Freitag , 2. Dezember 2022
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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht in der zentralen Gedenkveranstaltung in der Ulrichskirche. Ein Jahr nach dem rechtsterroristischen Anschlag am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur wird mit Veranstaltungen und Gebeten der Opfer gedacht. Am 09. Oktober 2019 hatte ein schwer bewaffneter Rechtsextremist versucht, die Synagoge zu stürmen und ein Massaker unter 52 Besuchern anzurichten. Als ihm das nicht gelang, erschoss er eine Passantin und in einem Dönerimbiss einen jungen Mann. Quelle: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Steinmeier: “Menschenfeindlichkeit trifft nicht jeden, aber sie betrifft uns alle”

Halle. In Halle ist am Freitag der Opfer des antisemitischen Anschlags im vergangenen Jahr gedacht worden. Bei der zentralen Gedenkveranstaltung in der Ulrichskirche rief Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum Zusammenstehen der gesamten Gesellschaft gegen Antisemitismus, Rassismus und andere Formen der Ausgrenzung auf. Menschenfeindlichkeit sei ein Angriff gegen die offene Gesellschaft und die Demokratie, sagte er. “Menschenfeindlichkeit trifft nicht jeden, aber sie betrifft uns alle”, sagte er. Nach dem Anschlag von Halle dürfe man nicht zur Tagesordnung übergehen.

Der Bundespräsident erinnerte an die Todesopfer, Verletzten und Traumatisierten des Anschlags vom 9. Oktober 2019. Aus rechtsextremistischer Gesinnung heraus hatte der Täter versucht, am wichtigen jüdischen Feiertag Jom Kippur in die Synagoge in Halle einzudringen. Er scheiterte an der Tür und ermordete danach eine Passantin und einen Mann in einem Döner-Imbiss.

In Halle sei ein Alptraum wahr geworden, "ausgerechnet in Deutschland, ausgerechnet an Jom Kippur", sagte Steinmeier. Er verwies auf die steigende Zahl judenfeindlicher Straftaten, nannte die Liste der Angriffe eine "Liste der Schande". Es erfülle ihn mit Scham und Zorn, dass es nötig sei, jüdische Gotteshäuser zu schützen und dass es für jüdische Kinder Alltag sei, schwer bewachte Kindergärten und Schulen zu besuchen. "Rechtsextremismus reicht tief hinein in unsere Gesellschaft", mahnte Steinmeier.

Privorozki: Normales Leben für Gemeinde so bald nicht wieder möglich

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Halle, Max Privorozki, sagte, ein normales Leben werde für die Gemeinde so bald nicht wieder möglich sein. “Wir sind empfindlicher geworden als früher”, sagte er - auch mit Verweis auf Äußerungen von Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) über entstehende Personalengpässe bei der Polizei aufgrund der Schutzmaßnahmen vor jüdischen Einrichtungen.

Der Jahrestag des Anschlags war in Halle geprägt vom Gedenken. Bei einem stadtweiten Läuten aller Kirchenglocken zum Anschlagszeitpunkt um 12.01 Uhr hielten Hunderte Menschen auf dem zentralen Marktplatz inne. Zudem wurde an er Synagoge ein Mahnmal eingeweiht. Es integriert die alte Tür, die vor einem Jahr ein mutmaßlich vom Attentäter geplantes Blutbad maßgeblich verhinderte.

RND/epd