Joe Biden, demokratischer Präsidentschaftskandidat und ehemaliger Vizepräsident, nimmt vor einem Wählerservicezentrum in Chester (USA) eine Frage von einem Medienvertreter entgegen. Quelle: Andrew Harnik/AP/dpa

Deutschland will Biden – und muss doch mit schwierigen Beziehungen leben

Berlin. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung wünscht sich Joe Biden als neuen amerikanischen Präsidenten. Sicher, dass der Kandidat der US-Demokraten die anstehende Wahl tatsächlich gewinnen wird, sind sich die Deutschen jedoch nicht. Das geht aus einer Studie zum deutschen Meinungsbild über die USA hervor, die der frühere Außenminister und heutige Vorsitzende der Atlantik-Brücke, Sigmar Gabriel, an diesem Dienstag in Berlin vorgestellt hat.

„Ton und Umgang im deutsch-amerikanischen Verhältnis sind besonders rau geworden“, sagte Gabriel, der seit Sommer vergangenen Jahres Vorsitzender des Vereins zur Förderung der deutsch-amerikanischen Beziehungen ist, mit Blick auf die erste Amtszeit von Donald Trump, der sich in einer Woche zur Wiederwahl stellt. Mit der Umfrage beauftragt hatte der Interessenverband das Meinungs­forschungs­unternehmen Civey.

Deutsche sind unsicher, wer die US-Wahl gewinnen wird

„Zwei Drittel denken, das sich die Wahl von Joe Biden positiv auf die transatlantischen Beziehungen auswirken würde“, sagte der ehemalige SPD-Chef. Ob der Demokrat die Wahl am 3. November jedoch gewinnen kann, da sind sich die Bundesbürger der Studie zufolge unsicher: 41,3 Prozent sehen ihn vorn, 38,4 Prozent hingegen den republikanischen Amtsinhaber Donald Trump, so die Ergebnisse der im Oktober durchgeführten Online­umfrage unter 5000 Nutzern.

Bei einer Wiederwahl Trumps befürchten drei Viertel mindestens eine Verschlechterung der zwischenstaatlichen Beziehungen. Dabei reichen die Wurzeln der bilateralen Beziehungen tief. „Auf die Frage, wer der wichtigste Partner Deutschlands außerhalb von Europa ist, nannten mehr als 40 Prozent die USA“, so Gabriel.

China und Russland folgten mit deutlichem Abstand erst auf den Plätzen zwei und drei. Markant ist allerdings der Unterschied zwischen West und Ost: Während laut Studie 42,6 Prozent der Westdeutschen Amerika als wichtigsten Partner sehen, sind es im Osten knapp zehn Prozent weniger.

Umfrage­teilnehmer wünschen sich mehr Zusammenarbeit

„Mehr Zusammenarbeit wünschen sich die Deutschen vor allem in der Außen- und Sicherheits-, aber auch in der Klima- und Energiepolitik. Beim Thema Digitalisierung sind es hingegen nur gut 11 Prozent“, sagte der Ex-Außenminister. Letzteres könne mit Sorgen um den Datenschutz zusammenhängen, so seine Erklärung.

Auch zu zwei wichtigen Streitthemen der transatlantischen Beziehungen wurden die Teilnehmer befragt – und teilten einmal die Sicht der Bundesregierung, einmal überwiegend die amerikanische: Während die meisten Deutschen die Fortführung der deutsch-russischen Gaspipeline Nord Stream 2 befürworteten, sprach sich nur ein gutes Viertel für eine Beteiligung des chinesischen Mobilfunkanbieters Huawei am Aufbau des deutschen 5G-Netzes aus.

Für Gabriel machen die Ergebnisse der Studie Hoffnung, dass der harsche Umgangston der vergangenen Jahre die transatlantischen Beziehungen nicht grundlegend beschädigt habe. Denn weder mit Moskau, noch mit Peking sei eine ähnlich enge Kooperation denkbar.

Dennoch müssten sich Deutschland und Europa ihrer schwindenden Bedeutung für die USA bewusst sein. „Auch ein anderer Präsident kann die Zeit nicht zurückdrehen.“ Es sei daher an Europa, ökonomisch und technologisch an Gewicht zuzulegen, „um nicht Spielball der internationalen Politik zu werden“.

Von Marc R. Hofmann/RND