Mittwoch , 28. Oktober 2020
In der Nacht zum Mittwoch beginnt für ihn der Auftritt seines Lebens: Joe Biden, hier bei einem Termin am Montag in Delaware. Quelle: Andrew Harnik/AP/dpa

Vor dem TV-Duell: Bange Blicke ruhen auf beiden

Liebe Leserinnen und Leser,

heute Nacht ist es soweit: Um 21 Uhr Ostküstenzeit treffen Donald Trump und Joe Biden zum ersten TV-Duell live aufeinander.

In Deutschland berichtet das ZDF live. Die Sendung, moderiert von Elmar Theveßen, beginnt um 2.45 Uhr.

Lohnt es sich, wach zu bleiben? Sich zumindest irgendwann die Aufzeichnung zeitversetzt anzusehen, ist zu empfehlen. Denn der Schlagabtausch könnte so oder so in die Geschichte eingehen.

– Entweder schafft es Biden, den Präsidenten vor den Augen der Nation eindrucksvoll zu entzaubern. Dann markieren diese 90 Sendeminuten den Anfang vom Ende der Ära Trump.

– Oder Biden blamiert sich selbst. Dann wird die Welt Zeuge einer jämmerlich verpassten historischen Chance.

Optik schlägt Inhalt – schon seit 1960

Es ist haarsträubend, aber wahr: Am Ende könnten Nebensächlichkeiten über die Gesamtwirkung der Debatte entscheiden – mit Folgen für die Zukunft nicht nur der USA, sondern der ganzen Welt.

Unvergessen ist ein Duell zwischen Richard Nixon und John F. Kennedy vom 26. September 1960. Viele Zuhörer, die es nur am Radio verfolgten, lobten anschließend Nixon; der habe sehr überzeugend argumentiert. Die Fernsehzuschauer hingegen sahen Kennedy als Gewinner.

Tatsächlich sah “JFK” in der Sendung einfach besser aus. Der damalige Senator aus Massachusetts erschien entspannt und gebräunt im Studio, ein Make-up für die Kameras lehnte er ab. Nixon hörte das und wollte prompt ebenfalls keins – dabei hätte er es gebrauchen können: Er war blass nach einer vorangegangenen Knieoperation, zudem war sein grauer Anzug schlecht gewählt. Nixon schien sich insgesamt nicht wohl zu fühlen und zu schwitzen. Oft guckte er nervös hin und her: Fehler über Fehler.

Seither wird bei solchen Debatten nichts mehr dem Zufall überlassen. George Bush senior zum Beispiel schüttelte 1988 in einem TV-Duell Mike Dukakis auffällig lange lächelnd die Hand – offenbar, um deutlich zu machen, dass Dukakis deutlich kleiner ist als er.

Kein Händeschütteln mit Biden und Trump

Biden und Trump werden einander heute nicht die Hand geben – die Corona-Regeln stehen dagegen. Doch auch politisch und menschlich könnten die Duellanten kaum weiter voneinander entfernt sein. Trump ließ anklingen, er halte Biden “mental” für nicht ganz auf der Höhe, Biden verglich Trumps Rhetorik jüngst mit der der Nazis.

Ihr zentrales Ziel ist es, die jeweils eigene Wählerschaft maximal zu mobilisieren. Jeder will Punkte machen auf einem imaginären Zähler, der im eigenen Lager steht. Keiner der beiden geht indessen davon aus, Wähler des anderen zu sich herüberziehen zu können.

Hintergrund ist eine nie dagewesene Polarisierung: Nur 3 Prozent der schon registrierten Wähler sagen in Umfragen, sie würden sich bis zum 3. November vielleicht noch umentscheiden zwischen Trump und Biden.

Der Ablauf ist steif – bietet aber dennoch Gelegenheit zu Attacke und Konter. Es gibt kurze Eröffnungsstatements, später sollen sich die Kandidaten bei ihren Antworten stets auf zwei Minuten beschränken. Zu den Hauptthemen zählen die Corona-Krise, die Wirtschaft sowie Rassismus und Gewalt in den Städten. Moderator Chris Wallace will außerdem Fragen zur Supreme-Court-Besetzung stellen und zu der von Trump angezweifelten Sicherheit der Briefwahl.

Biden dürfte vor allem bei Corona punkten. Beim Thema Wirtschaft indessen wird es wohl unentschieden laufen; da wird auch Trump noch immer einiges zugetraut. Beim Thema Gewalt könnte Biden von Trump als zu weich dargestellt werden und in die Defensive geraten.

Bidens neue Trumpfkarte: Er wird, notfalls ungefragt, zur Sprache bringen, dass Trump jahrelang nur 750 Dollar Steuern zahlte – weniger als ein Durchschnittsverdiener.

Trump will vor allem als “tough” rüberkommen – im Gegensatz zu Biden, den er seit Monaten als “Sleepy Joe” verhöhnt. Vor allem will Trump beim Thema “Law and order” punkten: Er wird Biden vorwerfen, der Polizei finanzielle Mittel entziehen zu wollen und ihr zu misstrauen. Auch mit Blick auf China wird Trump Biden als zu schwach hinstellen: “Wenn Biden gewinnt, gewinnt China”, ist eine seiner neuen Losungen.

Trumps neue Trumpfkarte ist die konservative Katholikin Amy Coney Barrett, die er soeben für den Obersten Gerichtshof nominiert hat. Sie könnte Christen, die sich in letzter Zeit erstmals zweifelnd abgewandt hatten von Trump, wieder zurückgewinnen.

Die größte Gefahr für Trump liegt in seiner Neigung zu übertriebener Großspurigkeit. Sein Team hat ihn schon davor gewarnt, Biden zu unterschätzen; der 77-Jährige sei mit allen Wassern gewaschen und werde dies in der Debatte beweisen. Dennoch lehnte Trump ausufernde Übungsdebatten mit seinem eigens angeheuerten Sparringspartner Chris Christie ab; am Wochenende sah man Trump wie gewohnt auf seinem Golfplatz in Virginia.

Hässliche “mind games” kurz vor der Debatte

Biden kommt inhaltlich besser vorbereitet in die Runde. Der frühere Vizepräsident von Barack Obama hat Übung darin, sich auf einige wichtige Dinge zu konzentrieren wie ein Laserstrahl. Biden ist fest entschlossen, Trump in der Sendung sowohl fachliche wie auch charakterliche Unfähigkeit nachzuweisen – nicht irgendwie, sondern mit plastischen Beispielen, in einer für jedermann nachvollziehbaren Sprache. Seine Berater haben ihm aus diesem Anlass abtrainiert, allzu abstrakte Formulierungen zu wählen.

Doch trotz aller inhaltlichen Sicherheit bleiben Risiken für Biden. Was, wenn er sich irgendwann heillos verhaspelt, in umständliche Exkurse abgleitet – und am Ende gar den Faden verliert? Es wäre nicht das erste Mal.

Trump hofft, dass Biden, der einst als Kind gestottert hat, erneut sprachlich irgendwann festhängt. In jüngster Zeit mokierte sich Trump, man müsse eigentlich mal prüfen, ob Biden nicht “leistungsfördernde Mittel” einnehme, bevor er im Fernsehen auftrete: Im Grunde sei ein Drogentest vor der Debatte das Gebot der Stunde.

Es sind hässliche “mind games”, die da laufen: Psychospielchen mit dem Ziel, den anderen im Innersten zu verunsichern.

Das Biden-Lager reagierte am Montag mit dem Hinweis, in dem TV-Duell werde es um Worte gehen, “nicht um Urin”. Trump werde sich, auch wenn es ihm offenbar außerordentlich schwerfalle, auf eine inhaltliche Debatte einstellen müssen – unter anderem über die 200.000 amerikanischen Todesopfer in der Corona-Krise.

Das Ende ist offen, Spannung ist garantiert.

Zahlen vor den Wahlen

­Nach dem aktuellen Stand der Dinge würde Joe Biden mit einiger Sicherheit zum Präsidenten gewählt werden. Er müsste nur die bereits deutlich von den Demokraten dominiert blauen Staaten gewinnen – keinen einzigen von den noch unentschiedenen (braun).

­Trump dagegen müsste, um zu gewinnen, drei Dinge schaffen: zunächst wirklich alle zu den Republikanern tendierenden roten Staaten holen, dann aber zusätzlich auch sämtliche unentschiedenen Staaten erobern und schließlich, ein kleines Stück weit jedenfalls, in das blaue Lager einbrechen. Dies ist nicht unmöglich, aber – nach dem jetzigen Stand aller zusammenfließenden Daten – sehr unwahrscheinlich.

Schon das Umdrehen sämtlicher brauner Staaten in Rot erscheint unrealistisch. Denn nach den letzten verfügbaren Umfragen liegt Biden auch in sechs von zehn unentschiedenen Staaten vorn, wenn auch teilweise nur sehr knapp. Weiterhin dramatisch eng ist es im bevölkerungsreichen Florida.

Präsident wird, wer im 538-köpfigen Wahlleutegremium mindestens 270 Stimmen bekommt. Die Wahlleute werden aus den Einzelstaaten entsandt, ihre Zahl richtet sich nach der Bevölkerungsgröße des Staates. Am meisten Gewicht haben Kalifornien (55 Wahlleute), Texas (38) und Florida (29).

Hinter den Kulissen

Zu den öffentlich unbekannten Leuten, auf die es in diesen letzten Wochen vor der Wahl ankommt, zählt Robyn Kanner, Kreativ-Direktorin der Biden/Harris-Kampagne.

Die in Brooklyn lebende Texterin und Designerin ist nicht nur einfallsreich, sondern auch schnell. Als die “New York Times” meldete, Trump habe in manchen Jahren nur 750 Dollar an Steuern gezahlt, präsentierte Kanner schon am selben Tag das Design für Buttons, die jetzt für die US-Demokraten produziert werden. Aufschrift: “Ich habe mehr Einkommenssteuer bezahlt als Donald Trump.” Es gibt auch T-Shirts mit diesem Aufdruck.

Kanner achtet auf jedes kleine Detail, auch in Fragen der Typografie. Schon im Frühsommer überlegte sie zum Beispiel hin und her, welche Buchstabentypen für die Biden/Harris-Kampagne verwendet werden sollen. Die Wahl fiel am Ende auf Entwicklungen der legendären Firma Hoefler & Co.: eine “Mercury”, wie man sie auch in teuren Magazinen findet, und – besonderer Clou – eine “Decimal”, eine sogenannte serifenlose Schrift, die zum Beispiel in Armbanduhren zu sehen ist.

Bei “Decimal”, schwärmte Kanner, schwinge eine politisch und philosophisch wichtige Botschaft mit: Was da steht, wirke „wahr – wie die Zeit”.

Kanner hat zuvor schon anderen bekannten Arbeitgebern in Designfragen geholfen, darunter Nike und Amazon. Sie ist übrigens eine bekennende Transsexuelle und Mitgründerin einer Webseite, die Transsexuellen in Fragen der physischen und psychischen Gesundheit weiterhilft.

Leseempfehlungen

Trump und die Steuern: Über diesen für den Präsidenten wohl schädlichsten aller bisherigen Skandale berichtet Karl Doemens, RND-Korrespondent in Washington. In manchen Jahren zahlte der Milliardär nur 750 Dollar Steuern – und setzte zugleich 70.000 für Friseurrechnungen ab: Betriebsausgaben wegen seiner Auftritte in der Fernsehfolge “The Apprentice”. Die Schamlosigkeit, mit der sich hier ein Reicher arm rechnet, ist frappierend.

Die Staaten und der Swing: Alle vier Jahre wieder fällt der Blick auf die sogenannten “Swing States”. Was es mit ihnen auf sich hat, fasst Tammo Kohlwes in seinem Erklärstück zusammen.

Zahlen bitte: Den aktuellen Stand der demoskopischen Trends fasst Johannes Christ in seinem laufend aktualisierten Beitrag zusammen.

Videoblog

What’s next?

7. Oktober: TV-Duell zwischen Vizepräsident Mike Pence und der Kandidatin der Demokraten für die Vizepräsidentschaft, Kamala Harris, in Salt Lake City/Utah.

15. Oktober: Joe Biden und Donald Trump treffen in Miami zum zweiten Mal aufeinander.

22. Oktober: Die letzte TV-Debatte der beiden Kandidaten geht in Nashville, Tennessee, über die Bühne.

Wir begleiteten Sie gern weiter durch diese spannenden Zeiten. Marina Kormbaki zieht am Freitag in der nächsten Ausgabe unseres Newsletters eine Bilanz der Debatten nach dem ersten TV-Duell.

Stay tuned!

Matthias Koch

Von Matthias Koch/RND