USA, Warm Springs: Joe Biden, demokratischer Präsidentschaftskandidat und ehemaliger US-Vizepräsident, spricht bei einer Wahlkampfveranstaltung im Hotel Mountain Top Inn & Resort. Quelle: Andrew Harnik/AP/dpa

Warum die historisch hohe Wahlbeteiligung Bidens Chancen erhöht

Washington. Biden oder Trump? Es ist eine US-Wahl, die schon jetzt historisch ist. Das lässt sich mit Zahlen belegen: Noch nie haben so viele US-Amerikaner von ihrem Recht der frühen Stimmabgabe Gebrauch gemacht. Eine Woche vor der US-Präsidentenwahl haben bereits mehr als 70 Millionen Amerikaner gewählt. Zum Vergleich: Das entspricht bereits jetzt mehr als der Hälfte aller Stimmen, die vor vier Jahren abgegeben wurden. Das geht aus Daten des „U.S. Elections Project“ des Politikwissenschaftlers Michael McDonald von der Universität Florida hervor.

Die hohe Wahlbeteiligung überrascht Wahlbeobachter und Experten. Setzt sich dieser Trend fort, würde zum ersten Mal in der US-amerikanischen Geschichte bereits vor dem Wahltag am 3. November die Mehrheit der registrierten Wähler ihre Stimme abgegeben haben. Glen Bolger, Meinungsforscher der Republikaner, erklärte gegenüber der „Washington Post“, dass die Wahlbeteiligung wohl so hoch sein dürfte wie zuletzt bei der Präsidentschaftswahl im Jahr 1908.

Besonders die Demokraten wussten ihre Parteimitglieder zu mobilisieren. Unter den Frühwählern schlagen sie die Republikaner beinahe im Verhältnis zwei zu eins. Im oft wahlentscheidenden Swing State Florida liegen sie bereits mit 300.000 Stimmen vorn. Doch diese scheinbar klare Führung kann in die Irre führen. Die Registrierung bei einer Partei sagt nicht unbedingt etwas über das Stimmverhalten aus. Darüber hinaus liefern nicht alle Staaten Daten zur Parteizugehörigkeit der bereits abgegeben Stimmen. Die Kampagnen beider Kandidaten sind sich zudem sicher, dass am Wahltag vor allem die Republikaner die Wahllokale fluten werden.

Die Frage ist nur: Wie viele mehr werden es sein?

Die Taktik von Trump, Briefwahlen zu delegitimieren, scheint Wirkung gezeigt zu haben. Es sind hauptsächlich Demokraten, die per Brief abstimmen. Doch der Fahrplan der Republikaner birgt Risiken. Während die Demokraten bis zum 3. November wohl einen großen Teil ihrer Stimmen bereits eingesackt haben werden, ist die „Grand Old Party“ am Wahltag weiter auf den Enthusiasmus ihrer Wählerschaft angewiesen.

Die erneut rasch steigenden Corona-Zahlen wie in Wisconsin, schlechtes Wetter oder lange Schlangen vor den Wahllokalen könnten jedoch viele Wähler fernhalten. Es sind Stimmen, die am Ende den Unterschied machen könnten.

Trump schafft, was Clinton nicht gelungen ist

Denn Trump schafft mit seinem auf Krawall ausgelegten Wahlkampf gerade etwas, was der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton vor vier Jahren jäh misslang: Junge Wähler, weiße Frauen aus den Vorstädten und Schwarze für die Demokraten zu mobilisieren. Bei einem Wahlkampfauftritt in Pennsylvania bettelte Trump um die Gunst der Vorstadtfrauen: „Würdet ihr mich bitte mögen? Ich habe eure verdammte Nachbarschaft gerettet, okay?“

Doch der US-Präsident treibt diese Wählergruppen mit relativierenden Aussagen über die Gefährlichkeit der Corona-Pandemie Biden in die Arme. Der musste bisher eigentlich nur die Füße still halten und immer wieder betonen: Ich bin nicht Trump.

Der US-Präsident hat eine Bewegung in Gang gesetzt, die er und sein Wahlkampfteam womöglich nicht antizipiert haben. Denn nicht nur in sogenannten Swing States, wo das Rennen traditionell knapp ist, gibt es einen wahren Hype um die Wahl. Überall in den USA bewegt sich etwas. In einigen Staaten werden bereits vor dem Wahltag mehr Menschen gewählt haben als vor vier Jahren. Und die Muster sind überall gleich: Wähler, die keiner Partei zugeordnet werden können, wählen eher für Biden. Ihm wird ein besseres Management der Pandemie zugetraut.

Vor allem schwarze US-Bürger sehen diese Wahl Umfragen zufolge als besonders wichtig an. Trump stehe stellvertretend für ein rassistisches System – und das soll abgewählt werden.

Das hat den Effekt, dass einige traditionell rot eingefärbte Staaten plötzlich hart umkämpft sind:

Arizona, Iowa, Georgia und auch Texas scheinen für Biden nun in Griffweite. Den „Lone Star State“ Texas konnte sich seit vier Jahrzehnten kein demokratischer Kandidat mehr sichern. Beinahe acht Millionen Texaner haben bereits abgestimmt. Das entspricht knapp 90 Prozent der gesamten Stimmen von vor vier Jahren. Und das, obwohl es in Texas teilweise alles andere als einfach ist, zu wählen. Gouverneur Greg Abbott (R) hat die offiziellen Boxen zur Abgabe der Briefwahlstimme auf eine pro County limitiert. Das trifft vor allem Städter, die auch in Texas mehrheitlich demokratisch wählen. So sind lange Schlangen und Wartezeiten vorprogrammiert.

Die Demokraten werfen ihm Wählerunterdrückung vor. Abbott begründete die Maßnahme Anfang Oktober damit, dass er so Transparenz gewährleisten wolle und Wahlbetrug der Riegel vorgeschoben werden soll. Es ist dieselbe Argumentationskette, die in den vergangenen Monaten aus dem Oval Office des Weißen Hauses zu hören war. Fakten für die Annahme, dass die Stimmabgabe per Brief leicht zu manipulieren wäre, konnten die Republikaner jedoch nie vorweisen.

Allen Widerstände zum Trotz scheinen sich die US-Bürger dennoch nicht ablenken zu lassen. Die USA steuern auf eine historisch hohe Wahlbeteiligung zu. Die wiederentdeckte Begeisterung für demokratische Prozesse, die momentan zu beobachten ist, könnte die Landkarte somit deutlich anders einfärben als vor vier Jahren. Nicht nur in Texas.

Von Alexander Krenn/RND

USA, Warm Springs: Joe Biden, demokratischer Präsidentschaftskandidat und ehemaliger US-Vizepräsident, spricht bei einer Wahlkampfveranstaltung im Hotel Mountain Top Inn & Resort.