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Eine Kundin trägt in Bern einen Mund-Nasen-Schutz, während sie ihren Einkauf bezahlt. In öffentlichen Räumen, Geschäften, im öffentlichen Verkehr und in Bahnhöfen gilt im Kanton Bern seit dem 12. Oktober eine Maskenpflicht. Quelle: Marcel Bieri/KEYSTONE/dpa

Corona in der Schweiz: „Die ansteigenden Fallzahlen sind ein Schock“

Bern. Wenn der Schweizer Bundesrat an einem Sonntag zusammenkommt, dann ist es ernst. Am vergangenen Sonntag musste der Bundesrat, die Regierung Helvetiens, ran. Die Corona-Pandemie zwang die drei Ministerinnen und vier Minister zur Krisensitzung. „Die zweite Welle ist da, und sie ist stärker als gedacht“, warnte Gesundheitsminister Alain Berset die Bevölkerung.

Vorher hatte der Chef der Schweizer Wissenschafts-Taskforce zu Covid-19, Martin Ackermann, zugegeben: „Die rapide ansteigenden Corona-Fallzahlen sind ein Schock.“ Zuletzt verdoppelte sich die Zahl der Corona-Infektionen in der Schweiz innerhalb einer Woche und durchbrach erstmals die Rekordmarke von 3000 an einem Tag – ein alarmierender Wert für ein Land mit 8,6 Millionen Einwohnern.

Die „Südostschweiz“ aus Chur zog einen brisanten Vergleich: „Wir weisen die Hälfte der täglichen Ansteckungszahlen von Deutschland auf, sind aber zehnmal kleiner als unsere Nachbarn.“ Die reiche und durchorganisierte Schweiz, so lautete die düstere Prognose, entwickele sich zum „internationalen Corona-Hotspot“.

Maskenpflicht und Einschränkungen in Restaurants

Der Bundesrat musste reagieren. Und er schränkte das Miteinander in der gesamten Schweiz wieder schmerzlich ein. Das gilt für Inländer und Ausländer, die im Land leben und arbeiten. Damit steuert die Eidgenossenschaft möglicherweise einem erneuten Lockdown entgegen, wie im Frühjahr.

Seit Anfang dieser Woche sind etwa „spontane Menschenansammlungen von mehr als 15 Personen“ im öffentlichen Raum verboten. Menschen ab zwölf Jahren müssen in allen „öffentlich zugänglichen Innenräumen“ wie Geschäften und ebenso in allen Bahnhöfen, Flughäfen und an Bus- und Straßenbahnhaltestellen eine Maske tragen. Und Gäste dürfen in Lokalen nur sitzend speisen und trinken. Einige dieser Maßnahmen galten schon zuvor auf kantonaler Ebene.

Noch im Juni schien die Schweiz aus dem Gröbsten heraus zu sein. Der Bundesrat registrierte nur vereinzelte Ansteckungen und hob die scharfen Covid-19-Restriktionen weitgehend auf. Seit Anfang Oktober können die Kantone sogar Veranstaltungen mit mehr als 1000 Menschen wieder erlauben – eine der weitgehendsten Lockerungen in Europa.

Jetzt stellen sich viele Schweizer die Frage: Wie konnte es wieder so brenzlig werden? Wer trägt die Verantwortung für die eskalierende Krise? Als eine Erklärung verweisen Experten auf die sinkenden Temperaturen. „Mit dem kalten Wetter, bei dem sich die Leute wieder vor allem in Innenräumen aufhalten, haben wir eine exponentielle Ausbreitung ähnlich wie Anfang März“, sagt der Berner Epidemiologe Matthias Egger.

Vorwurf: Schweizer Regierung lange planlos

Hinzu kam in dem Alpenland eine nahezu ansteckende Sorglosigkeit. Zumal die vielen Partys, draußen und drinnen, sowie feuchtfröhliche Nächte in Clubs, Bars und Discos die Corona-Ausbreitung beschleunigten. Auch hat die nationale SwissCovid-App deutlich weniger Nutzer als erhofft.

Die Regierung muss sich den Vorwurf der Planlosigkeit gefallen lassen – etwa bei der Maskenpflicht. Lange wollte der Bundesrat von einem obligatorischen Tragen des Mund- und Nasenschutzes nichts wissen. Erst Anfang Juli führte das Regierungsgremium die Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr ein; erst jetzt verschärfte der Bundesrat die Maskenanordnung weiter.

Schweizer Föderalismus erschwert einheitliche Corona-Maßnahmen

Auch der Föderalismus bremst den Kampf gegen die Pandemie aus. Beispiel Großevents. Die 26 Kantone einigen sich nicht auf eine einheitliche Verbotslinie für Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern. Während der Kanton Bern ab Anfang dieser Woche 1000-Plus nicht mehr zulässt, zögern andere Schweizer Teilstaaten noch immer mit einem Verbot.

Querschüsse von Politikern

Als wenig hilfreich erweisen sich auch Querschüsse und Ungeschicklichkeiten einzelner Politiker wie Finanzminister Ueli Maurer. Kurz bevor die Regierung die Anti-Corona-Maßnahmen kräftig anzog, plädierte Maurer demonstrativ für Lockerheit. „Man muss aufpassen, nicht in Hysterie zu verfallen, wie dies einige Medien tun“, beschwichtigte er in der „Schweiz am Wochenende“. Dann setzte der 69-Jährige von der rechtsnationalen Schweizerischen Volkspartei noch eins drauf. Trotz seines Alters gehöre er „sicher nicht“ zur Covid-19-Risikogruppe.

Von Jan Dirk Hebermann/RND