Besucher stehen auf der Air Base in Ramstein vor einer US-Flagge im Gegenlicht. Quelle: Frank May/dpa

In Ramstein steigt bei den US-Soldaten das Wahlfieber

Ramstein. Hoffnung und Skepsis sind vor der nahen US-Präsidentschaftswahl vielleicht nirgendwo in Deutschland so spürbar wie in Ramstein. „Ich bin entsetzt über die Art, wie die Kontrahenten Donald Trump und Joe Biden miteinander umgehen“, sagt Bürgermeister Ralf Hechler im Rathaus der Stadt in Rheinland-Pfalz und schüttelt den Kopf. „Jede kleine Erschütterung in der politischen Spitze wirkt sich bei uns hier unten direkt aus.“ Seit fast 70 Jahren ist Ramstein ein Synonym für amerikanische Präsenz in Deutschland: Der Ort beheimatet die größte US-Militärgemeinde außerhalb der USA.

Jeden Tag trägt der Wind die Takte der amerikanischen Nationalhymne vom US-Militärstützpunkt in die benachbarten Gärten von Ramstein. Die Air Base ist ein amerikanischer Mikrokosmos inmitten der Westpfalz. Traurige Berühmtheit erlangte Ramstein 1988 durch ein schweres Unglück. Bei einer Schau stießen Flugzeuge in der Luft zusammen, eine brennende Maschine stürzte in die Zuschauer. 70 Menschen starben.

Während sich das US-Militär aus anderen Regionen der Welt zurückzieht, wurde das Areal bei Kaiserslautern seit den 1950er Jahren ausgebaut. Heute ist es eine der wichtigsten Drehscheiben der USA weltweit. Seit 2011 ist die Air Base mit rund 8000 US-Soldaten auch die Zentrale der umstrittenen Drohneneinsätze. Zuletzt wurde bekannt, dass die Nato mit einem „Space Center“ in Ramstein ihre Pläne für die Bündnisverteidigung im Weltall vorantreiben will.

Die stationierten Soldaten gehören zur Kaiserslautern Military Community, die mehr als 50 000 Amerikaner zählt - mit Angehörigen und Zivilbeschäftigten. Zudem befindet sich das Nato-Hauptquartier Europa/Afrika mit 26 Nato-Partner-Staaten in Ramstein.

Trumps Politik "kommt hier schlecht an”

„Die Amerikaner genießen hier einen hohen Stellenwert, und wir profitieren wirtschaftlich von ihnen“, sagt Hechler. Allein in der Militärgemeinde Kaiserslautern hat die US-Armee eine Wirtschaftskraft von jährlich gut 2,3 Milliarden Euro. „Es war immer ein faires Miteinander - aber seit Trump werden politische Diskussionen schnell unverbindlich“, erzählt der CDU-Politiker. Trump polarisiere.

„Ob seine Strafzölle, seine Gedanken über einen Teilabzug von Soldaten oder die Bemerkung, die Nato sei obsolet: Seine Politik kommt hier schlecht an. Wenn er poltert oder Unsinniges twittert, fühlen wir uns hier wie der letzte Heinz.“ Dass Amerikaner und Deutsche eine gewachsene Struktur in Ramstein seien, aber auch, dass er den Nato-Partner Deutschland nicht vor den Kopf stoßen sollte - darüber würde Hechler gerne einmal mit Trump sprechen.

Mehrmals war der US-Präsident nicht weit entfernt. Auf dem Heimweg aus Afghanistan und dem Irak legte er Stopps auf der Air Base ein. Persönliche Kontakte mit Gastgeber Rheinland-Pfalz gab es aber nicht.

Natürlich herrsche hin und wieder Streit, etwa über laute Flugübungen, sagt Hechler. Insgesamt klappe der Austausch jedoch sehr gut. „Ich glaube, unter einem Präsidenten Biden würde es aber atmosphärisch anders.“ Auf die US-Wahl am 3. November schaut er mit gemischten Gefühlen. „Ich fürchte, dass das eng ausgeht. Und dann kann man nur hoffen, dass der Verlierer die Niederlage akzeptiert.“

“Sind wir hier eine riesige Familie”

Immobilienmakler Günther Wolf macht in Ramstein schon seit 30 Jahren mit Amerikanern gute Geschäfte. Wie sieht er die Stimmung kurz vor der Wahl? „Klar, die Meinungen über Trump gehen auseinander“, sagt Wolf in seinem Büro im Ortszentrum. „Aber sind wir ehrlich: Präsidenten kommen und gehen. Wir hier müssen das Beste daraus machen.“

Schon mehrmals habe es Aufregung in Ramstein gegeben, ob nach dem Golfkrieg 1991 oder den Anschlägen vom 11. September 2001. „Jetzt heißt es, die Amerikaner wollten Tausende Soldaten abziehen. Aber wenn deswegen Unruhe in Ramstein herrschen würde, würden die Leute ihre Häuser verkaufen. Das Gegenteil ist der Fall: Für Amerikaner werden weiter Wohnungen gesucht. Die Preise hier waren nie höher.“

Bisher habe sich immer alles ins Positive gedreht, sagt Wolf. Wer abends durch Ramstein gehe, sehe manche Lokale zu drei Vierteln mit Amerikanern besetzt. Teilweise seien Speisekarten nur in Englisch. „Eigentlich“, sagt der Makler, „sind wir hier eine riesige Familie“.

“In Europe 100 miles is a long way, in the US 100 years is a long time.”

Eine Familie, das ist in Ramstein auch das deutsch-amerikanische Ehepaar Pfannenstiel mit seinen beiden Kindern. Weil der Dialog zwischen Deutschen und Amerikanern für sie eine Herzensangelegenheit ist, haben Bianka und Will Pfannenstiel vor drei Jahren einen Stammtisch gegründet. „Als Will 2017 bei der US-Armee in Rente ging, haben wir überlegt, wie wir das Verhältnis zwischen Deutschen und Amerikanern verbessern können“, erzählt die SPD-Gemeinderätin. Anfangs kamen 20 Leute, zuletzt vor der Corona-Zwangspause etwa 40.

Und dann wird gestritten? Will Pfannenstiel lacht. „Wir landen seltener bei Politik als viele denken.“ Wichtiger sei der Alltag, sagt seine Frau. Politik sei jedoch nicht tabu. „Aber in Deutschland werden Amerikaner oft mit Trump gleichgesetzt - unabhängig davon, ob sie ihn gewählt haben.“ Das Paar hatte sich 1999 in Wiesbaden kennengelernt, wo die Lehrerin arbeitete. Will war dort stationiert.

„Ich verstehe die Fixierung vieler Deutscher auf Trump. Er ist omnipräsent“, meint der Ex-Soldat. Ihn störe aber, dass Auswärtige praktisch jeden in Ramstein auf Politik reduzierten. „Politik ist hier eigentlich zweitrangig.“ Natürlich gebe es Unterschiede in den Kulturen, sagt er und zitiert ein Bonmot: „In Europe 100 miles is a long way, in the US 100 years is a long time.“ Aber nach fast 70 Jahren seien Amerikaner in Ramstein ein Teil der Gesellschaft. „Jeder Deutsche hat mittlerweile irgendeinen Amerikaner in der Familie.“

Trump oder Biden? Gavin Pfannenstiel hat sich vor wenigen Tagen entschieden. Der Sohn von Will und Bianka hat gewählt - online. „Es war machbar, aber zeitaufwendig“, sagt der 20-Jährige. Am Ende, meint er, sei Ramstein ein Ort wie jeder andere. „Wir haben hier unsere eigenen Themen. Für viele ist Fußball wichtiger als die Air Base.“

RND/dpa