Der Präsident will Menschenmengen sehen - doch angesichts der Pandemie verfolgen inzwischen mehr als zwei Drittel der Amerikaner politische Großveranstaltungen nur noch mit Kopfschütteln: Donald Trump in Carson City, der Hauptstadt von Nevada. Quelle: Alex Brandon/AP/dpa

Die fünf Fehler des Wahlkämpfers Trump

Liebe Leserinnen und Leser,

„Maske tragen. Hände waschen. Trump abwählen.“ So kurz und so knackig sind die drei Tipps zur Pandemiebekämpfung, die die US-Demokraten derzeit ihren Landsleuten geben. Man begegnet dem neuen Dreiklang im Fernsehen, im Radio, auf Facebook.

Fair, aber hart: So war Joe Bidens Kampagne von Anfang an. Und so geht sie jetzt auch in die letzten zwei Wochen vor der Wahl.

Den Republikanern ist das Lachen vergangen

Monatelang höhnten Donald Trump und seine Leute, Biden verstecke sich. Tatsächlich meldete sich der Spitzenmann der Demokraten im Frühsommer allzu oft aus dem Keller seines Hauses in Delaware, wo seine Leute ein kleines Videostudio eingerichtet hatten. In Internet-Stores boten kichernde Republikaner damals „Hidin’-Biden“-T-Shirts zum Kauf an.

Inzwischen ist den Republikanern das Lachen vergangen. Erstens ist Biden präsenter denn je – anders als Trump hat er noch keinen Termin wegen Krankheit abgesagt. Zweitens hat die Biden-Kampagne von großen und kleinen Spendern zusammen mehr Geld eingesammelt als Trumps Truppe. Und drittens arbeiten für Biden landauf, landab unzählige kreative, gut motivierte und vor allem gut vernetzte Leute – die auch noch gute Laune ausstrahlen.

Biden hat Strategie- und Kommunikationschefs für jeden wichtigen Bundesstaat, dazu Direktoren für Video, für Social Networks, für Rapid Response. Alle Fäden laufen zusammen bei Jennifer O’Malley Dillon, einer für die Öffentlichkeit unsichtbar gebliebenen politischen Managerin und Mutter von drei kleinen Kindern, die pandemiebedingt im Dachgeschoss ihres Privathauses in Maryland sitzt.

Die 43-Jährige war einst für Barack Obamas Wahlkämpfe in „battleground states“ verantwortlich. Biden übertrug ihr nun die Organisation seines kompletten Wahlkampfs: Der Machtwechsel in der Supermacht USA ist zum Projekt fürs Homeoffice geworden.

Footballwerbung mit „Lastwagen voller Geld“

Das Team Biden arbeitet ruhig und systematisch, mit klaren Zeitplänen und Choreografien. In all dem liegt am Ende etwas Gnadenloses. So kommen Bidens Medienleute jetzt, in der Schlussphase, „mit ganzen Lastwagen voller Geld“ um die Kurve, wie es in der Werbebranche heißt, und kaufen Sendezeit im Fernsehen.

Footballfans in Arizona und Texas zum Beispiel, die in der vergangenen Nacht das Spiel Arizona Cardinals gegen die Dallas Cowboys verfolgt haben, sahen gleich drei längere Biden-Spots – der Sportsender ESPN soll dafür 400.000 Dollar abgerechnet haben. Die Trump-Kampagne stieg bei diesem Event nur mit einem Zehntel dieser Summe ein.

Noch vor wenigen Jahren hätten Medienmanager den Demokraten geraten, sich bei Begegnungen zwischen Teams aus Arizona und Texas einfach ganz rauszuhalten und sich das Geld zu sparen. Arizona und Texas tendieren nun mal traditionell zu den Republikanern.

Bidens Ziel ist der politische Erdrutsch

Doch so bescheiden ist Biden nicht – oder nicht mehr. Der Mann will keinen knappen Sieg am 3. November, er will einen politischen Erdrutsch auslösen – auch im bereits bröckelnden Arizona, und vielleicht sogar in Texas. Das Szenario erscheint mittlerweile realistischer denn je.

Bidens zuverlässigster Helfer allerdings gehört nicht zum eigenen Team, sondern zur Gegenseite: Es ist der Präsident selbst. Fünf Stockfehler machen ihm jetzt schwer zu schaffen.

1. Trump hat beim Early Voting seine eigenen Leute gebremst: Über Wochen hinweg äußerte Trump immer wieder Zweifel an der Zuverlässigkeit von Briefwahlen. Das war unklug. Der Effekt: Seine eigenen Anhänger warten mit der Stimmabgabe bis zum 3. November. Mehr als 30 Millionen Amerikaner haben aber inzwischen ihre Stimme schon abgegeben, unter ihnen sind doppelt so viele registrierte Demokraten wie Republikaner. Biden sammelt also beim Early Voting dieser Tage kräftig Stimmen – die ihm keiner mehr wegnimmt.

2. Trump verliert die Frauen: Trumps Rückhalt bröckelt besonders stark bei weißen Frauen aus den Vorstädten, einer Wählergruppe, die ihm 2016 noch viel Unterstützung gab. Dem Präsidenten fällt aber nicht mehr ein, als über diesen Trend öffentlich zu klagen: „Vorstadtfrauen, würdet ihr mich bitte mögen?“ In North Carolina philosophierte Trump soeben über die gläserne Decke, die Frauen auf dem Weg nach oben oft nur mühsam durchstoßen. Hillary Clinton sei es nicht gelungen, „und Kamala wird es auch nicht schaffen“, höhnte er. Einen neuen Zustrom von Wählerinnen generiert man auf diese Art gewiss nicht.

3. Trump beleidigt die Älteren: Jüngst twitterte Trump die Parole „Biden for Resident“. Zu sehen war sein Gegenkandidat in einer Fotomontage inmitten von betagten Rollstuhlfahrern als „resident“ – Bewohner – eines Altenheims. Eine Verhöhnung älterer und behinderter Wähler verbietet sich nicht nur aus ethischen, sondern auch aus taktischen Gründen. Nach jüngeren Umfragen liegt Biden bei Senioren deutlich vorn – vor vier Jahren lag Hillary Clinton bei den Älteren hinter Trump. Auch die ständige Herabsetzung des 77 Jahre alten Biden als senil und „sleepy“ scheint dem 74 Jahre alten Trump in der obersten Altersgruppe nicht geholfen zu haben.

Trumps Auftritte lösen bei zwei Dritteln Kopfschütteln aus

4. Trump flirtet mit Radikalen und Verschwörungsideologen: Auch konservative Wähler haben zunehmend Probleme damit, dass der Präsident es nicht fertigbringt, eine klare Trennlinie zu rechten Gewalttätern und Verschwörungstheoretikern zu ziehen. Beim Fernsehduell mit Biden blieb der Missklang zurück, dass Trump die „Proud Boys“ ermunterte, sich weiter bereit zu halten („stand back and stand by“), bei dem Einzelinterview auf NBC sagte Trump, er wisse nicht, wofür die Bewegung Qanon stehe, er wisse nur, dass sie sich gegen Pädophilie wende – und das finde er gut. In Trumps Partei gibt es eine wachsende Unruhe angesichts dieses „Unsinns“, wie es der republikanische Kongressabgeordnete Denver Riggleman aus Virginia dieser Tage auf CNN ausdrückte.

5. Trump ist zu oft sichtbar: Der Mann, der monatelang „Hidin’ Biden“ verspottet hat, ist seinerseits zu oft sichtbar. Politische Analysten sind sich einig, dass es für den Präsidenten besser wäre, sich zurückzuziehen und sich auf neue Themen zu konzentrieren, etwa den nötigen Wirtschaftsaufschwung nach der Pandemie. Stattdessen legt Trump an Provinzflughäfen mit der Air Force One bis zu zwei Fly-in-fly-out-Veranstaltungen pro Tag hin. Er bleibt besessen von dem Gedanken, dass die Größe von Menschenmengen, auf die er blickt, und der Fanatismus seiner glühendsten Anhänger Anzeichen für eine Wiederwahl sein könnten.

Tatsächlich aber ergaben Umfragen, dass in vielen Bundesstaaten nur rund 30 Prozent der Männer und nur rund 20 Prozent der Frauen angesichts der Pandemie Auftritte von Politikern vor großen Menschenmengen noch für eine gute Idee halten. Anders gesagt: Mehr als zwei Drittel verfolgen derzeit jeden neuen Auftritt Trumps mit Kopfschütteln – ganz unabhängig davon, was gesagt wird. Die Wahlkampfmaschinerie von Trump läuft auf Hochtouren – und stärkt unterm Strich Biden.

Zahlen vor den Wahlen

Joe Biden würde nach dem aktuellen Stand der Dinge mit großer Sicherheit zum Präsidenten gewählt werden. Er müsste nur die nach Umfragen bereits deutlich von den Demokraten dominierten blauen Staaten gewinnen – keinen einzigen von den noch unentschiedenen (braun).

Präsident wird, wer im 538-köpfigen Wahlleutegremium mindestens 270 Stimmen bekommt. Die Wahlleute werden aus den Einzelstaaten entsandt, ihre Zahl richtet sich nach der Bevölkerungsgröße des Staates. Am meisten Gewicht haben Kalifornien (55 Wahlleute), Texas (38) und Florida (29).

Donald Trump dagegen müsste, um zu gewinnen, drei Dinge schaffen: zunächst wirklich alle zu den Republikanern tendierenden roten Staaten holen, dann aber zusätzlich auch sämtliche unentschiedenen Staaten erobern und schließlich, ein kleines Stück weit jedenfalls, in das blaue Lager einbrechen. Dies ist nicht unmöglich, aber – nach dem jetzigen Stand aller zusammenfließenden Daten – sehr unwahrscheinlich.

Unsere Leseempfehlungen

Kampf im Kaktusland: Unser USA-Korrespondent Karl Doemens ist gerade voller interessanter Eindrücke aus dem heißen Südwesten nach Washington zurückgekehrt und schreibt noch im Laufe dieses Tages eine große Reportage aus Arizona, auf die wir uns schon sehr freuen. Nach zwei Jahrzehnten republikanischer Dominanz könnte es sein, dass Arizona an die Demokraten geht. Eine Schlüsselrolle spielen nicht nur die Latinos. Viele Republikaner rufen überraschenderweise zur Wahl von Biden auf – darunter Cindy McCain, die Witwe des langjährigen republikanischen Senators John McCain. Das Stück finden Sie morgen früh auf der Startseite von RND.de.

Zahlen bitte: Unser Zahlenguru Johannes Christ gibt einen Überblick zu den aktuellen Umfragen und den bisherigen Tendenzen.

Video der Woche

Zitat der Woche

What’s next?

Das letzte TV-Duell zwischen Trump und Biden geht am Donnerstag um 21 Uhr Ostküstenzeit über den Sender – also um 3 Uhr MESZ. Die ARD überträgt es live. Die phasenweise Stummschaltung der Mikrofone soll diesmal ein Chaos wie beim ersten Duell vermeiden helfen.

Wir begleiten Sie gern weiter durch diese spannenden Zeiten. Der nächste Newsletter erscheint am Freitag – bis dahin...

stay tuned - and stay sharp!

Ihr Matthias Koch

PS: Alle Infos zur US-Wahl finden Sie jederzeit auf unserer Themenseite.

Von Matthias Koch/RND