Er steuert eins der beiden ersten Flugzeuge zum BER: Lufthansa-Pilot Peter Etzrodt. Quelle: RND

Erstflug zum BER: Der Pilot, der nicht fliegen durfte

Schönefeld. In Bayern nennen sie Peter Etzrodt den „Berliner”, dabei stammt er aus Brandenburg (Havel) und wohnt in Werder. Aber die feinen Unterschiede im Dialekt nehmen sie in der Ferne eben nicht so sehr wahr.

Der 55-jährige Lufthansa-Pilot ist am Münchner Flughafen stationiert, fliegt von dort aus nach ganz Europa und am Samstag eine ganz besondere Linie: Etzrodt, der „Berliner” aus Brandenburg, steuert eine der beiden ersten Maschinen zum neuen Flughafen BER. „Dass ich aus der Gegend komme, ist sicherlich auch ein Grund, dass ich den Erstflug zum BER fliegen darf”, sagt er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Am Samstag kurz vor 13 Uhr wird Etzrodt mit einem brandneuen Airbus A 320neo mit dem Namen Neubrandenburg in München abheben, an Bord sind geladene Gäste und Lufthansa-Chef Carsten Spohr. Südöstlich von Berlin, auf Höhe Fürstenwalde (Spree), soll er in der Luft einem anderen Airbus A 320neo begegnen, in den Farben der Fluggesellschaft Easyjet. Dessen Flugstrecke ist noch deutlich kürzer, er kommt vom Flughafen Tegel, an Bord ist unter anderem Easyjet-CEO Johan Lundgren.

Geplant ist, dass beide Maschinen gleichzeitig auf dem BER aufsetzen, der Lufthansa-Jet auf der Nordbahn, der Easyjet-Airbus auf der Südbahn. Die Flughafenfeuerwehr wird einen Fontänenbogen spritzen. Mit der Ankunft dieser beiden ersten Flüge mit Passagieren gilt der BER als offiziell eröffnet. Die Flugnummern – EJU3110 und LH2020 – ergeben zusammen das Eröffnungsdatum.

Etzrodts Zuneigung zu seinem neuen Landeplatz muss noch wachsen. „Natürlich trauere ich Tegel nach“, sagt er. „Aber ich bin optimistisch: Wir werden den BER lieben lernen. Die Leute werden es schätzen, dass Berlin einen Flughafen hat, der funktioniert.“

Eine Woche später, am 7. November, wird Etzrodt zum allerletzten Mal von Tegel abheben, mit dem Ziel München.

„Werder ist mein Lebensmittelpunkt, in München bin ich eingesetzt“, erklärt er. „Zu normalen Zeiten habe ich am Anfang einer Arbeitswoche einen Flug nach München, bin dann von dort aus vier, fünf Tage in Europa unterwegs und komme dann nach Werder zurück.“ Dann hat er mal zwei oder drei, auch mal vier Tage am Stück frei, bevor es wieder losgeht.

Aber normal ist seine Arbeitswelt seit März nicht mehr. Das Streckennetz ist extrem ausgedünnt, ein gutes Dutzend Lufthansa-Airbusse steht beschäftigungslos auf dem Gelände des BER, die Triebwerke mit roten Schutzfolien verschlossen. Etzrodt fliegt weiter, meistens von München zum Zielort und zurück. Die restliche Zeit trainiert er Piloten im Simulator, damit sie fit bleiben. Niemand soll aus der Übung kommen.

München ist zwar sein Arbeitsort, aber Gefühle hegt Etzrodt eher für den bald geschlossenen West-Berliner Flughafen Tegel.

„An Tegel werde ich die kurzen Wege vermissen, die Nähe zu den Leuten“ schwärmt er. „Tegel ist ein Stück Heimat geworden, ein Stück Familie. Tegel hat seine ganz eigene Atmosphäre. Wir waren ein eingespieltes Team.“

Pilot wollte Etzrodt schon mit vier Jahren werden – „jedenfalls erzählen das meine Eltern“, sagt er. Mit 14 ging er dann erstmals in die Luft, mit einem Segelflugzeug in Stölln im Havelland, auf historischem Terrain. Hier versuchte sich schon Flugpionier Otto Lilienthal. „Das war mein Ein und Alles, jede freie Minute habe ich auf dem Platz verbracht“, erinnert sich Etzrodt. Nach drei Jahren war dann jäh Schluss. „Ich durfte nicht mehr fliegen, weil meine damalige Freundin eine Oma im Westen hatte.”

Das war 1981. Acht lange Jahre blieb Etzrodt am Boden – erst 1989, kurz nach dem Rücktritt von Erich Honecker, stieg er wieder ins Cockpit. „Und weil ich ein Sonntagskind bin, hat danach auch die Ausbildung bei der Lufthansa geklappt.“

Den Easyjet-Airbus steuert der Berliner Pilot Thomas Wilpert, der schon als kleiner Junge von Rudow aus die startenden und landenden Maschinen auf dem damaligen DDR-Flughafen Schönefeld bestaunte. Ein Brandenburger und ein Berliner fliegen also als Erste den „Berlin-Brandenburg Airport“ an. Nach einer jahrzehntelangen Pannengeschichte klingt das einmal nach einem Plan, der aufgehen könnte.

Von Jan Sternberg/RND