Menschen stehen Schlange an einer Lebensmittelausgabe für Bedürftige der katholischen Kirche St. Sabina im Stadtteil Auburn Gresham in Chicago. Quelle: David Goldman/AP/dpa

Wie die Rassismus-Debatte und die Corona-Folgen die US-Wahl prägen

Detroit. Omari Barksdale blickt auf ein schicksalhaftes Jahr zurück. Kommende Woche wird sich zeigen, ob die für ihn so traurigen Ereignisse zumindest als Wegbereiter für einen politischen Wandel gedient haben könnten. Ende März starb seine Schwester an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus. Sehr viele der mehr als 228.000 Pandemie-Opfer in den USA waren Schwarze. Auch wirtschaftlich sind Angehörige der Minderheit überdurchschnittlich von der Krise betroffen.

Schon allein dieses Missverhältnis ist für Barksdale ein Zeichen für den Rassismus im Land. Hinzu kamen zuletzt Fälle von Polizeigewalt, die landesweit zu Protesten führten: In Kentucky wurde Breonna Taylor in ihrer eigenen Wohnung von Einsatzkräften erschossen; in Minnesota kam George Floyd bei einer Festnahme ums Leben – acht Minuten lang drückte ein Polizist dem Afroamerikaner ein Knie auf den Hals, obwohl er mehrfach „I can’t breathe“ („Ich kann nicht atmen“) sagte.

Das zeitliche Zusammentreffen von Pandemie, Massenarbeitslosigkeit und Polizeigewalt hat die USA in diesem Jahr quasi gezwungen, sich mit dem systemischen Rassismus in der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Präsident Donald Trump trug jedoch wenig dazu bei, Gräben zu überwinden – im Gegenteil. Für Barksdale und viele andere Afroamerikaner ist die Wahl am Dienstag deswegen auch zu einem Referendum über die Zukunft der Menschen unterschiedlicher Hautfarbe im Land geworden.

„Seit vielen Jahren wird betont, wie weit wir gekommen sind. Aber wenn man sich aktuell die Lage und die Entwicklungen in Amerika anschaut, sind wir zurück in den 50er und 60er Jahren“, sagt Barksdale, der wenige Wochen nach dem Tod seiner Schwester anfing, sich in seinem Heimatstaat Michigan politisch zu engagieren. Die Gründe für die Proteste seien dieselben wie damals – es gehe für die Schwarzen um Schutz, um Chancen, um Verständnis und um Wertschätzung.

Für das Ergebnis der Präsidentschaftswahl könnten die Stimmen der Afroamerikaner entscheidend sein. Der demokratische Kandidat Joe Biden hofft auf eine hohe Wahlbeteiligung unter Schwarzen in Städten wie Detroit, Philadelphia und Milwaukee, um in einigen der so wichtigen „Swing States“ eine Mehrheit zu erzielen. Trump dagegen setzt auch in den letzten Tagen des Wahlkampfs ganz auf seine überwiegend weiße Basis.

„Die Seele der Nation ist in Gefahr“, sagte der prominente Bürgerrechtler Al Sharpton kürzlich in einem Interview. „Vier weitere Jahre unter Trump würden uns und die von uns erzielten Fortschritte im Hinblick auf Gleichberechtigung, Menschenrechte und Bürgerrechte komplett zurückwerfen. Es würde 20 oder 30 Jahre dauern, eine Generation, um zurückzubekommen, was er festigen würde.“

Anders als Trump räumt Biden ein, dass es in USA systematischen Rassismus gibt

Ungleichheit und Rassismus waren in den USA zwar schon lange vor Trump ein Problem. Aber im Laufe seiner Amtszeit hat er bestehende Konflikte weiter geschürt. Nach rechtsradikaler Gewalt in Charlottesville in Virginia gab er 2017 „beiden Seiten“ die Schuld an der Eskalation. Wenig später fragte er, warum die USA so viele Migranten aus „Dreckloch-Ländern“ („shithole countries“) wie solchen in Afrika aufnähmen. Im September weigerte er sich zunächst, eine faschistische Gruppe, die in einer TV-Debatte mit Biden zur Sprache gekommen war, explizit zu verurteilen.

„Donald Trump ist ein unverfrorener Rassist, der es nicht nur genießt, zu verspotten, zu verachten und Schaden anzurichten, sondern der auch jede Verantwortung für die Konsequenzen leugnet“, sagt die demokratische Politikerin Stacey Abrams. Sollte er ein weiteres Mal gewinnen, hätte sie große Sorge, „dass diejenigen, die uns Schaden zufügen wollen, das Gefühl bekämen, dafür einen Freibrief zu haben“, sagt die frühere Gouverneurskandidatin aus Georgia, die selbst Schwarze ist.

Auch Biden hat in seiner politischen Vergangenheit umstrittene Maßnahmen unterstützt – unter anderem eine Strafrechtsreform im Jahr 1994, wegen der die Zahl der schwarzen Gefängnisinsassen drastisch anstieg. Inzwischen hat er dies aber öffentlich bedauert. Anders als Trump räumt er auch ein, dass es in den USA einen systemischen Rassismus gibt – und verspricht, etwas dagegen zu tun. Er wisse, dass „schwarze Leben zählen“ („black lives matter“), sagte er am Dienstag in Atlanta.

Die Rolle der Erstwähler

Eine entscheidende Rolle könnten am Dienstag auch die Erstwähler spielen. Denn die Proteste im Sommer haben viele Jugendliche politisch mobilisiert. Tylik McMillan von der Bürgerrechtsgruppe National Action Network versucht seit Monaten dafür zu sorgen, dass diese Jugendlichen bei der Wahl tatsächlich auch ihre Stimme abgeben.

„Die Realität ist die, dass wenn ich vor die Tür gehe, dann bin ich in Amerika nach wie vor nur Schwarzer – und ich könnte der nächste George Floyd sein“, sagt der 24-Jährige. Wenn ein Präsident nicht verstehe, dass es Rassismus in diesem Land wirklich gebe, sei das ein Problem.

Auch im Falle eines Wahlsiegs von Biden würde die amerikanische Gesellschaft aber noch immer vor einer enormen Herausforderung stehen – das haben die Entwicklungen der vergangenen Monate gezeigt. „Der 3. November wird ein Referendum über ‘Black Lives’, es wird ein Referendum über strukturelle Veränderungen“, sagt Maurice Mitchell, Aktivist der Organisation The Frontline und Chef der Splitterpartei Working Families Party.

Es gehe darum, ob die Menschen im gegenwärtigen Chaos bereit seien, gemeinsam nach Lösungen zu suchen – oder ob das Miteinander weiterhin von Angst und Misstrauen geprägt sein werde.

RND/AP