Alexander Gauland im Bundestag. Quelle: imago images/photothek

Alexander Gaulands Scherbenhaufen

Berlin. Der fristlos entlassene frühere AfD-Fraktionssprecher Christian Lüth ist, wie alle Pressesprecher, der breiteren Öffentlichkeit unbekannt. Das muss sich jetzt nicht mehr ändern. Lüth ist nur insofern interessant, als dass er abends in der Bar das Geschäftsmodell der AfD offen ausgesprochen hat.

“Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD”, sagte Lüth in einem vermeintlich vertraulichen Gespräch. “Das ist natürlich scheiße, auch für unsere Kinder. Aber wahrscheinlich erhält uns das.”

Lüth war aber mehr als ein Pressesprecher. Er war langjähriger Vertrauter der AfD-Führungsriege, von Beatrix von Storch und Jörg Meuthen, ganz besonders aber von einem Mann: dem heute 79-jährigen Parteisenior Alexander Gauland.

Lüth und Gauland sprachen über den Kurs der Fraktion und der AfD, machten zusammen Personalpolitik, entwarfen Strategien. Und Gauland war es, der Ende 2015 die Migrationskrise ein “Geschenk für uns” nannte. "Natürlich verdanken wir unseren Wiederaufstieg in erster Linie der Flüchtlingskrise.”

Und es ist bei Weitem nicht nur Gauland, der ganz im Sinne der extremen Rechten auf eine schwere Wirtschaftskrise infolge der Corona-Rezession hofft. “Die Rechten setzen auf eine ökonomische Untergangserzählung. Das ist neu”, sagte der Historiker Herfried Münkler kürzlich im RND-Interview.

Es war Gauland, der nach einer ersten Affäre im Frühjahr allzu lang an Lüth festhielt. Es war Gauland, der allzu lang am rechtsextremen Brandenburger Ex-Landeschef Andreas Kalbitz festhielt. Es war Gauland, der vor zwei Monaten öffentlich von einem “Zerfall” der Partei sprach, dem er sich nicht mehr entgegenstellen könne. Der Zerfall schreitet fort, zuletzt in Schleswig-Holstein und Niedersachsen, aber auch in anderen (westdeutschen) Landesverbänden.

Im monatelangen, lähmenden Streit um Kalbitz hat Gauland seine frühere Rolle als Übervater der Partei verspielt. Ohne seine Vermittlerrolle wird sich die Partei zerfleischen. Von einem Lüth, der vom “Erschießen” und “Vergasen” von Migranten sprach, kann sich die AfD-Fraktion trennen, aus der Partei ist er selbst bereits ausgetreten. Aber er hat die Triebfeder der AfD offengelegt.

Von Jan Sternberg/RND