Thomas Oppermann bei einem Besuch im RND-Hauptstadtbüro im Januar 2017. Quelle: imago images/photothek

Nachruf auf Thomas Oppermann: Der Sprachakrobat

Berlin. Das Räuspern war sein Markenzeichen. Kurz, laut, trocken – und ja, auch ein kleines bisschen dominant. Auf jeden Fall so, dass man in Habachtstellung ging, weil man wusste, jetzt hat er seine Gedanken sortiert, jetzt kommt etwas. Das, was dann kam, war oft klug, meistens pointiert, und so gut wie immer war es druckreif.

Thomas Oppermann liebte die Sprache. Er hatte seine Freude an Formulierungen, vor allem, wenn sie zugespitzt waren. Mit Leidenschaft feilte er an seinen Sätzen. Das rhetorische Florett, das er führte, machte einen wichtigen Teil seiner Außenwirkung und damit seines Erfolges aus. Bis zuletzt blitzte dieses Talent auf, wenn er als Vizepräsident der Sitzungen des Deutschen Bundestages leitete.

Dabei war eine Karriere als Parlamentarier eigentlich nie sein Ziel gewesen. Oppermann sah sich selbst als Mann der Exekutive. Er wollte immer in die Regierung. Wenn man mit ihm durch seine Heimatstadt Göttingen spazierte, fielen ihm an jeder Ecke Bezüge zu seiner Zeit als niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur ein.

Wie sie einen historischen Kirchbau für die Universitätsbibliothek herrichten ließen. Wie sie die Sanierung der alten Sternwarte in die Wege leiteten. Wie sie für Studiengebühren kämpften und verloren. Als „beruflich spannendste Zeit seines Lebens“ hat Oppermann die Jahre als niedersächsischer Regierungspolitiker zwischen 1998 und 2003 rückblickend einmal bezeichnet.

Er hätte sie gern in Berlin fortgesetzt. Bundesinnenminister, das wäre sein Traum gewesen. Justizminister, damit hätte er auch leben können. Als Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion hatte er sich eine fast ideale Ausgangssituation für den Sprung ins Kabinett erarbeitet. Doch als die SPD 2013 in die große Koalition eintrat, gab es zu viele Männer aus Niedersachsen, die ins Kabinett drängten.

Außerdem bestand der damalige Parteichef Sigmar Gabriel auf einem erfahrenen Mann an der Spitze der Bundestagsfraktion. Oppermann fügte sich. Das Amt, das für viele die Krönung ihres politischen Wirkens gewesen wäre, war für ihn nur ein Trostpreis.

Edathy-Affäre war größte politische Krise

Und gleichzeitig war es eine glückliche Fügung, denn nur wenige Monate nach Amtsübernahme fand sich Oppermann in Zentrum einer politischen Affäre wieder, die das Land und auch seine eigene Karriere erschütterte. Staatsanwälte ermittelten gegen den damaligen SPD-Innenpolitiker Sebastian Edathy wegen des Verdachts auf Besitz von Kinderpornografie, und plötzlich stand der Vorwurf im Raum, Edathy könnte aus SPD-Kreisen gewarnt worden sein.

Oppermann geriet in der Affäre gleich doppelt unter Beschuss: zum einen, weil ein Telefonat zwischen ihm und dem damaligen BKA-Chef Jörg Ziercke öffentlich wurde, zum anderen, weil eine seiner Pressemitteilungen den Rücktritt des damaligen Bundeslandwirtschaftsministers Hans-Peter Friedrich (CSU) zur Folge hatte.

Oppermann hatte darin erklärt, dass die SPD-Spitze von Friedrich, der zuvor Innenminister gewesen war, über den Verdacht gegen Edathy unterrichtet worden sei. In der Union und vor allem in der CSU forderten daraufhin viele den Kopf Oppermanns. Als Minister wäre er kaum zu halten gewesen, als Fraktionschef aber überstand er den Sturm – wenn auch mit einigen Blessuren.

Er habe in der Sache stets ein reines Gewissen gehabt, sagte Oppermann bis zuletzt. Und er bewies Nervenstärke. Vertraute berichteten, dass er selbst auf dem Höhepunkt der Affäre Krisensitzungen ausfallen ließ, um mit seinen Kindern Fußball zu spielen. Er habe sich nichts vorzuwerfen, warum sollten seine Kinder nun unter der Situation leiden?

Oppermann selbst gewährte solche Einblicke ins Privatleben praktisch nie. Bekannt ist, dass er vier Kinder aus zwei Beziehungen hatte und in den Ferien gern wandern ging – mit einer Gruppe von Studienfreunden, der auch der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil angehörte.

Reizfigur der SPD-Linken

In der SPD war Oppermann, der stets für eine pragmatische und nie für eine ideologische sozialdemokratische Politik gestritten hatte, nicht unumstritten. Linke Genossen sahen in ihm einen Verräter sozialdemokratischer Werte und einen der Hauptverantwortlichen für alles, was in der SPD in den vergangenen Jahren aus ihrer Sicht schiefgelaufen ist.

In der Fraktion trugen ihm einige nach, dass er nach der Bundestagswahl 2017 einen Pakt mit Andrea Nahles eingegangen war, der ihr die Fraktionsspitze und ihm das Amt des Bundestagsvizepräsidenten sicherte. Oppermann, der sich nach außen stets humorvoll und jovial gab, konnte nach innen machtbewusst und kaltschnäuzig sein, wenn es darauf ankam.

Seine körperliche Fitness zelebrierte er, dem selbst nach seinem 60. Geburtstag immer noch etwas Spitzbübisches anhaftete, auch im Job gern – ob als Fußballer des FC Bundestag oder als Wanderführer, der die Hauptstadtpresse zum Marsch auf den Brocken einlud.

Das scheinbar mühelose Tempo, das Oppermann kurz vor dem Gipfel anschlug, während er bereitwillig noch Interviews gab, war unter Berichterstattern und Mitarbeitern gefürchtet. Zur Wiedergutmachung holte er nach der Anstrengung eine Eichsfelder Mettwurst aus seinem Rucksack, die er in daumendicke Scheiben schnitt und auf Graubrot servierte.

Dass ein so kraftstrotzender und scheinbar gesunder Mann mit nur 66 Jahren aus dem Leben gerissen wurde, hat im politischen Berlin für Bestürzung und Trauer gesorgt. „Unser Land verliert mit ihm einen charakterstarken Kämpfer für Demokratie, für den Rechtsstaat, für Fortschritt und Gerechtigkeit“, teilte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit.

Oppermann war am Sonntagabend kurz vor einer Liveschalte für die ZDF-Sendung „Berlin direkt“ zusammengebrochen und später im Krankenhaus in Göttingen gestorben. Das letzte Interview war ihm nicht mehr vergönnt. Seine spitze Zunge ist für immer verstummt. Sie wird fehlen.

Von Andreas Niesmann/RND