Stolz präsentiert der Präsident die neue Supreme-Court-Richterin: Donald Trump und Amy Coney Barrett am Dienstag in Washington. Quelle: imago images/MediaPunch

Ein Last-minute-Triumph, der Trump nicht hilft

Schnell ein Foto! Stolz ließ sich Wahlkämpfer Donald Trump mit der frisch vereidigten Supreme-Court-Richterin Amy Coney Barrett ablichten wie mit einer Trophäe.

Seht her, will er seinen Anhängern sagen, ich liefere euch eine konservative Katholikin als neue oberste Richterin, und das eine Woche vor der Präsidentschaftswahl. Was wollt ihr eigentlich mehr?

Doch auch der politische Laie spürt, dass es ein seltsamer Sieg ist, der hier zelebriert wird: ein Last-minute-Triumph.

Eine Eile wie bei den Panzerknackern

Die unwürdige Eile, mit der Barrett durchgedrückt wurde, hat in Wahrheit nicht nur dem Ansehen des Obersten Gerichtshofs geschadet. Sie hat auch, das hat Trump verkannt, den Republikanern selbst nicht gutgetan.

Seine Leute wirkten zuletzt wie Panzerknacker, die sich im Tresor noch Geldpäckchen in die Taschen stopfen, während von draußen schon das Heulen sich nähernder Polizeisirenen zu hören ist: Nach jüngsten Umfragen verlieren die Republikaner am kommenden Dienstag nicht nur das Weiße Haus, sondern auch die Mehrheit im Senat.

Die einzige Gewinnerin bei der Berufung Barretts ist am Ende Barrett selbst. Die richterliche Macht, die sie noch auf Jahrzehnte am Supreme Court wird ausüben können, ist groß. Minimal ist dagegen der aktuelle Effekt ihrer Berufung auf den Wahltag am 3. November – und damit auch der politische Nutzen für jene, die geholfen haben, sie mit maximalem Tempo und minimaler Rücksicht auf gute verfassungspolitische Grundsätze zu installieren.

Angebote an die Katholiken in Pennsylvania

Trumps Blick zielt, als er sich mit Barrett so beeilte, auf die zahlreichen Katholiken im Süden des wichtigen Swing States Pennsylvania. Ohne sie wird es schwer, diesen Staat, der ihm 2016 entscheidend geholfen hat, erneut zu gewinnen.

Der gleichen Gruppe macht jedoch Joe Biden gerade ein attraktives Angebot ganz eigener Art. Wenn sie ihn wählen, den Sohn irischer Einwanderer, der in Scranton, Pennsylvania, als Kind eines Autohändlers gelebt hat, könnten sie erstmals seit John F. Kennedy einen Katholiken sogar ins Weiße Haus entsenden.

Was eigentlich spricht aus ihrer Sicht dagegen, jetzt Biden zu wählen – nachdem Trump ihnen soeben schon geliefert hat, was er liefern konnte?

Generell ist der Kampf um die Herzen und Hirne konservativer Amerikaner komplizierter, als Trump denkt. Mit der Berufung einer katholischen Richterin an den Supreme Court ist es da nicht getan. Und im Gegensatz zu landläufigen Ansichten ist auch das Ja oder Nein zur Abtreibung keineswegs so zentral, wie es oft dargestellt wird.

Trumps Vorsprung bei weißen Katholiken bröckelt

Die Katholiken in den USA zerfallen in sehr diverse Gruppen. Einigen ist schon Papst Franziskus zu liberal. Viele andere aber definieren ihr katholisches Christsein vor allem durch soziale Aktionen. Für sie ist Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen ebenso selbstverständlich wie eine soziale Ausrichtung des Gesundheitswesens – aus diesen Punkten erklärt sich, warum Trumps Rückhalt bei den Katholiken schrumpft, quer durch die USA.

Bei schwarzen und bei hispanischen Katholiken hatte Trump nie eine Mehrheit. Er lag nur bei den weißen Katholiken vorn – wobei aber in diesem Jahr allein zwischen Juli und Oktober Trumps Vorsprung laut Pew Research von 19 auf 8 Punkte schrumpfte. Es war die Zeit, in der in der Viruskrise immer mehr Zweifel aufkamen, ob Trump vertrauenswürdig ist.

Wenn ein Präsident den Eindruck erweckt, als gehe es ihm generell nur um sich selbst, helfen ihm aus der Sicht der allermeisten Katholiken, egal welcher Herkunft, auch keine konservativen Gesten mehr. Dann nützt ihm nicht mal mehr die Berufung einer katholischen Richterin.

Von Matthias Koch/RND