Samstag , 24. Oktober 2020
Donald Trump (l.), Präsident der USA, steigt in die Air Force One. Er ist auf Weg nach Pittsburgh, wo er an einer Konferenz teilnimmt. Quelle: Evan Vucci/AP/dpa

Hat Trump jahrelang kaum Steuern gezahlt? Des Präsidenten haarige Finanzen

Washington. Man kann darüber streiten, ob die Investition gut angelegt war. Aber die Steuerschuld drückte sie auf jeden Fall. Mehr als 70.000 Dollar hat Donald Trump in den vergangenen Jahren für Friseurbesuche von der Steuer abgezogen. Verglichen mit den Millionenverlusten seiner Golfplätze und Hotels, die er beim Fiskus in Anschlag brachte, war das ein Kleckerbetrag. Doch die auf Steuerzahlerkosten toupierten Haare entlarven anschaulich das Trugbild vom wohlhabenden Selfmade-Milliardär.

Er sei “wirklich reich” und habe “ein riesiges Unternehmen” aufgebaut, brüstete sich Trump im vorigen Wahlkampf. Die Legende vom erfolgreichen Geschäftsmann beförderte seinen politischen Erfolg. Tatsächlich hat er 2016 und 2017 jeweils gerade einmal 750 Dollar Einkommenssteuer an die Bundeskasse überwiesen. Die finanzielle Lage des Präsidenten ist offenbar angespannt: In den nächsten vier Jahren werden Kredite über 421 Millionen Dollar fällig, für die er persönlich gebürgt hat.

Herausgefunden hat das alles ein dreiköpfiges Rechercheteam der “New York Times”, das sich durch Berge von Finanzunterlagen gekämpft hat, die dem Blatt zugespielt wurden. Sie umfassen die Steuererklärungen von Trump sowie seinen mehr als hundert Unternehmen für 2000 bis 2017 und porträtieren den früheren Immobilienmogul als einen Mann, der trotz dreistelliger Millioneneinnahmen im Jahr chronische Verluste einfuhr, die er aggressiv einsetzte, um Steuern zu sparen. Die Zahlen entsprechen laut “Times” der Darstellung von Trumps Steuerberatern und wurden nicht unabhängig ermittelt.

Golfklubs und Hotels als Verlustbringer

Der aufwendigen graphischen Aufarbeitung der Zeitung kann man entnehmen, wie sich Trumps Vermögen vor allem durch die Einnahmen aus seiner Castingshow “The Apprentice” aufgebaut hat, mit der alleine der Geschäftsmann fast 200 Millionen Dollar verdiente. Hinzu kamen die daraus resultierenden Lizenzgebühren und Investments. Trump nutzte das Geld, um kräftig in Golfklubs und Hotels zu investieren, die jedoch tiefrote Zahlen schrieben.

„Unter dem Strich war Trump erfolgreicher darin, im Fernsehen einen Geschäftsmann zu spielen, als im wirklichen Leben einer zu sein“, urteilt die “New York Times”. Trump hatte bei der Wahl versprochen, seine Steuerunterlagen zu veröffentlichen, wie dies alle seine Vorgänger getan haben. Seit vier Jahren hält er die Dokumente nun zurück. “New York Times”-Chefredakteur Dean Baquet begründet die Veröffentlichung mit der “bemerkenswerten Kluft” zwischen dem Selbstbildnis des Präsidenten und der Realität. Außerdem bestehe der Verdacht, dass seine Geschäftsaktivitäten von seiner derzeitigen Position profitierten und es Konflikte zwischen Trumps finanziellen Interessen und denen des Landes gebe.

Die Präsidentschaftskandidatur als Marketingstrategie?

Tatsächlich legen die bekannt gewordenen Zahlen zweierlei nahe: Zum einen hat Trump offenbar mit zweifelhaften Tricks sein Einkommen heruntergerechnet und seine Steuerschuld durch enorme Verluste minimiert. Zum anderen hat sich seine finanzielle Lage seit 2011 drastisch verschlechtert. Die “New York Times” stellt die Vermutung auf, dass seine Präsidentschaftsbewerbung “zumindest in Teilen ein Schachzug (war), um die Vermarktbarkeit seines Namens wiederzubeleben”.

Um die Kosten für den Fiskus zu drücken, hat Trump keineswegs nur seine Haarpflege in Anschlag gebracht. Ein Landgut der Familie Trump im Bundesstaat New York wurde nach dem Bericht steuersparend als Investitionsgrundstück deklariert. Von den 26 Millionen Dollar Beratungskosten, die Trump seit 2010 beim Fiskus deklarierte, soll zumindest ein Teil an seine Tochter Ivanka geflossen sein, obwohl diese bei der Trump-Organisation angestellt war. Vor allem aber verrechnete der Geschäftsmann offenbar die tiefroten Zahlen aus seinen Golfklubs, die seit 2000 rund 315 Millionen Dollar Miese eingefahren haben sollen, und seinem Washingtoner Hotel, das 55 Millionen Dollar Defizit einfuhr, mit den Gewinnen aus anderen Geschäften. So wurde nach dem Bericht 2018 aus Einnahmen über 434 Millionen Dollar unterm Strich ein Verlust von 47 Millionen Dollar.

In elf von 18 untersuchten Jahren hat der Geschäftsmann laut den untersuchten Unterlagen gar keine Steuern bezahlt. In den übrigen Jahren überwies er insgesamt 95 Millionen Dollar Einkommenssteuern an den Bund – holte sich aber 72,9 Millionen Dollar wieder zurück. Damit zahlte er zwischen 2000 und 2017 nach Berechnungen der New York Times rund 400 Million Dollar weniger Steuern als ein normaler US-Spitzenverdiener.

Die Rückzahlung der 72,9 Millionen Dollar könnte dem Präsidenten noch Ärger bereiten. Sie erfolgte im Rahmen eines Nothilfeprogramms wegen der Finanzkrise 2010 nämlich unter Vorbehalt. Trump brachte damals seine Rekordsteuerzahlungen aus den Apprentice-Erfolgsjahren 2005 und 2006 in Anschlag. Seither hadert er mit den Finanzbehörden, und der Vorgang befindet sich in der Prüfung. Damit begründet Trump auch, dass er seine Steuererklärungen nicht offengelegt hat.

Die Veröffentlichung der “New York Times” kommentierte er in der üblichen Weise als “Fake News”. Die Kampagne von Herausforderer Joe Biden erwies sich als schlagfertiger: Sie bot innerhalb weniger Stunden auf ihrer Website Ansteckbuttons an. Von dem Slogan (“Ich habe mehr Einkommenssteuer gezahlt als Donald Trump”) könnten sich viele Amerikaner angesprochen fühlen.

Von Karl Doemens/RND