Donald Trump spricht nach der Fragestunde im Perez Art Museum mit Wählern (Archivfoto). Quelle: Evan Vucci/AP/dpa

Trumps Fernsehauftritte: Ein Mann ohne Stummtaste

Washington. Die Sendung heißt „60 Minutes“. Doch nach 45 Minuten war es vorbei. Da stürmte Donald Trump am Dienstag wütend aus der Aufzeichnung für eines der bekanntesten Magazine im amerikanischen Fernsehen.

Die Fragen von Moderatorin Lesley Stahl hatten dem Präsidenten gar nicht gefallen. „Parteiisch“ seien sie gewesen und das Interview „ein furchtbarer Eingriff“ in die Wahl am 3. November.

Das lässt wenig Gutes für das letzte TV-Duell zwischen Trump und seinem Herausforderer Joe Biden erwarten, das der US-Sender NBC in der Nacht zum Freitag aus Nashville senden wird. Die erste Begegnung der beiden Kandidaten war wegen der permanenten Unterbrechungen durch Trump ins Chaos abgeglitten.

Eine ursprünglich geplante zweite Debatte fiel unter Trumps Protest wegen dessen Corona-Erkrankung aus. Die Moderatorin des bevorstehenden Duells, Kristen Welker, hat der Präsident vorab schon als „furchtbar“ und „total parteiisch“ tituliert.

Die Stimmung ist also gereizt, wozu die aktuellen Umfragen beitragen dürften, die Biden bei den Wählern deutlich in Führung sehen.

Damit das bevorstehende TV-Duell nicht erneut in einer verbalen Wirtshausschlägerei endet, hat die für die Organisation zuständige unabhängige Kommission CPD die Regeln geändert: Wie beim letzten Mal dürfen Trump und Biden zu jedem neuen Themenkomplex zunächst zwei Minuten Stellung nehmen, bevor dann 15 Minuten diskutiert wird.

Während der Eingangsstatements soll das Mikrofon des Kontrahenten jeweils stumm geschaltet werden – und zwar nicht von der Moderatorin, sondern von der überparteilichen CPD.

Nichte Mary Trump: Er wird nicht schweigen

Trump hat gegen die „komplett inakzeptable“ Veränderung, die er „sehr unfair“ nannte, lautstark protestiert, will aber trotzdem teilnehmen. Beobachter bezweifeln stark, dass die Stummstaltung eine spürbare Verbesserung des Gesprächsklimas bringt, da Zwischenrufe auch über das Mikrofon des Kontrahenten aufgenommen werden. Und es gilt als sicher, dass der Präsident versuchen wird, den Herausforderer, der als Kind gestottert hat, aus dem Konzept zu bringen.

Die Unterbrechungen seien Teil der Strategie des Präsidenten, sagte dessen Nichte Mary Trump, die ein Enthüllungsbuch über ihre Familie geschrieben hat, in dem sie ihren Onkel als pathologischen Lügner und Rassisten bezeichnet. „Er geht in eine Debatte speziell mit dieser Taktik, weil er weiß, dass eine substanzielle Diskussion über Politik für ihn desaströs ist.“

Offenbar hatte auch der Versuch von CBS-Moderatorin Stahl, ein paar substanzielle Fragen zu stellen, den Präsidenten in Rage gebracht. Nach amerikanischen Medienberichten wollte die erfahrene Journalistin, die 2016 das erste Interview mit Trump nach dessen Wahlsieg führte, für „60 Minutes“ unter anderem wissen, ob der Präsident angesichts des Mordkomplotts gegen Michigans Gouverneurin Gretchen Whitmer seine Rhetorik bedauere und wie er seine viel kritisierte Corona-Politik verteidige.

Außerdem wies sie ihn darauf hin, dass die von ihm seit Tagen aufgrund äußerst fragwürdiger Quellen erhobenen Anschuldigungen gegen Bidens Sohn Hunter nicht belegt sind. Das passte Trump offenkundig nicht. „Ich glaube, wir sind durch“, sagte er nach 45 Minuten und ließ eine geplante gemeinsame Fragerunde mit seinem Stellvertreter Mike Pence einfach ausfallen.

Wenig später postete Trump bei Twitter ein anklagendes Foto der Moderatorin ohne Maske, das offenbar nach dem Interview aufgenommen wurde. Zudem kündigte er an, einen Mitschnitt des Gesprächs vor der geplanten Ausstrahlung am Sonntag zu veröffentlichen. „Ihr müsst euch das anschauen“, rief er seinen Anhängern bei einer Kundgebung zu: „Ihr werdet einen solchen Kick daraus bekommen.“

Von Karl Doemens/RND