Ist bundesweit, wie hier in Pfarrkirchen. ein neuer Lockdown nötig? Quelle: Armin Weigel/dpa

Ein neuer Lockdown? Beschränkungen allein werden nicht helfen

Berlin. Um den Ernst der Lage begreifbar zu machen, reichen wenige Zahlen: Innerhalb von nur 30 Tagen hat sich die Zahl der Corona-Erkrankten, die auf einer Intensivstation behandelt werden müssen, vervierfacht, und zwar auf rund 1400. Die Zahl der Patienten, die künstlich beatmet werden müssen, ist ebenfalls um den Faktor vier gestiegen, auf über 600.

„Flatten the curve“ – also das Abflachen der Kurve, um eine Überlastung der Kliniken zu vermeiden –, das war im Frühjahr das Hauptargument für einen Lockdown. Nun scheint das wieder das Gebot der Stunde. Doch wir wissen heute mehr über das Virus als noch im Frühjahr. Folgt man den Erkenntnissen der Wissenschaft, sind Schulen, Kitas, Geschäfte, der öffentliche Nahverkehr, Hotels sowie Theater oder Kinos in der Masse keine gefährlichen Infektionsherde – zumindest, solange die Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden.

Hotspots sind offenbar oft jene Orte, wo diese Schutzregeln nicht befolgt werden – oder nicht befolgt werden können. Etwa in Pflegeheimen, in denen eine Betreuung ohne direkten Kontakt gar nicht möglich ist. Oder aber bei privaten Begegnungen im Freundeskreis, in Restaurants, auf Partys oder Hochzeiten. Man gibt sich die Hand, umarmt sich, redet laut miteinander, um die Musik zu übertönen, tanzt. Ohne Abstand, ohne Maske.

Diese Infektionsherde müssen zuvorderst effektiv eingedämmt werden: frühe Sperrstunden in Gaststätten, den Alkoholverkauf beschränken, private Kontaktmöglichkeiten begrenzen. Dabei sollte bundesweit einheitlich und mit Augenmaß vorgegangen werden. Dazu gehört, die Auswirkungen der Einschränkungen schnell und wissenschaftlich korrekt zu untersuchen und nachzusteuern. Vielleicht kann so ein erneuter Lockdown noch verhindert werden.

Alte müssen besser geschützt werden

Gleichzeitig zeigt die Entwicklung der vergangenen Monate aber, dass es nicht gelingen wird, die Pandemie allein mit Schutzregeln und der Kontaktnachverfolgung in den Griff zu bekommen. Wir werden noch viele Monate mit dem Virus leben müssen und dabei erleben, dass die Vorsichtsmaßnahmen aus unterschiedlichen Gründen versagen.

Deshalb ist es dringend nötig, zweigleisig zu fahren. Dem besonderen Schutz von älteren Menschen und chronisch Kranken muss deutlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. Dabei geht es nicht darum, diese Menschen zu isolieren.

Es liegen vielmehr bereits ernst zu nehmende Vorschläge auf dem Tisch, etwa mehr Unterstützung für Pflegeheime durch spezielle Notfall- und Testteams, reservierte Öffnungszeiten für Risikogruppen, die kostenlose Abgabe von FFP2-Masken oder großzügige Regelungen bei Taxifahrten zum Arzt. Sicher, das kostet alles viel Geld. Aber diese Ausgaben sind gut angelegt, denn sie verhindern nicht nur teure Behandlungen, sondern sie schützen Leben.

Von Tim Szent-Ivanyi/RND