Donnerstag , 29. Oktober 2020
Die Diskussionen über ein Atommüll-Endlager keimen immer wieder auf - und bringen selten eine (gute) Lösung hervor. Wir haben einen Überblick zusammengestellt, wo Atommüll liegt - und wo es gelagert werden soll. Quelle: dpa/BUND/BASE/RND Montage Behrens

Wo der Atommüll in Deutschland liegt

Berlin. Seit 2017 sucht die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) nach geeigneten Endlagerstandorten für Atommüll in Deutschland. Am Montag veröffentlicht die Behörde den “Zwischenbericht Teilgebiete”. Darin werden erstmals Regionen genannt, die weiter im Rennen um geeignete Standorte sind. Ein Rennen, an dem niemand freiwillig teilnehmen, geschweige denn das Ziel erreichen möchte. Wie lange die Suche nach geeigneten Endlagern dauern wird, ist unklar. In der Zwischenzeit muss der strahlende Abfall irgendwo sicher aufbewahrt werden. Er wird über die ganze Bundesrepublik verteilt zwischengelagert.

Aktuell gibt es 16 Standortzwischenlager für hochradioaktive Abfälle in Deutschland, davon drei zentrale Lager im niedersächsischen Gorleben, im nordrhein-westfälischen Ahaus und das Zwischenlager Nord in Lubmin, Mecklenburg-Vorpommern. Daneben existieren zwölf dezentrale oberirdische Zwischenlager für Atommüll, die sich auf Kraftwerksgeländen befinden. Hinzu kommen 13 Uranhalden in Sachsen, Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg.

In ehemaligen Uranabbaugebieten etwa bleiben Zerfallprodukte zurück, die dem Uranatlas 2019 des BUND zufolge gefährlicher sind als das entnommene Uran selbst. Die hochgiftigen Schlammreste an solchen Uranhalden heißen Tailings. In dieser Hinsicht ist Sachsen unfreiwilliger Vorreiter im Bundesvergleich: In dem Bundesland lagert die Wismut GmbH, die Nachfolgegesellschaft des DDR-Bergbauunternehmens, sechs Uranhalden mit Tailings. Allesamt bewahren mindestens eine Million Tonnen Atommüll auf.

Studie kritisiert problematische Zwischenlagerung von Atommüll

Bis 2011 haben Deutschlands Atomkraftwerke rund 400 Tonnen hochradioaktiven Müll erzeugt. Das geht aus einem Greenpeace-Report hervor. Seitdem wurden zwar acht Kernkraftwerke abgeschaltet. Die restlichen sechs produzieren aber weiterhin jährlich 230 Tonnen Atommüll. Eines steht in Schleswig-Holstein, zwei stehen in Niedersachsen, zwei in Baden-Württemberg und eines steht in Bayern. Eine sichere Art der Entsorgung radioaktiver Abfälle gibt es bis heute nirgendwo auf der Welt. Das macht die Frage nach dem Wohin omnipräsent.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) stuft in einer jüngst publizierten Studie vom September 2020 die aktuelle Sicherung und Sicherheit der Zwischenlager als problematisch ein. Der BUND ist im Trägerkreis des Atommüllreports, einem Fachportal für verantwortungsvollen Umgang mit Atommüll in Deutschland.

“Die konzeptlose Zwischenlagerung des Atommülls in Deutschland gefährdet Mensch und Natur”, sagt BUND-Vorsitzender Olaf Bandt. Diesen Aspekt bemängelt auch Studienautorin Oda Becker. ″Es fehlen Reparatur- und Inspektionsmöglichkeiten, der Schutz beispielsweise gegen potenzielle Terroranschläge bleibt unzureichend, Alterungseffekte wirken auf Behälterkomponenten.“ Weiterer Kritikpunkt in der Studie sind fehlende Genehmigungen zur Zwischenlagerung von Atommüll wegen mangelhafter Sicherheitsnachweise. Das betrifft die Standorte Jülich und Brunsbüttel.

Zwischenlager in Nachbarländern

Das Problem mit der Entsorgung von radioaktivem Müll ist ein globales. Während Deutschland nach und nach aus der Atomenergie aussteigen möchte, ist andernorts der Bau weiterer Kernkraftwerke geplant. Tschechien etwa betreibt sechs Reaktoren und plant derzeit den Bau zweier weiterer. Radioaktive Abfälle sind auf dem Gelände der Kernkraftwerke in Dukovany, Südmähren, sowie Temelin zwischengelagert. Letzteres liegt kaum 60 Kilometer von der bayerischen Grenze entfernt.

Auch das Nachbarland Schweiz bewahrt den Atommüll der fünf aktiven Kernkraftwerke in zwei Zwischenlagern auf. Die Standorte Würenlingen und Döttingen befinden sich in unmittelbarer Nähe zum Grenzübergang nach Baden-Württemberg.

Hintergrund zur Suche nach Endlagern

Im Verfahren der BGE bei der Suche nach Endlagern für Atommüll kommt grundsätzlich jeder Ort in Deutschland infrage. Damit aber Regionen für die Lagerung des hochradioaktiven Abfalls geprüft werden können, müssen sie Mindestanforderungen erfüllen. Dazu gehört die geringe Durchlässigkeit des Gesteins. Außerdem muss die Gesteinsschicht mindestens 100 Meter dick sein. Der Bereich für ein Endlager darf nicht mehr als 300 Meter unter der Erdoberfläche liegen. Und als ungeeignet gelten zudem Regionen, an denen vulkanische Aktivität erwartet wird, sowie Gebiete, deren Untergrund beschädigt oder gefährdet ist.

Von Sabrina Lösch/RND