Für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist klar, auf welcher Seite im Konflikt um die Region Berg-Karabach er steht. Der Konflikt nutzt ihm auch innenpolitisch. Quelle: -/Turkish Presidency/AP/dpa

Berg-Karabach: Erdogans nächster Krieg im Kaukasus

Athen. Präsident Recep Tayyip Erdogan lässt keinen Zweifel daran, für wen die Türkei im Konflikt um Berg-Karabach Partei ergreift: Die türkische Nation stehe “wie eh und je auch heute mit allen ihren Möglichkeiten an der Seite ihrer aserbaidschanischen Geschwister”.

Berg-Karabach wird von Armenien kontrolliert, seit Aserbaidschan nach dem Zerfall der Sowjetunion das Gebiet verlor. Mit den jüngsten Kämpfen, den schwersten seit Jahrzehnten, flammt der Konflikt wieder auf. Armenien setzt auf Russland als Schutzmacht. Wichtigster Verbündeter Aserbaidschans ist die Türkei.

Verschiedene Quellen berichten von islamistischen Söldnern

Möglicherweise beschränkt sich die Unterstützung Ankaras nicht nur auf Solidaritätserklärungen. Der armenische Botschafter in Moskau sagte, die Türkei habe 4000 Söldner aus Syrien sowie Militärberater und Waffensysteme nach Aserbaidschan geschickt. Andere Quellen bestätigen das. Es soll sich um dschihadistische Kämpfer aus dem Umfeld von Al-Kaida und des Terrornetzwerks “Islamischer Staat” (IS) handeln. Die türkische Regierung spricht von “Lügen”.

Die Berichte sind allerdings zu zahlreich und kommen aus zu vielen Quellen, um sie einfach abzutun. Auch folgt der angebliche Söldnereinsatz einem Muster: Nach Erkenntnissen des US-Verteidigungsministeriums hat die Türkei Anfang 2020 bis zu 3800 syrische Söldner nach Libyen gebracht.

Erdogan kämpft an vielen Fronten: In Südostanatolien, im Nordirak und in Syrien führt seine Armee Krieg gegen die kurdische PKK und ihre Ableger, in Libyen stützt Erdogan das radikalislamische Regime des Übergangspremiers Fayiz as-Sarradsch, und im Streit um die Wirtschaftszonen im Mittelmeer mobilisiert er seine Kriegsflotte gegen Griechenland und Zypern.

Erdogan lenkt von Wirtschaftsproblemen der Türkei ab

Alle diese Konflikte haben zugleich eine außen- und eine innenpolitische Dimension. Erdogan unterstreicht damit den Anspruch der Türkei auf die Rolle der dominierenden Regionalmacht. Zugleich versucht er, die eigene Bevölkerung von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten abzulenken und seine Macht zu zementieren. Die Parteinahme für die islamischen “Geschwister” in Aserbaidschan, einem Turkvolk, eignet sich besonders dazu, patriotische Emotionen anzuheizen.

Der türkische Staatschef beschwört allerdings zwei Konflikte herauf. Erstens facht er nationalistische Ressentiments an. Das könnte zu Übergriffen gegen die armenische Minderheit in der Türkei führen und den inneren Frieden gefährden. Zweitens strapaziert Erdogan das ohnehin problematische Verhältnis zu Russland.

Bereits in Syrien und Libyen unterstützen beide Länder rivalisierende Seiten. Zugleich braucht die Türkei Russland als Partner in der Rüstungs- und Energiepolitik. Auch für den türkischen Tourismus ist der russische Markt enorm wichtig. Bisher hat Erdogan mit Kremlchef Putin immer noch einen Modus Vivendi gefunden. Mit dem Engagement Ankaras im Konflikt um Berg-Karabach wird das aber nicht einfacher.

Von Gerd Höhler/RND