Samstag , 24. Oktober 2020
Die Wiedervereinigung Deutschlands feiert 30-jähriges Jubiläum. Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt stellt im RND-Interview aber fest, dass die Kluft im Kontext der Entwicklung von West- und Ostdeutschland nach wie vor existiert – dabei könnte der Westen von der ostdeutschen Resilienz doch so viel lernen. Quelle: dpa/RND Montage Behrens

Göring-Eckardt: “Leider erleben wir die Einheit nicht als Einheit”

Frau Göring-Eckardt, in Belarus kämpfen die Bürger seit Monaten für die Demokratie . Auch viele Frauen werden mittlerweile verhaftet. Was bewegt Sie, wenn Sie diese Bilder sehen?

Mich bewegen die Schicksale der Frauen. Ich bewundere ihren Mut, wenn ich sehe, mit wie viel Energie, Durchsetzungskraft und Glauben an Freiheit und Demokratie die Frauen durch die Städte ziehen trotz der Bedrohung und der Gewalt. Sie lassen sich ihr Recht nicht nehmen.

Glauben Sie, dass die Menschen in Belarus Erfolg haben werden? Die globalen Rahmenbedingungen sind ja doch sehr viel schlechter als 1989.

Ich hoffe das natürlich sehr. Die Frage ist, ob Europa und die freie Welt sich auch klar zur Opposition bekennen und sie unterstützen. Dazu gehören ein klares Signal an Wladimir Putin und Sanktionen gegen Lukaschenko und seine Schergen, konkrete Hilfe für bedrohte Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten vor Ort über die deutsche Botschaft in Minsk, aber auch die Möglichkeit für die Menschen aus Belarus, ohne Visum in die EU einzureisen.

Nun ist die Friedliche Revolution in der DDR geglückt. Dem folgte die Vereinigung. Wenn Sie heute Bilanz ziehen: Was steht auf der Habenseite?

Auf der Habenseite stehen zuerst einmal Freiheit und Demokratie und all die Möglichkeiten, die wir haben. Ein Erfolg ist auch, dass die Menschen in Ostdeutschland etwas ganz Neues aufgebaut haben. Und noch etwas: Vor 30 Jahren wurden wir als Europäerinnen und Europäer vereint. Auch das gemeinsame Europa ist erst entstanden, als der Eiserne Vorhang eingerissen wurde.

Was fehlt?

Leider erleben wir die Einheit nicht wirklich als Einheit. Von Westdeutschland wurde die Wiedervereinigung lange als Anschluss betrachtet und nicht als etwas gemeinsames Neues. Was außerdem fehlt, ist die Anerkennung der ostdeutschen Transformationsleistung und damit die Anerkennung ostdeutscher Erfahrungen in den vergangenen 30 Jahren. Damit meine ich auch die Selbstverständlichkeit von Kinderbetreuung; die Polikliniken, die heute medizinische Versorgungszentren heißen, damit sie nicht an die DDR erinnern; die Selbstverständlichkeit, dass Mütter arbeiten können, ohne dass sie als “Rabenmütter” gelten. Die Ostdeutschen haben harte Umbrüche erlebt und – trotz mancher Misserfolge – gemeistert. Angesichts der vor uns stehenden Herausforderungen durch die Klimakrise und die Digitalisierung sollten wir jetzt noch einmal schauen: Was ist beim Umbau in Ostdeutschland geglückt? Welche Fehler dürfen wir nicht wiederholen? Und wo können wir aus positiven Erfahrungen lernen?

Was meinen Sie?

Viele ostdeutsche Unternehmen kommen offenbar besser durch die Corona-Krise als Unternehmen im Westen. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass Menschen, die solche Umbrüche durchlebt haben, sehr beweglich werden, sein mussten und auch sein wollten. Denn wir sprechen von Menschen, die 1990 völlig neu anfangen mussten. Sie hatten keine großen Vermögen, hatten nicht geerbt und mussten trotzdem investieren. Sie haben auch nicht so gehandelt, wie es immer schon gemacht wurde – weil es dieses “immer schon” nicht gab. Das sind gute Voraussetzungen dafür, dass man resilient wird – auch für neue Krisen. Bei allen Brüchen und auch allem Scheitern: Für mich steckt im Scheitern immer auch eine Möglichkeit, es beim nächsten Mal besser zu machen. Genau die Chance sollten wir jetzt nicht verschenken.

Stattdessen wird der Osten immer noch daran gemessen, ob er zum Westen aufgeschlossen hat.

Es gibt ja gute Gründe, Vergleiche anzustellen – bei der Wirtschaftskraft, bei den Löhnen, bei den Kita-Plätzen, bei der Berufstätigkeit von Frauen und Männern. Solche Vergleiche machen Sinn, damit man weiß, wo noch mehr getan werden muss. Inzwischen ist es aber wichtig, nicht nur den Osten und den Westen nebeneinanderzustellen, sondern sich differenziert anzuschauen, wo in Deutschland welche Probleme herrschen und was etwa strukturschwache Regionen brauchen. Auch da geht es heute um Transformation und nicht darum, zu retten, was mal war. Ob das eine Kommune im Ruhrgebiet ist oder in Nordthüringen, ist dann egal.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) hat jetzt mit Blick auf die Transformation gesagt: “Die Wessis hätten das nicht gepackt.” Sehen Sie das auch so?

Nach 30 Jahren sollten wir die Ossi-Wessi-Vorurteile endlich begraben. Egal ob Ost oder West, in Ausnahmesituationen schaffen viele Menschen Außergewöhnliches. Das sehen wir gerade wieder in der Pandemie. Viel wichtiger ist es doch, andere an den eigenen Erfahrungen teilhaben zu lassen, damit wir für die nächsten Krisen und Herausforderungen gemeinsam besser vorbereitet sind.

Wir haben jetzt noch nicht über die Elitendominanz der Westdeutschen gesprochen. Was ist da zu tun?

Das ist eines der zentralen Probleme. Allerdings gibt es darauf keine einfachen politischen Antworten. Darauf müssen wir eine gesellschaftliche Antwort geben. Egal ob in Unternehmen oder bei der Frage, wer eine Universität oder ein Gericht leitet: Es muss bei Einstellungen selbstverständlich werden zu gucken, ob es Bewerberinnen oder Bewerber gibt, die in Ostdeutschland geboren, aufgewachsen oder sozialisiert wurden. Wenn wir mehr ostdeutsche Vorbilder hätten, also Menschen, die es “geschafft haben”, wenn Ostdeutsche sichtbarer wären, dann würde das etwas für die Ostdeutschen bedeuten – aber auch etwas fürs ganze Land. Die Erfahrungen der Ostdeutschen sind sehr wertvoll. Wir verzichten auf eine Ressource, auf die wir nicht verzichten sollten.

Neben den Bildern aus Belarus haben wir zuletzt auch die Bilder aus Moria gesehen. Was fällt Ihnen dazu ein – auch mit Blick auf die vielen Flüchtlinge aus der DDR?

In der DDR sind Menschen aus Unfreiheit geflohen. Das ist schwer zu vergleichen mit Menschen, die aus ihren Heimatländern fliehen müssen, weil sie dort nicht mehr leben können. Bei ihnen geht es nicht in erster Linie um Freiheit, sondern um existenzielle Fragen. In Moria geht es ums Überleben. Mich berührt, wie viele Menschen angesichts der schrecklichen Situation in den Lagern helfen wollen. Gerade viele Städte in Deutschland – in Ost wie West – haben jüngst ihre Bereitschaft zur Hilfe erklärt und wollen Geflüchtete aufnehmen. Das macht uns gemeinsam aus. Darauf können wir gemeinsam stolz sein.

Von Markus Decker/RND