Frühwähler in Austin, Texas: Insgesamt haben – gemessen am Vergleichsjahr 2016 – bereits mehr als 31,9 Prozent der amerikanischen Wähler ihre Stimme abgegeben. Quelle: imago images/ZUMA Wire

Viele frühe Stimmen gegen Trump

Der kleine US-Bundesstaat Vermont fällt gerade zum zweiten Mal auf im Jahr 2020. Erst machte Vermont mit extrem niedrigen Infektionszahlen Schlagzeilen. Jetzt ist es eine ungewöhnlich hohe Vorabbeteiligung an der Präsidentschaftswahl, die den Rest der Nation aufhorchen lässt: 53,4 Prozent der Wähler in Vermont haben die Sache schon hinter sich.

„Ich kenne niemanden hier, der bis zum Wahltag warten will“, sagt die Lehrerin Tamara North aus ­Stowe, einem waldigen Ort eine Autostunde vor der Grenze zu Kanada.

Die 53-Jährige nahm diese Woche die Abgabe ihres eigenen Wahlzettels zum Anlass, ihre komplette Grundschulklasse zum Wahllokal mitzunehmen und die Kinder über die Bedeutung der Wahlen zu unterrichten.

Es geht um die Abwahl des Präsidenten

Eigentlich war angenommen worden, dass vor allem Corona-Ängste die vorzeitigen Abstimmungen in den USA beflügeln würden. Speziell in Vermont aber sorgt sich derzeit niemand um die Funktionsfähigkeit von Behörden in der Viruswelle; niemand liegt dort wegen Corona im Krankenhaus, seit Monaten ist dort auch niemand an dem Virus gestorben.

Die Frühwähler in Vermont treibt etwas anderes: Sie wollen dringend Donald Trump abwählen. Nach der jüngsten Umfrage in Vermont liegt Joe Biden hier mit sagenhaften 67 zu 32 Prozent vorn.

Quer durch die USA drängen derzeit vor allem die Demokraten zur frühen Abstimmung. Briefwahlen laufen schon seit Wochen, zusätzlich öffnen Early-Voting-Wahllokale, in denen man auch persönlich die Stimme abgeben kann. In Florida ist dies seit Montag möglich, in Wisconsin seit Dienstag.

Bidens Demokraten liegen bei allen bereits abgegebenen Stimmen mit weitem Abstand vorn. Dieser Trend habe sich in den letzten Tagen verfestigt, stellt der Politikwissenschaftler Michael McDonald fest.

McDonald ist einer der führenden Wahlforscher in den USA und leitet derzeit das „United States Election Project“. Bei diesem Forschungsvorhaben an der Universität von Florida laufen Daten von Wahlleitern aus allen Teilen der USA zusammen – und die Ergebnisse überraschen Laien und Fachleute gleichermaßen.

44 Millionen Amerikaner haben schon gewählt – das sind 31,9 Prozent der Wähler des Jahres 2016. Die Tendenz ist weiter wachsend. In Vermont, New Jersey und Texas ist die Wahlbeteiligung schon deutlich über 50 Prozent geklettert, Georgia und North Carolina dürften bald folgen. Schlusslicht ist Mississippi (4,9 Prozent). Der brisanteste Befund: Rund doppelt so viele Demokraten wie Republikaner haben die Möglichkeiten zur vorzeitigen Abstimmung genutzt.

„Ein enormer strategischer Vorteil für Joe Biden“

Dieser parteipolitische Trend wird sichtbar, weil 19 Bundesstaaten regelmäßig auch Daten zur Parteizugehörigkeit der Wähler registrieren: Kalifornien, Colorado, Connecticut, Florida, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maryland, Maine, North Carolina, Nebraska, New Jersey, New Mexico, Nevada, Oklahoma, Oregon, Pennsylvania und South Dakota.

Von den bisherigen Frühwählern in diesen 19 Staaten waren 10,5 Millionen als Demokraten registriert und 5,3 Millionen als Republikaner.

Zwar kann aus dem aktuellen Vorsprung der Demokraten keine Aussage mit Blick aufs Endergebnis abgeleitet werden – die Republikaner können immer noch in großer Zahl am 3. November physisch zu Wahl erscheinen. Dennoch ergibt sich aus diesem Phänomen laut McDonald mittlerweile „ein enormer strategischer Vorteil“ für Joe Biden.

„Die Biden-Kampagne muss sich um Millionen ihrer Wähler, die bereits abgestimmt haben, gar nicht mehr kümmern”, sagte McDonald dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Wer schon gewählt habe, werde jetzt von den Listen der Kampagnenmanager in den jeweiligen Bundesstaaten gestrichen – das erleichtere die effiziente Ansprache jener potenziellen Anhänger, die noch nicht gewählt haben.

Die US-Demokraten seien in diesem Präsidentschaftswahlkampf ohnehin finanziell überlegen, sagte McDonald: „Nun können sie in den letzten zwei Wochen vor der Wahl ihre höheren Geldsummen auch noch sehr viel zielgenauer einsetzen als die Republikaner.”

Gezielte Arbeit an Problemen der Demokraten in Texas

Ein Beispiel für die Arbeit der Demokraten an sehr speziellen Problemen bietet Texas. Der nach Kalifornien bevölkerungsreichste Bundesstaat wird traditionell von den Republikanern dominiert. Nachdem hier jetzt aber die Mehrheit der Wähler längst abgestimmt hat, müssen die liberalen und engagierten Anhänger der Texas Democrats, etwa in Universitätsstädten wie Austin, schon gar nicht mehr angesprochen werden.

Die Demokraten können stattdessen alle Kräfte auf die Lösung eines hartnäckigen alten Problems konzentrieren: In der Region zwischen Brownsville und Laredo an der Grenze zu Mexiko hat Bidens Partei zwar traditionell hohe Zustimmungsquoten, aber ein Mobilisierungsproblem. “Wenn die Leute dort zur Wahl gehen, gewinnt Biden”, rechnete in der Zeitung „Houston Chronicle“ der Texaner Beto O’Rourke vor, der im vorigen Jahr selbst zu den Präsidentschaftsbewerbern der Demokraten zählte und nun als Bidens Verbündeter in dem Staat unterwegs ist.

Die Demokraten hoffen auf so etwas wie „eine neue Koalition für ein neues Texas” – unter anderem mit legal zugewanderten Latinos, die in den vergangenen Jahren eingebürgert wurden, mit weißen Binnenzuwanderern aus Kalifornien, denen die dortigen Vorstädte schlicht zu teuer geworden sind, sowie mit den wachsenden weltoffenen Kreisen rund um Wissenschaftsstandorte.

Die Ansprache so unterschiedlicher Wählergruppen mit so unterschiedlicher Vorgeschichte ist mit hohem Aufwand verbunden, finanziell und personell. Doch jetzt, da die Demokraten sich nur noch um einen Teil ihrer Wähler kümmern müssen, erscheint dieses Vorhaben zumindest etwas realistischer als bisher – ganz im Sinne der Effizienzthese von Politikwissenschaftler McDonald.

Sollten die Demokraten das traditionell republikanische Texas auf Blau drehen, wäre allein dies schon eine historische Sensation. Der letzte Demokrat, dem das gelang, hieß Jimmy Carter. Der prominenteste Demokrat, dem das gelang, hieß John F. Kennedy. Beiden gelang auch der Einzug ins Weiße Haus, dem einen vor 44, dem anderen vor 60 Jahren.

Von Matthias Koch/RND