Nicht unterzukriegen: New York stemmt sich jeder Krise. Quelle: imago images/Cavan Images

Trotz Corona und vier Jahren Trump: New York lebt, und wie!

New York. In den vergangenen Wochen kocht in New York wieder einmal die Debatte hoch, ob die Stadt nun endgültig tot sei. Diese Diskussion ist nicht neu. Sie wurde in den Siebzigerjahren geführt, als die weiße Mittelschicht aus der verfallenden Metropole floh und nur die Boheme sowie all jene zurückließ, die es sich nicht leisten konnten, in die Vororte zu ziehen.

Sie wurde nach 9/11, nach den Anschlägen auf das World Trade Center, geführt und dann wieder in der Boomzeit der Michael-Bloomberg-Jahre, als sich zunehmend nur noch die Finanzelite die Stadt leisten konnte. Und als es so schien, als werde jegliche Form von Kreativität und Nonkonformität aus den Straßen Manhattans heraus- und an die Ränder gequetscht.

Nun ist es Covid, das angeblich New York den Garaus macht. So konstatierte jüngst der Hedgefondsmanager James Altucher in einer Kolumne für die „New York Post“, die er aus seinem Exil in Palm Beach verfasste, dass die Stadt für ihn nichts mehr zu bieten habe. Restaurants und Theater seien zu, das Geschäftsleben sei erstarrt. Der Businessbezirk Midtown sei zu einer Geisterstadt verkommen.

Der Sommer in New York

Für diejenigen von uns, die nicht aus der Stadt geflohen sind, klingt die Diskussion um den vermeintlichen Tod New Yorks eigenartig. Hinter uns liegt ein Sommer, der vieles war – ungewöhnlich, manchmal beängstigend, manchmal betörend, manchmal laut, manchmal melancholisch, manchmal bezaubernd. Eines war er jedoch nicht: leblos.

Wenn Altucher einmal einen Nachmittag im August im Washington Square Park verbracht hätte, dann würde er nicht so daherreden. New York war dort so lebendig wie eh und je. Inbrünstig improvisierte rund ein halbes Dutzend Jazztrios in Ermangelung anderer Auftrittsmöglichkeiten, während Paare verliebt durch den Nachmittag träumten, alte Männer Schach spielten und Skateboarder ihre Tricks übten.

Man konnte in jenen Tagen in den Parks, auf den Straßen und Plätzen der Stadt bisweilen wunderbare Glücksmomente erleben, Momente wie jenen, den der Dichter Walt Whitman vor mehr als 160 Jahren auf dem Deck der Fähre zwischen Manhattan und Brooklyn stehend beschrieb: „Ich bin mit euch, ihr Männer und Frauen einer Generation, ich fühle so, wie ihr fühlt, wenn ihr über den Fluss und in den Himmel blickt, und so wie jeder von euch Teil einer Menge ist, bin ich Teil einer Menge.“

New York erlebte in diesem Sommer, vielleicht zum ersten Mal seit Jahrzehnten, eine tiefe Gemeinschaft, ungestört von Touristen und Leuten wie Altucher, die sich in der Stadt nur unterhalten lassen oder verdienen wollen.

Die USA ein gescheiterter Staat?

Ähnlich wie mit dem Gerede vom Tod New Yorks geht es einem, wenn man hier lebt, mit einem anderen Lamento, das in jüngster Zeit laut wird und das nicht nur, aber vor allem aus Europa tönt. Amerika sei am Ende, ist da zu hören. Die Wahl und mögliche Wiederwahl Donald Trumps habe den Bankrott des politischen Systems deutlich gemacht. Die staatliche Gewalt gegen Minderheiten demonstriere einen allgegenwärtigen Rassismus, den man nicht nur als unausrottbar, sondern möglicherweise als konstitutiv für dieses Land begreifen muss. Kurz: Amerika ist nicht mehr zu retten, insbesondere, wenn es Trump am 3. November wiederwählen sollte.

Man kann gut verstehen, wie aus der Distanz ein solcher Eindruck entstehen kann. Schließlich gibt es auch in den USA selbst keinen Mangel an Pessimismus. Jüngst hat der Journalist George Packer das Land als ­„failed state“, als gescheiterten Staat, bezeichnet. Und schwarze Intellektuelle wie Frank Wilderson oder Ta-Nehisi Coates haben dem Projekt der Aussöhnung von Schwarz und Weiß den Rücken gekehrt.

Die enormen Probleme der USA lassen sich nicht leugnen. Die Polarisierung des Landes und die Korruptheit der politischen Klasse haben den Staatsapparat weitgehend lahmgelegt. Es ist schwer geworden, einer neuen Generation oder den traditionell vom politischen Prozess Ausgegrenzten zu vermitteln, warum sie nicht zynisch werden sollen. Die Tatsache, dass es einem Mann, dessen Talente in der Inszenierung von derbem Spektakel liegen, gelungen ist, diesen Apparat zu kapern, macht diese Verzweiflung an der amerikanischen Demokratie nur noch verständlicher.

Das Amerika Barack Obamas ist nicht verschwunden

Und natürlich kann man auch daran verzweifeln, dass sich eine Kaste von weißen Suprematisten an der Macht hält, die kein Interesse daran hat, die systematische Unterdrückung von Minderheiten zu beenden. Die massenhafte Inhaftierung von Afroamerikanern, ihre systematische Ausgrenzung aus der amerikanischen Gesellschaft und die weitgehend straffreie alltägliche Ermordung von Schwarzen durch die Staatsmacht sind Skandale, die durchaus die Frage nach der Legitimität und dem inneren Zusammenhalt der US-Gesellschaft aufwerfen.

Dennoch fühlt sich das Leben hier weitaus weniger katastrophal an, als das alles klingt.

Wenn man von der Implosion Amerikas redet, muss man daran erinnern, dass das Land nicht am 20. Januar 2017 bei der Amtseinführung von Präsident Trump über Nacht ein komplett anderes geworden ist. Das Amerika von Barack Obama, das rund um die Welt wohlgelitten war, ist nicht vom Erdboden verschluckt worden.

Von den 138 Millionen Wählern haben sich etwa 7 Prozent, die traditionell sonst für die demokratische Partei gestimmt haben, 2016 dazu hinreißen lassen, Trump zu wählen. Viele von ihnen, das weiß man heute, waren Protestwähler, die mit dem neoliberalen Paradigma der Washingtoner Machtelite unzufrieden waren und einen Außenseiter ausprobieren wollten. Die meisten von ihnen bereuen das heute und haben sich bereits dazu entschlossen, diesmal für den Demokraten Joe Biden zu stimmen.

Nicht jeder will Trump

Da bleiben noch immer 52 Millionen Amerikaner übrig, die vermutlich aus Überzeugung für Trump und seine Partei gestimmt haben und die wenigstens teilweise sein reaktionäres, rassistisches Weltbild teilen. Das sind viele Menschen, aber es ist nicht annähernd die Mehrheit in dem Land mit seinen rund 330 Millionen Einwohnern.

Wer die Verfasstheit der amerikanischen Gesellschaft verstehen will, fixiert sich ohnehin lieber nicht auf solche Zahlen. Der hat eher im Sommer beobachtet, wie eine breite Koalition von Amerikanern aus allen Schichten und Ecken der Bevölkerung feurig, aber friedlich gegen den anhaltenden Rassismus in der Gesellschaft demonstriert hat. In den Protesten kam ein tiefes Verständnis dafür zum Ausdruck, was struktureller Rassismus bedeutet. Wer heute politisch informiert ist – und das ist ein großer Teil der amerikanischen Bevölkerung –, versteht die Komplexität und die historischen Dimensionen des Rassismus im Land. Und der ist dabei, seine eigenen rassistischen Stereotype gründlich zu hinterfragen.

Und noch etwas macht Hoffnung: Die Parteien mögen in Washington verlernt haben, miteinander zu reden und im Sinne der Bevölkerung zu regieren. Doch seit 2016 ist eine neue Generation von Politikern auf den Plan getreten, die es auch schaffen, Wählerschichten zu mobilisieren, die niemals Hoffnung hatten, vom politischen Establishment repräsentiert zu werden. Darunter sind Frauen wie Alexandria Ocasio-Cortez, Cori Bush oder Ilhan Omar, die das Land zu einem Ort machen wollen, in dem sich die Menschen in der Bronx oder East St. Louis nicht mehr vergessen und zurückgelassen fühlen.

Amerika ist ein Abenteuer

So ist mir seit der Wahl Trumps eigentlich nie der Gedanke gekommen, dass Amerika am Ende ist, dass das Land als System und als Idee ausgedient hat. Solch apokalyptische Rhetorik erscheint mir eher wie das Werkzeug von Leuten wie Trump, die eine tiefe Krise herbeizureden versuchen und eine bessere Vergangenheit zusammenfantasieren, zu der es zurückzukehren gelte – um die Macht der eigenen Klasse zu sichern. „Make America Great Again“ ist die Doktrin einer verschreckten Kaste alter weißer Männer.

Das Amerika dieser Leute ist eine fixe Idee. Das Amerika der Amerikaner, die ich liebe und derentwegen ich dieses Land noch immer liebe, ist etwas ganz anderes. Es ist unfertig, ewig pflege- und reparaturbedürftig, ein Werden und ein Wagnis. Obama hat es als “imperfect union” bezeichnet, ein Verweis auf den Verfassungsauftrag, eine “more perfect” union – eine immer bessere Gemeinschaft – zu bilden. Generation für Generation, immer wieder aufs Neue.

In diesem Sinne ist Amerika ein Abenteuer, das nie zu Ende geht, ein Weg zu einem neuen, neuartigen Gemeinwesen, das nie fertig ist. Dass ab und an ein Grobian kommt und auf dem ganzen Bastelwerk herumzutrampeln versucht, ist nicht schön. Aber es hindert die Menschen, die den Glauben an diesen Weg nicht aufzugeben bereit sind, nicht daran, ihn unbeirrt weiterzugehen.

Von Sebastian Moll/RND