Dienstag , 29. November 2022
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Der Mittelpunkt der früheren Bundesrepublik liegt im hessischen Vogelsbergkreis. Quelle: Jan Sternberg

32 Jahre Einheit: eine Reise zu Deutschlands Mittelpunkten

Niederdorla/Herbstein/Verlorenwasser. Den Osten gibt es nicht. Nicht hier, in der Mittelgebirgslandschaft des Hainich in Thüringen. Die Täler, die Menschen darin, die Höhenzüge dazwischen, da sähen sie keine großen Unterschiede zu ihrer Gegend in Mittelfranken, sagen Maria Molitor und Klaus Klingler aus Rothenburg ob der Tauber. Und sie müssen es wissen, schließlich sind sie betont langsam unterwegs und sehen daher mehr als andere.

Die beiden fahren mit ihrem Eicher-Traktor von 1962, übernachten in einem angehängten Planwagen. Das Gespann steht in der Mittagssonne in Niederdorla, ein Wildwest-Traumgefährt zweier Westdeutscher auf der Suche nach der Mitte.

Gefunden haben sie zunächst den Mittelpunkt Deutschlands, ein Hain mit zwei Feldsteinen, drei Flaggenmasten und einer Linde. An einem Flaggenmast hängt schlapp Schwarz-Rot-Gold, die anderen beiden sind leer.

Niederdorla: Geografische Mitte der vereinigten Bundesrepublik

Niederdorla als geografisches Zentrum: So wurde es im Oktober 1990, pünktlich zur Vereinigung, von einem Expertenteam aus Dresden und Göttingen berechnet – im Auftrag des untergehenden DDR-Fernsehens. Hans-Joachim Wolfram, Moderator der Sendung „Außenseiter Spitzenreiter”, die vom Mitteldeutschen Rundfunk übernommen wurde, gab die neue deutsche Mitte am 12. Oktober 1990 bekannt.

So steht es auf einer Tafel an einem der beiden Steine im Mittelpunktshain. Die entferntesten Punkte in Deutschland auf der Nord-Süd- und der Ost-West-Achse wurden genommen und in ein Raster der Umrisse Deutschlands eingepasst. Am Schnittpunkt liegt Niederdorla.

32 Jahre ist Deutschland wieder vereinigt, da könnte man erwarten, dass das Land seine Mitte gefunden hat. Aber was ist mit den Mittelpunkten? Je nachdem, wie man rechnet, ob der Schnittpunkt zählt oder der Schwerpunkt, ob nur Festland oder auch Inseln mitgezählt werden, gibt es konkurrierende Mittelpunkte. Und es gibt solche, die es mal waren und die ihre Sonderstellung nicht aufgeben wollen. Bei Herbstein in Hessen liegt der Mittelpunkt der alten Bundesrepublik, bei Bad Belzig in Brandenburg der der ehemaligen DDR.

Was ist an den Mitten des Landes zu finden? Welche Brüche zwischen Ost und West bestehen noch, welche Brücken wurden gebaut? Und wen trifft man dort, an den Mittelpunkten?

Klingler und Molitor haben den gemächlich tuckernden Traktor schon die Höhen der Rhön rauf- und runtergejagt, aber sie sind zum ersten Mal jenseits der innerdeutschen Grenze. „Was, in den Osten wollt ihr?”, hätten ihre Bekannten gefragt, mit Unverständnis im Blick. „Das ist nicht der Osten, das ist Thüringen, also die Mitte”, hat Klingler geantwortet, und zum Beweis der geografischen Gegebenheiten sind sie nun nach Niederdorla gekommen und machen Fotos am Stein.

Überall seien sie freundlich empfangen worden, sagen die beiden, auch von den schrägeren Bewohnern der Thüringer Täler. Sie erzählen von den in indianische Lederkluft gekleideten Jungs, die alte Opel-Limousinen herrichten. Deutschland, einig Schrauberland.

Aber ist es wirklich einig? Niederdorla liegt direkt neben Mühlhausen. Eine zweifelhafte ihrer Sehenswürdigkeiten befindet sich nicht in der restaurierten Altstadt, sondern im Gewerbegebiet: die Werkshalle eines Tischlermeisters, die Giebelseite mit schwarzer Folie überzogen, darauf in weißer Schrift der Satz „Wir sind das Pack”.

Als „Pack” hatte der damalige SPD-Chef Sigmar Gabriel den fremdenfeindlichen Mob in Heidenau bezeichnet. Heidenau liegt bei Dresden und damit weit weg vom Mittelpunkt Deutschlands, aber der Trotz, der in diesem Satz steckt, hat sich ausgebreitet. „So ticken wir Ossis halt”, sagt der AfD-Bundestagsabgeordnete Jürgen Pohl, der ebenfalls in Mühlhausen wohnt. Er sagt das gerne, wenn er in Berlin die Leute in seinem Wahlkreis erklären will.

Plötzlich ist er doch wieder da, der Osten, in seiner angsteinflößenden Variante. Und dann ist das Klischee gleich wieder verschwunden, wenn man im Freibad des Nachbarorts Eigenrieden eine arabische Familie sieht, die ruhig ihre Wasserpfeife raucht. Das Apfelaroma vermischt sich mit dem Geruch nach Pommes und dem des ausgehenden Sommers. Keiner guckt.

Mit dem Mittelpunkt haben sich in Niederdorla viele Hoffnungen verbunden, damals, als die Einheit noch neu war. Als eine Gütersloher Baumschule die Linde stiftete und der Baum in den Osten gebracht wurde, kam das Foto auf Seite eins der „Bild”-Zeitung. Dorthin hat Niederdorla es nie wieder geschafft.

Die vielen Reisebusse, die man erwartete, kamen nicht

Jens Hochheim aus Niederdorla erinnert sich noch genau. Der Zahntechnikermeister ist der Mittelpunktsexperte im Ort. Er hat den Transport der Mittelpunktslinde damals begleitet, jene Aufbauhilfe aus Ostwestfalen. Die Erinnerungen an die Wende-Euphorie sind bei ihm noch präsent. Eine Schmalspurbahn wollten sie bauen, drei Kilometer zum Haltepunkt Seebach, um die Mittelpunktstouristen herbringen zu können. Daraus wurde nichts. Auch die vielen Reisebusse, die man erwartete, kamen nicht.

Immerhin besuchen regelmäßig Schulklassen das nachgebaute germanische Dorf am „Opfermoor” gleich nebenan. „Das, was wir uns ursprünglich mal erhofft hatten, ist nicht eingetreten”, bilanziert Hochheim nüchtern. Aber Niederdorla ist trotzdem angekommen im vereinigten Deutschland.

„Hier gibt es kaum noch Ost-West-Abgrenzung. Unsere Partnerschaften mit den alten Bundesländern sind auch alle noch lebendig”, sagt Hochheim. In den Nachbardörfern sieht es zum Teil anders aus, die Feuerwehrpartnerschaften mit Hessen sind eingeschlafen, das Interesse am nahen Westen ruht. „Vielleicht liegt es am Mittelpunkt, dass das bei uns anders ist”, meint Hochheim.

Herbstein: Mittelpunkt der alten Bundesrepublik

Keiner hält. Schon seit Stunden. Der kleine Parkplatz am Rande der Bundesstraße 275 zwischen Herbstein und Altenschlirf bleibt leer. Hier steht schon seit vielen Jahren kein Hinweisschild mehr, das auf die alte Linde, den versteckten Findling und die hölzerne Sitzgruppe hinweist. Hier, im hessischen Vogelsbergkreis, befand sich der Mittelpunkt der Bundesrepublik, bevor er im Oktober 1990 rund 140 Kilometer in nordöstlicher Richtung wanderte, nach Niederdorla.

„Früher”, sagt Francesco Peretti von der Trattoria Bei Sandy, „früher kamen viele Leute wegen des Mittelpunkts. Das war schön!” Bei Peretti klingt selbst die Wehmut freundlich. Das liegt an seiner Sprachmelodie, bei der nicht zu erkennen ist, wo der hessische Dialekt endet und der italienische Akzent anfängt oder andersherum.

„Früher! Aber dann kam der Osten dazu, die Wiedervereinigung. Jetzt kommt niemand mehr zu unserem Mittelpunkt.” Doch da unten im Tal, da sei jetzt ein Radweg auf einer stillgelegten Bahntrasse, das ziehe wieder die Leute an. Spätestens, seit sie sich E-Bikes leihen können für die Steigungen im Vogelsbergkreis.

Es fährt immer noch keiner auf den schilderlosen kleinen Parkplatz am versteckten Mittelpunkt. Auch hier gibt es eine Linde, alt und knorrig, mit einem kleinen Schild neueren Datums: „Ehemaliger Mittelpunkt der BRD, 420 Meter über NN.” Am Findling daneben ist eine Tafel eingelassen: „Hier fand ‚Mischmasch’ vom WDR-Kinderprogramm den Mittelpunkt der Bundesrepublik Deutschland.”

Fernsehsendungen und ihre Obsession mit Mittelpunkten, das scheint ein gesamtdeutsches Phänomen zu sein. „Mischmasch” gibt es schon lange nicht mehr, und der Findling bekam später eine zweite, schmalere Tafel: „Mittelpunkt bis zum 3.10.1990, Tag der Deutschen Einheit” steht darauf. Ein Wanderweg, der auch hier zum Moor führt, das auch hier, wie in Niederdorla, Schauplatz düsterer Sagen ist.

Die neue Ruhe sollte mehr Touristen bringen

Die Einheit habe der Region vor allem Ruhe gebracht, sagt Herbsteins Bürgermeister Bernhard Ziegler. Im Kalten Krieg war der Vogelsbergkreis ein Übungsgebiet für Tiefflüge. „Ich erinnere mich noch gut: Wir hatten gerade gebaut, unsere Tochter war noch klein, und jedes Mal, wenn ein Flugzeug vorbeidonnerte, kam sie ängstlich aus dem Garten ins Haus gelaufen.” Mit dem Lärm ist es nun schon lange vorbei. Mit der Ruhe sollten mehr Touristen kommen, hatten die Menschen gehofft, doch die zieht es nun nach Thüringen.

Auf dem Weg in den Osten fliegen die Autobahn-Knotenpunkte vorbei: Kirchheimer Dreieck, Hattenbacher Dreieck. Von Bad Hersfeld bis hinüber nach Eisenach sind die Täler voller Logistikzentren: Amazon, Hermes, Libri, DHL. Hier wäre ein ehrlicher Ort für einen Mittelpunkt – Deutschland, einig Onlineshopping-Land.

Bad Belzig: Der Mittelpunkt der ehemaligen DDR

Gut 400 Kilometer Autobahn sind es vom Mittelpunkt West bis zum Mittelpunkt der DDR: Auf den letzten Metern nähert sich vertrautes Zweitaktknattern auf der kleinen Straße durch den Kiefernforst zwischen Verlorenwasser und Weitzgrund. Ein Simson-Mofa nach dem anderen fährt den Hügel hoch, schwenkt zur achteckigen Hütte am Waldpfad, die Fahrer parken und nehmen die Helme ab.

Sie setzen sich in die Hütte, auf der „Mittelpunkt der ehemaligen DDR” steht, und öffnen das erste Bier. Früher hat man hier, weit weg von der Stadt und der DDR-Obrigkeit, den Herrentag gefeiert, im Corona-Frühjahr und -Sommer wurde die Hütte ein ebenso anarchischer Ort für kleine Feste.

Wer sind die mittelalten Mofafahrer, so eine Art Club? „Klar, der Motorradclub DDR”, sagt einer, und alle lachen. Ostzweiräder, Oststolz. Für Klaus Nichelmann (77) aber ist der Mittelpunkt etwas sehr Ernstes. Er hat sich um ihn gekümmert, als die DDR verschwunden war und der Förster das Originalschild abgebaut hatte.

Der verschobene Punkt

Dort, wo das Schild ursprünglich angebracht war, brütet nämlich der Schwarzstorch. Nichelmann verschob den Punkt eigenmächtig 400 Meter Richtung Straße. Schließlich sei Berlin jetzt vereint, und damit habe sich der Schwerpunkt verändert, sagt er. Im Wald bei Bad Belzig gehört West-Berlin also gefühlt zur DDR.

In den Neunzigerjahren kamen der „Spiegel” und das israelische Fernsehen auf der Suche nach der Quelle der Ostalgie in den Kiefernforst. Dann wurde es auch hier immer stiller. Für Nichelmann bleibt die DDR der wichtigste Teil seines Lebens. „Ich wurde 1949 zur Gründung der DDR eingeschult, ich habe alles mitgemacht”, sagt er. „Ich habe ein Haus gebaut, meinen Meister gemacht, dann bekam ich einen Studienplatz, wurde Diplom-Ingenieur.”

Im Rathaus von Bad Belzig sitzt ein Mann, der an einer Hymne der untergehenden DDR mitgewirkt hat: Roland Leisegang, parteiloser Bürgermeister, in seinem vorigen Leben Schlagzeuger der Band Keimzeit. Deren größter Hit „Kling Klang” stammt aus den letzten Jahren vor der Vereinigung, er hat die Jahrzehnte überdauert.

Für die 30-jährige Valerie Schönian ist „Kling Klang” der Soundtrack zu ihrem Buch „Ostbewusstsein” über die Generation der Nachwendekinder. Das liegt vor allem am Text von Roland Leisegangs Bruder Norbert, dem Frontmann der Band: „Bloß von hier weg, so weit wie möglich – bis du sagst: Es ist Zeit, wir müssen aus Feuerland zurück, nach Hause – im Wiener-Walzer-Schritt.” Nach dem Mauerfall war das „bloß von hier weg” kein Traum mehr, sondern ein Versprechen.

Bürgermeister Roland Leisegang hat zwar nichts gegen den Mittelpunkt der DDR auf dem Territorium seiner Stadt, möchte das ganze Ost-West-Ding aber gerne überwunden wissen. Erst einmal macht er eine klare Ansage, mit wem man es hier zu tun hat: „Wir sind Brandenburger, wir sind Fläming-Bürger und allgemein eher zurückhaltend. Das hat für mich jetzt nicht viel mit Ost und West zu tun, das sind regionbezogen eigene Charaktere. Mit dem Freuen haben wir es hier nicht so offensichtlich. Wenn andere schon auf dem Tisch stehen und jubeln, dann sagt der Brandenburger: War ganz in Ordnung.”

Und, ist das jetzt ganz in Ordnung nach 30 Jahren? Bad Belzig erlebt wieder Zuzug, ist fast schon ein erweiterter Berliner Vorort geworden. Leisegang schaut lieber nach vorn statt zurück: „Für mich ist es furchtbar irrelevant, wo die Leute herkommen, ob aus dem Osten, dem Westen oder aus ganz anderen Ländern, wie unsere Flüchtlingsfamilien, die nach Bad Belzig gekommen sind. Ich frage aus reinem Interesse, wo jemand herkommt. Wenn Menschen Gutes miteinander schaffen, eine Existenz aufbauen und sich an die Regeln halten, die die Gesellschaft vorgibt, dann sind sie mir genauso lieb wie solche, die schon länger hier sind.”

Ein gültigerer Satz als dieser, direkt vom Mittelpunkt der DDR, findet sich in der ganzen Republik nicht.

Von Jan Sternberg/RND