfalls offenem Ende. Hält er? Bayerns Umweltminister Thorsten Glauber sagte jüngst: “Wir sind überzeugt, dass in Bayern kein geeigneter Standort für ein Endlager zu finden ist.” So steht es auch im Koalitionsvertrag zwischen CSU und Freien Wählern.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze ist alarmiert: “Alle staatstragenden Parteien, der Bundestag und alle 16 Bundesländer haben diese Suche gemeinsam beschlossen. Die Geschäftsgrundlage des Verfahrens ist breiter Konsens. Ich erwarte von allen Politikerinnen und Politikern, jetzt zu dieser Verantwortung zu stehen.” Die Geologie entscheide über den Endlagerstandort. “Politische Überlegungen spielen keine Rolle”, so Schulze gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

“Mein Wunsch ist es, dass wir den Konsens erhalten”, sagt auch BGE-Chef Kanitz. “Wir brauchen in Deutschland einen Atommüll-Endlagerstandort. Wir können diese Abfälle weder auf den Mond schießen noch ins Ausland verkaufen.”

Im Prinzip sieht Bürgermeister Behringer das ja auch so. Bloß soll der Müll nun mal nicht zu ihm. “Kein Politiker kann es sich erlauben zu sagen: ‚Ich nehme das Endlager.’ Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie es möglich sein soll, im Konsens mit der Bevölkerung ein Endlager zu errichten”, sagt der Bayer. Er glaubt, dass die möglichen Endlagerstandorte am Montag als Schwarzer-Peter-Spiel beginnen werden – der eine werde auf den anderen zeigen. “Jeder kämpft für seine Region und für seine Anliegen”, sagt Behringer. Er allerdings habe bei diesem Spiel besonders schlechte Karten.

Ist tschechischer Granit anders als bayerischer?

Im Nachbarland Tschechien läuft zurzeit ebenfalls eine Endlagersuche. Der Ort Chanovice ist in der engeren Auswahl als Deponie für tschechischen Atommüll. 75 Kilometer Luftlinie trennen Chanovice von Thurmansbang. “Unser Granit ist zerklüftet, hat Längs- und Querrisse und wasserführende Schichten. Wenn nun aber ein paar Kilometer weiter östlich die Tschechen fleißig rumbohren und den Granit zum geeigneten Gestein fürs Endlager erklären, kommen wir in Erklärungsnot”, sagt Bürgermeister Behringer. “Es ist ja wahrscheinlich der gleiche Granit wie bei uns.”

Behringer befürchtet, dass die Tschechen ihr Endlager ins spärlich besiedelte Grenzgebiet setzen, wo wenige Menschen direkt betroffen wären. Er sagt: “Auch bei Gorleben gab doch damals in den Siebzigern die Randlage den Ausschlag.”

Dort, fast 700 Kilometer weiter nördlich, stellt sich Wolfgang Ehmke auf einen heißen Herbst ein, den ersten seit Langem. “So oft wie jetzt hat mein Telefon seit den Castor-Transporten nicht mehr geklingelt”, sagt er; der letzte Atommülltransport rollte 2011 in den nordöstlichen Zipfel Niedersachsens ins Zwischenlager. Ehmke (72) zählt zur Gründergeneration der Anti-Atomkraft-Bewegung im Wendland, ein Leben im Protestmodus. Auch er erwartet den “Zwischenbericht“ der BGE mit Spannung.

“Wenn es mit rechten Dingen zugeht, fliegt Gorleben gleich in der ersten Runde raus”, sagt Ehmke. Der Salzstock liege in einer aktiven Störungszone, es gebe einen Einbruchsee und eine Vielzahl von Löchern aus Tiefbohrungen – kurzum: An Studien, die gegen Gorleben sprechen, herrscht Ehmke zufolge kein Mangel. Und doch mag er nicht so recht dran glauben, dass die Geschichte Gorlebens als atomares Lager in wenigen Tagen beendet ist.

Ausgerechnet die Grünen wollen Gorleben in der Auswahl belassen

“Bei der Endlagersuche wurden Ausschlusskriterien zu Abwägungskriterien herabgestuft, um Gorleben im Spiel zu halten”, sagt Ehmke. Bleibt der Salzstock trotz geologischer Mängel in der Auswahl, ist die Glaubwürdigkeit des Prozesses beschädigt – so sieht es der Aktivist Ehmke.

Ausgerechnet die Grünen argumentieren umgekehrt. “Die ‚Gorleben raus!’-Forderung endet in der Destruktivität”, sagte Parteichef Robert Habeck jüngst bei einem gemeinsamen Auftritt mit Baden-Württembergs Ministerpräsidenten. Dann könnte jeder mögliche Standort politische Ausschlusskriterien vorbringen. Winfried Kretschmann verhandelte damals den Atomkonsens maßgeblich mit. Er habe gewusst, so Kretschmann, dass die Grünen Gorleben als Endlager strikt ablehnen: “Aber der Konsens wäre nicht zustande gekommen, wenn Gorleben nicht drin geblieben wäre.” Erst das Prinzip der “weißen Landkarte” habe den Prozess ermöglicht.

Der Gorleben-Veteran Ehmke winkt ab. “Eine weiße Landkarte mit einem schwarzen Fleck ist keine weiße Landkarte”, sagt er. Seine Mitstreiter und er würden eine erste Bilanz nach Vorlage des BGE-Zwischenberichts ziehen, sagte er: “Wie es sich geziemt – auf der Straße.”

 

Von Marina Kormbaki/RND