Das Musikerviertel in Blankenfelde-Mahlow gleich neben der Nordbahn des neuen Berliner Flughafens BER. Dieser Ort wird laut Experten bald die lauteste Stadt Deutschlands sein. Quelle: Ulrich Wangemann

„Niemand kann überrascht sein“ – BER macht Blankenfelde zur wohl lautesten Stadt Deutschlands

Blankenfelde-Mahlow. 11 Uhr vormittags, Hundestunde im Musikerviertel von Blankenfelde-Mahlow: Physiotherapeut Christian Zobel geht mit seinem Mischling spazieren am Regenwassersammelgraben, wo alle Hundehalter des Wohngebiets ihre Runde drehen. Ein letzter sonniger Oktobertag. Ein Düsenjet erscheint am Himmel über den nahen Feldern. Die Turbinen des Flugzeugs grollen im Steigflug. In 200 bis 300 Metern Höhe fliegen Maschinen über die Siedlung.

Alle anderthalb Minuten ein Jet

Am Samstag eröffnet der Großflughafen, dessen Nordbahn keine sieben Kilometer östlich des Hauses von Christian Zobel beginnt. Alle anderthalb Minuten wird das hier so gehen, wenn der BER erst im Vollbetrieb läuft. „Wie es dann wird? Richtig vorstellen kann ich es mir noch nicht – fragen Sie mich in einer Woche noch mal!“, sagt Zobel. Für einen Moment ist der junge Mann kaum zu verstehen. Der Lärm schwillt bis auf Rasenmäherniveau an. Dann wird es wieder still. Nur der Hund kläfft den Reporter an.

Tag, Herr Pilot!

Die Siedlung, ja die ganze Gemeinde, ist Teil eines erstaunlichen Phänomens. Blankenfelde-Mahlow ist einer dieser Orte, wo Flugpassagiere beim Landeanflug den Leuten auf den Kaffeetisch schauen können. Sehenden Auges kaufen die Menschen Häuschen mitten unter den Einflugschneisen und Startkorridoren. Blankenfelde-Mahlow wird nach Einschätzung von Experten in absehbarer Zeit Raunheim bei Frankfurt (Main) als Stadt mit dem meisten Fluglärm in Deutschland ablösen. Bis zu 360.000 Flugbewegungen, also Starts und Landungen, erlaubt der Planfeststellungsbeschluss pro Jahr. Dennoch erlebt der 28.000-Einwohner-Ort einen Boom bei den Wohnimmobilien.

Die höchste Anzahl Baugenehmigungen im Landkreis Teltow-Fläming 2019? Wurde in Blankenfelde-Mahlow erteilt. Es waren 159, fast dreimal so viele wie 2010. Der Gutachterausschuss im Landkreis hat im vergangenen Jahr 279 Immobilienkäufe im Wert von 66 Millionen Euro nur für Wohneigentum registriert – auch das Spitze in dem Speckgürtellandkreis. Warum ist das so?

Unterschätzen die Käufer, was auf sie zukommt?

„Rational ist das nicht zu erklären“, sagt der langjährige Bürgermeister Ortwin Baier (SPD), der heute im Landtag sitzt. „Ich glaube, die Leute unterschätzen ganz gewaltig den Lärm, der auf sie zukommt“, sagt der Sozialdemokrat, der von 2003 bis 2019 die Verwaltung führte. „Das ist nicht mit dem zu vergleichen, was in den letzten fünf Jahren war“, sagt Baier. Die Flieger vom alten Flughafen Schönefeld seien nur ein Vorgeschmack. „Was mich betrübt: Besonders die Kinder werden leiden. Es ziehen viele Familien her.“

Einmal unterstellt, dass sich Immobilienentwickler und Stadtplaner immer etwas denken, wenn sie Straßennamen vergeben: Dann heißen die Asphaltwege im Musikerviertel nicht zufällig nach Chopin, Smetana und Wagner. Was würde besser vom Lärmproblem ablenken als die Referenzen an Streichquartette und Sinfonien?

Berliner Immobilien sind kaum noch erschwinglich

„Mit Schallschutz ist es erträglich“, sagt Physiotherapeut Zobel. 2016 hat der Berliner das Eigenheim im Märkischen gekauft, 2018 ist er eingezogen. Die Flugrouten kannte er. Eigentlich wollte er in Berlin ein Haus kaufen. „Angesichts der Preise konnte ich aber einpacken“, erzählt der ehemalige Steglitzer.

Die Geschichte hört man immer wieder rund um den Regenwassergraben. Malgorzata Meller hängt mit ihrem Sohn Spinnweben aus Kunststoff am Gartenzaun auf, inklusive Plastikspinnen. Ein Totenschädel grinst vom Fensterbrett. Vorbereitungen für Halloween. Im Buggy schläft ein Baby. „Bevor ich in Berlin 1500 Euro für eine Vierzimmerwohnung zahle, kann ich auch hier einen Hauskredit abzahlen“, sagt die junge Mutter, deren Familie das zweistöckige, alleinstehende Häuschen vor drei Jahren gekauft hat. 500 Quadratmeter Grundstück könnten sich Normalverdiener in Berlin praktisch nicht mehr leisten.

Hauptverkehrsstraßen sind auch laut

Lärm sei relativ, sagt die junge Mutter. Sie hat in Spandau an der Nonnendammallee gewohnt, einer teils sechsspurigen Hauptverkehrsstraße. Die pausenlose Dauerbeschallung von Autos, Bussen, Lastwagen sei nicht besser als alle paar Minuten ein Flugzeug, sagt Malgorzata Meller. Ihr Bruder und Bekannte suchten jetzt auch Grundstücke. „Man findet leider gar nichts mehr“.

Es ist sicher kein Zufall, dass man fast nur hinausgezogene Berliner trifft im Hundeauslaufgebiet. Die haben nicht nur ein besonders inniges Verhältnis zu Vierbeinern, sondern auch eine hohe Lärmtoleranz. Sylvia Fischer, in Kurzhaarfrisur und Anorak, muss schnell weiter, der Dackel zerrt an der Leine. Vor 20 Jahren ist sie in die Gemeinde gezogen – aus Tempelhof. Der innerstädtische Flughafen war damals noch in Betrieb. „Da sind die Gläser aus dem Schrank gefallen“, sagt Sylvia Fischer. Nichts kann sie mehr schocken.

Rathaus Blankenfelde-Mahlow: Auf dem Konferenztisch im Besprechungszimmer von Bürgermeister Michael Schwuchow (SPD) liegen Visitenkarten: „Mit Schirm, Charme und Landebahn“, ist darauf gedruckt. Längst hat die Gemeinde Minderwertigkeitskomplexe abgelegt, hat keine Lust mehr, auf die Lärmopferrolle reduziert zu werden. „Ich gehe davon aus, dass 90 Prozent der Leute, die herziehen, sich voll bewusst sind, dass es Lärm geben wird. Der Flughafen war ja schon da“, sagt Schwuchow. „Niemand kann überrascht sein.“

Ein außerordentlich wohlhabender Ort

Wegen des Fluglärmgesetzes dürften nur noch wenige Flecken bebaut werden, sagt der Bürgermeister. „Es besteht Flächenknappheit und große Nachfrage, besonders aus Berlin. Die Leute finden diesen Ort attraktiv – das ging mir vor 25 Jahren genauso, als ich aus Kreuzberg kam.“

Dem Boomphänomen von Blankenfelde-Mahlow nähert man sich am besten mithilfe von nüchternen Zahlen. Die Gemeinde gehört zu den reichen im Land. 5000 Menschen arbeiten in der Gemeinde, vor allem beim Triebwerkshersteller Rolls-Royce im Ortsteil Dahlewitz oder dem Hygiene- und Putzmittelhändler Hildebrandt & Bartsch. 8000 Bürger pendeln aus der Gemeinde hinaus. „Wir haben hier 80 Nationalitäten“, ergänzt der Bürgermeister.

Zusammen sorgen diese Menschen für ein beachtliches Aufkommen an Gewerbe- und Einkommensteuer. Zuletzt waren es 33 Millionen Euro in einem Jahr. Das verschafft finanzielle Beinfreiheit, ein ehemaliger Penny-Markt etwa soll zur Bibliothek ausgebaut werden.

Den Airbus erkennt der Bürgermeister am Sound

Durchs Fenster ist ein nahender Jet zu erkennen, das Dröhnen schwillt an, hält sich aber dank Extraverglasung der Fassade in Grenzen. „Ein Airbus A320“, sagt Schwuchow. Das können viele hier: Die Flugzeugtypen an Sound und Silhouette unterscheiden.

Fluglärmärger hat die Ortspolitik über viele Jahre geprägt. Zuletzt gab es Streit um die Festlegung der Routen in den Tagesrandzeiten, also kurz vor beziehungsweise nach der nächtlichen Flugverbotsspanne (null bis fünf Uhr). Die Finanzierung einer Studie über die gesundheitlichen Auswirkungen von Ultrafeinstaub, wie ihn auch Flugzeuge ausstoßen, erhitzt ebenfalls die Gemüter. Noch sind nicht alle Häuser mit Schallschutzfenstern nachgerüstet worden.

Eine halbe Stunde zum Potsdamer Platz

Fluglärmgegner der ersten Stunde wie Sigrid Zentgraf-Gerlach von der Bürgerinitiative Mahlower Schriftstellerviertel (BIMS) erwarten für viele Menschen in der Gemeinde ein böses Erwachen. „Sie benehmen sich wie Krebspatienten, die die Krankheit leugnen, weil die Metastasen noch keine Schmerzen verursachen“, sagt die Aktivistin, die gerade den Vorsitz der Initiative abgegeben hat. 14 Jahre hat sie in der Einflugschneise nach Schönefeld gewohnt. Mittlerweile lebt sie in Potsdam.

Ein Haus in Blankenfelde-Mahlow besitzt die Familie noch. Kürzlich stand es zur Vermietung in einem Immobilienportal: „Es gab 88 Anfragen“, erzählt Zentgraf-Gerlach. Attraktiv sei die Gemeinde trotz des Lärms. „Mit der S-Bahn ist man in 34 Minuten am Potsdamer Platz in Berlin, es gibt an die 40 Ärzte und 90 Vereine“, schwärmt Zentgraf-Gerlach. Sollte Corona tatsächlich den Luftverkehr dauerhaft beeinträchtigen, „dann können all die, die dort gebaut haben, noch drei, vier relativ ruhige Jahre haben.“

Von Ulrich Wangemann/RND