Die Beziehungen zwischen dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan (l.) und Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron sind seit Jahren belastet. Quelle: Michael Sohn/AP/dpa

Es brodelt zwischen Macron und Erdogan

Paris. Von den Staatspräsidenten Frankreichs und der Türkei ist bekannt, dass sie gerne verbal provozieren, und auch, dass sie schon länger miteinander über Kreuz liegen. Trotzdem erschüttert das Niveau, das die Scharmützel zwischen Recep Tayyip Erdoğan und Emmanuel Macron zuletzt erreicht haben, sodass Bundesaußenminister Heiko Maas von einem „neuen Tiefpunkt“ sprach. „Was ist das Problem dieser Person namens Macron mit den Muslimen und dem Islam?“, echauffierte sich Erdogan am Wochenende. „Macron sollte seinen geistigen Zustand überprüfen lassen.“

Der französische Präsidentschaftspalast nannte die Worte „inakzeptabel“. Frankreich zog seinen Botschafter aus der Türkei ab – ein außergewöhnlicher Vorgang. Am gestrigen Montag legte Erdogan nach und rief seine Landsleute dazu auf, keine französischen Produkte zu kaufen. Muslime seien in Europa einer „Lynchkampagne“ ausgesetzt.

Erdogan präsentiert sich als Verteidiger der Muslime

Auslöser war eine Rede Macrons bei der Trauerfeier für den französischen Lehrer Samuel Paty, der Mitte Oktober von einem Islamisten ermordet wurde, nachdem er Mohammed-Karikaturen im Unterricht gezeigt hatte. „Wir werden die Freiheit verteidigen, wir werden nicht auf Karikaturen verzichten“, so der Präsident, der den „islamischen Separatismen“ den Kampf ankündigte. Dazu gehört auch der Beschluss, dass Imame künftig im Land selbst ausgebildet statt aus dem Ausland geschickt werden sollen. Nachdem von den derzeit rund 300 ausländischen Wanderpredigern rund die Hälfte aus der Türkei stammt, droht diese an Einfluss zu verlieren.

Während Macron den Laizismus, die strikte Trennung von Kirche und Staat hochhält, betreibt Erdogan die Abkehr von diesem Prinzip, obwohl es unter Staatsgründer Atatürk als eine der Säulen der modernen Türkei galt. Mehr noch, er präsentiert sich als weltweiter Verteidiger der unterdrückten Muslime. Anders als von anderen arabisch geprägten Länder wie Saudi-Arabien, wo es ebenfalls Proteste gegen die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen und Boykottaufrufe für französische Produkte gab, war laut Élysée-Palast eine „offizielle Verurteilung oder Solidarität der türkischen Behörden nach dem terroristischen Attentat“ ausgeblieben.

Zahlreiche Konflikte zwischen beiden Ländern

Zahlreiche Konfliktherde brodeln derzeit zwischen beiden Ländern. Dazu gehören der Syrienkrieg mit dem militärischen Vorgehen der Türkei gegen die kurdischen Kämpfer, ihre Rolle beim Krieg in Bergkarabach sowie der Gasstreit im östlichen Mittelmeer. Im Sommer verstärkte Frankreich seine dortige Militärpräsenz und stellte sich demonstrativ an die Seite Griechenlands – dem es bei dieser Gelegenheit 18 großteils gebrauchte französische Rafale-Kampfflugzeuge verkaufte.

Tatsächlich sind die franko-türkischen Beziehungen seit Jahren angespannt. Als Provokation empfand die Türkei 2001 die Anerkennung des Genozids an den Armeniern durch Frankreich, wo die europaweit größte armenische Diaspora lebt. Nach seiner Wahl 2007 erteilte Ex-Präsident Nicolas Sarkozy einem möglichen EU-Beitritt der Türkei, der damals noch diskutiert wurde, eine klare Absage. Das Misstrauen wuchs weiter unter Macron, der sich durchaus an der verbalen Eskalation beteiligte, etwa indem er Ankara eine „historische und kriminelle Verantwortung“ im Libyen-Konflikt bescheinigte.

Im Sommer kam es zu einem gefährlichen Zwischenfall, als türkische Kriegsschiffe, die trotz des Embargos offenbar einen Waffentransport nach Libyen begleiteten, eine französische Fregatte ins Visier nahmen. Auch Macrons Aussage von November 2019, die Nato sei „hirntot“, soll in Teilen eine Kritik an der fehlenden Bündnistreue des Nato-Partners Türkei gewesen sein. Erdogans Erwiderung in bekannter Manier: „Lass deinen eigenen Hirntod überprüfen.“

 

 

Von Birgit Holzer/RND