USA, Wilmington: Joe Biden, demokratischer Präsidentschaftskandidat und ehemaliger US-Vizepräsident, nimmt im Queen-Theater an einer Onlineveranstaltung des öffentliches Gesundheitswesens teil. Quelle: Andrew Harnik/AP/dpa

Joe Biden: mit Gottes Wort in Georgias Weiten

Warm Springs. Auf den ersten Blick könnte man fast glauben, sie gehörten zu den Trump-Fans, die mit lauter Musik, Fahnen und Plakaten gekommen sind, um gegen den Besuch des Kandidaten zu protestieren. Hier im hügeligen Südwesten von Georgia ist Trump-Land, und Joe Biden hat sich auf eine riskante Mission begeben.

Doch Theresa und Steve Kacer freuen sich auf den Besuch des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers. Dass sie am Straßenrand stark in der Minderheit sind, stört sie nicht. „Die Welt ist unter Trump verrückt geworden“, sagt die Frau: „Es wird Zeit, dass alles wieder normal wird.“

Als Biden kurz darauf tatsächlich vorbeifährt, kann Theresa Kacer hinter der getönten Scheibe der schweren Limousine nicht mehr erkennen als eine Silhouette mit weißer Maske. Trotzdem wirkt sie zufrieden.

„Er ist ehrlich. Er ist kein Rüpel, und er hat immer ein Lächeln auf dem Gesicht.“ Vor vier Jahren noch konnte sich die Rentnerin nicht durchringen, für Hillary Clinton zu stimmen. Dieses Mal hat der demokratische Kandidat die Stimmen von ihr und ihrem Mann sicher. „Wir brauchen jemand, der für ganz Amerika steht und nicht nur für eine Partei“, sagt Steve Kacer.

Genau das ist die Botschaft, mit der Biden nach Georgia gekommen ist, dem schnell wachsenden Pfirsich- und Peanuts-Staat, der seit 1992 stets stramm republikanisch gewählt hat. Dass der frühere Obama-Vize so kurz vor der Wahl einen ganzen kostbaren Tag in einem Staat verbringt, der beim letzten Mal mit fünf Punkten Vorsprung an Donald Trump fiel, birgt nach Einschätzung von Parteistrategen durchaus Risiken.

Es zeugt aber von einer beachtlichen Zuversicht des Kandidaten, der in Umfragen hier im Süden gerade gleichauf mit dem Amtsinhaber liegt. Und Biden ist gekommen, um eine ernste Botschaft auszusenden, die dem ganzen Land gilt: „Wir müssen uns von den Mächten der Dunkelheit, den Mächten der Spaltung und den Mächten von gestern befreien“, fordert er in Warm Springs.

Der Ort ist mit Bedacht gewählt. Er steckt voller Symbolik, und Biden bemüht in seiner staatsmännischen Rede reichlich Metaphern und historische Vergleiche. Der frühere Präsident Franklin D. Roosevelt kam oft in sein „Kleines Weißes Haus“ in Warm Springs, weil die naheliegenden heißen Quellen dem an Polio leidenden Präsidenten Linderung verschafften.

Zugleich führte er das Land geeint durch die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg. „Dieser Ort verkörpert Widerstandsfähigkeit, Wiederherstellen und Heilen“, sagt Biden bei seinem Vortrag auf dem streng abgeschirmten Rasen eines nahegelegenen Hotels, zu dem wegen der Covid-Ansteckungsgefahr nur drei Dutzend Zuhörer zugelassen sind.

Mit Gott und der Bibel

Nicht nur den Kriegspräsidenten, sondern den Allerhöchsten persönlich sieht der Herausforderer als Verbündeten: „Gott und die Geschichte rufen uns in diesem Moment zu dieser Mission auf“, ruft er aus und zitiert die Bibelstelle, dass es „eine Zeit zum Abreißen und eine zum Aufbauen und Heilen“ gibt: „Jetzt ist diese Zeit.“

Ohne Trump beim Namen zu nennen, liefert der Demokrat eine beißende Abrechnung mit dem Amtsinhaber: „Von Zeit zu Zeit in unserer Geschichte haben wir Scharlatane gesehen, Rattenfänger, verlogene Populisten, die mit Ängsten spielen, an die schlimmsten Impulse appellieren und alles zu ihrem eigenen Vorteil nutzen“, setzt der gläubige Katholik an und beruft sich auf Papst Franziskus, der vor einem populistischen Egoismus warnte: „Der Papst hat Fragen gestellt, die jeder, der diese große Nation führen will, beantworten muss. Meine Antwort ist: Ich bewerbe mich, um diese Nation zu vereinen.“

Das ist ein starkes Plädoyer, das es schnell in die nationalen Medien schafft. Doch zunächst muss der 77-Jährige nicht nur die Umfragen, sondern auch die Wahl am nächsten Dienstag gewinnen. Neben der Botschaft der Versöhnung setzt er in Georgia auf die Demografie: Der Bundesstaat wächst schnell und wird zunehmend diverser. Rund ein Drittel der Bevölkerung ist schwarz, mehr als acht Prozent sind Latinos. Biden setzt auf ein breites Bündnis von überzeugten Demokraten, Frauen in den Vorstädten und nichtweißen People of Color.

Die Afroamerikaner Jennifer und Dwight Nowell sind aus dem 40 Meilen entfernten Columbus nach Warm Springs gekommen, um dem Kandidaten zuzuwinken. Dwight hat bei der Armee gedient und ein Paar kaputte Knie zurückbehalten: „Ich bin kein Trottel und Verlierer“, empört er sich über eine despektierliche Äußerung von Trump. Für den Präsidenten hat er („Soll ich offen sein?“) nur ein ziemlich unfreundliches Schimpfwort übrig. „Trump hat keinen Respekt und keinen Anstand“, sagt seine Frau: „Das ist mein Hauptargument für Biden.“

Ihre Stimmen haben die Eheleute schon vor fünf Wochen per Post abgegeben. Ob sie tatsächlich glauben, dass ihr konservativer Bundesstaat bei der Wahl kippen könnte? „Das ist sehr realistisch“, antwortet Jennifer Nowell.

Von Karl Doemens/RND