Amerikanische Forscher untersuchen, wie gezielt Wahlwerbung auf Facebook eingesetzt wird. Quelle: imago images/McPHOTO

Studie zu Einflussnahme auf US-Wahlkampf: Facebook stellt Forschern Ultimatum

Boston. Wer bekommt auf Facebook welche maßgeschneiderten politischen Botschaften vor der US-Wahl am 3. November? Mit einer Datensammlung wollen Forscher der New York University Licht auf die Praxis des gezielten Überzeugens – und vielleicht auch Manipulierens und Falschinformierens – in sozialen Medien werfen. Doch Facebook wehrt sich und fordert, das Such-Tool zu deaktivieren und die gesammelten Daten zu löschen.

Bis zum 30. November hat Facebook-Vertreterin Allison Hendrix den Wissenschaftlern ein Ultimatum gestellt. Ansonsten würden weitere Schritte unternommen, kündigte sie in einem Brief vom 16. Oktober an. Das Werkzeug, um das es geht, ist ein Plug-In-Programm für Chrome- und Firefox-Browser, das von rund 6500 Freiwilligen quer durch die USA genutzt wird, um die Forschungsdaten zu erheben.

Facebook befürchtet Verstoß gegen Richtlinien

Das Tool ermöglicht es den Forschern nachzuvollziehen, welche Anzeigen welchem der freiwilligen Teilnehmer gezeigt werden. Hintergrund: Auf Facebook können Werbekunden ihre Anzeigen gezielt nach spezifischen demografischen Kategorien zuschneiden, die über Ethnie, Alter, Geschlecht und politische Überzeugung hinausgehen. Nach Überzeugung der Forscher ist das Programm unerlässlich, um zu verstehen, wie Facebook als möglicher Kanal für Desinformation oder Manipulation genutzt werden kann.

Facebook sieht damit jedoch seine Regeln verletzt. Diese untersagen automatische Datensammlungen in großem Stil, wie Hendrix in ihrem Brief betont. Am Wochenende erklärte Facebook-Sprecher Joe Osborne weiter, dass das Unternehmen die New York University schon vor Monaten informiert habe, dass ein solches Projekt die Nutzungsbedingungen von Facebook verletzen würde. Die Forscher der New Yorker Hochschule weisen die Vorwürfe zurück: Ihr Tool sei so programmiert, dass die Daten der teilnehmenden Freiwilligen anonym blieben.

Juristin: Öffentlichkeit hat ein Recht auf Transparenz

Seit das Ultimatum und die Drohung von Facebook am Freitag mit einem Bericht des „Wall Street Journal“ publik wurden, formieren sich Akademiker, Journalisten, Meinungs- und Bürgerrechtsanwälte hinter den Forschern der Universität. Sie erwarten sich wertvolle Einsichten vom „Ad Observer“, ohne den Datenschutz zu kompromittieren. Das Programm wird seit September auch von Reportern in der Berichterstattung zur Wahl genutzt.

„Es ist alarmierend, dass Facebook versucht, im Endspurt einer der folgenschwersten Wahlen in der US-Geschichte ein entscheidendes Werkzeug zur Aufdeckung von Desinformationen zu sperren“, sagt die Juristin Ramya Krishnan vom Knight First Amendment Institute an der Columbia University, die die Forscher vertritt. „Die Öffentlichkeit hat ein Recht zu erfahren, welche politischen Anzeigen geschaltet und wie sie gezielt eingesetzt werden.“

Facebook sollte nicht über Informationen wachen dürfen, die nötig seien, die Demokratie zu sichern, betont Krishnan. Julia Angwin von der Tech-Nachrichten-Website „The Markup“ twitterte enttäuscht über das Vorgehen von Facebook: Das „Ad Observatory“-Projekt der New York University sei doch das einzige Fenster für die Forscher, Microtargeting über politische Anzeigen zu beobachten.

Nutzer sehen für sie zugeschnittene Wahlwerbung

Mit dem Tool könnten die Forscher sehen, wie manche Werbekunden Facebook-Daten nutzten, um Kundenprofile zu erstellen und ihnen dann „Falschinformationen über Kandidaten und Politik zu senden, die die Wahl beeinflussen oder sogar die Stimmabgabe verhindern sollen“, umreißt Professor Damon McCoy von der New York University in einer Erklärung die Bedeutung des Projekts.

Nach einem Aufschrei über fehlende Transparenz zu politischen Anzeigen vor der Wahl 2016 – anders als in traditionellen Medien – schuf Facebook ein Anzeigen-Archiv. Darin wird etwa vermerkt, wer für eine Anzeige zahlte und wann sie geschaltet wurde. Facebook lässt sich aber nicht in die Karten schauen, wem die Anzeigen präsentiert werden.

RND/AP