Das Oberhaupt der orthodoxen Kirche von Griechenland, Erzbischof Ieronymos II., hat sich mit dem Coronavirus infiziert (Archivfoto). Quelle: picture alliance / ANE

Der Klerus und Corona: Griechenlands sorglose Gottesmänner

Athen. Lange leugneten viele griechische Geistliche die Gefahren des Coronavirus. In der Kirche stehe man unter Gottes Schutz und könne sich überhaupt nicht anstecken, so das Dogma. Ein Irrglaube, wie sich zeigte. Jetzt liegt der Athener Erzbischof mit Covid-19 auf der Intensivstation

Der Zustand des 82-jährigen Ieronymos, der als Erzbischof von Athen zugleich Oberhirte der orthodoxen Kirche Griechenlands ist, war am Montag stabil. Er wurde vor einer Woche positiv auf Covid-19 getestet und liegt seit sechs Tagen im Athener Evangelismos-Krankenhaus.

Wo er sich mit dem Virus infizierte, ist unklar. Als mögliche Infektionsquelle gilt eine dreitägige Sitzung der Heiligen Synode, zu der zwölf griechische Bischöfe Anfang November in Athen zusammenkamen. Fernsehbilder zeigen, dass viele Teilnehmer Abstandsregeln und Hygienevorschriften ignorierten. Mehrere Bischöfe seien bereits infiziert, hielten das aber geheim, berichten griechische Medien.

Gläubige wegen Maske aus Gottesdienst geschmissen

Dass es auch Ieronymos traf, ist eine bittere Ironie. Denn der Erzbischof ist eine Stimme der Vernunft. Schon im März hatte er die Gläubigen gemahnt, einen „Geist der Verantwortung“ zu zeigen. Sie sollten den Richtlinien des Gesundheitsministeriums folgen, forderte der Oberhirte.

Aber die Haltung der Kirche ist widersprüchlich. So spendet sie trotz der Pandemie den Gläubigen die Heilige Kommunion in gewohnter Form. Dabei verabreicht der Priester nacheinander Dutzenden, mitunter Hunderten Gläubigen auf einem Silberlöffel Wein und Brot – ein Fest für das Virus. Aber die Heilige Synode besteht darauf, dass die Gläubigen sich bei der Prozedur „mit Sicherheit nicht infizieren können“. Die Kommunion sei vielmehr eine „mächtige Manifestation der Liebe“.

Längst hat der Streit um die Corona-Vorsichtsmaßnahmen in den Kirchen bizarre Formen angenommen. So unterbrach im nordgriechischen Kozani der Geistliche Ignatios seinen Gottesdienst, als er unter den Kirchenbesuchern eine alte Frau mit Gesichtsmaske entdeckte. Sie war die einzige Gläubige, die einen Mund-Nasen-Schutz trug. Der Pope forderte die Frau auf, den Gottesdienst zu verlassen. „In meiner Kirche dulde ich keinen Karneval“, herrschte Ignatios die 74-Jährige an. In einem Interview mit dem Staatsfernsehen ERT verteidigte Ignatios sein Hausverbot: „In die Kirche geht man in anständiger Kleidung“. Ein Gottesdienst sei „kein Maskenball“, so der Geistliche.

Inzwischen auch selbstkritische Stimmen im Klerus

Wegen des Lockdowns sind die griechischen Kirchen zwar seit Anfang November, wie schon im Frühjahr, wieder geschlossen. Das stört manche Geistliche aber nicht. Vor allem auf dem Land finden vielerorts geheime Gottesdienste statt. Dabei wird auch die Heilige Kommunion gefeiert.

Die griechisch-orthodoxe Kirche ist traditionell eine mächtige Institution. Sie hat den Status einer Staatskirche. Die Geistlichen werden wie Beamte vom Finanzminister besoldet. Die Popen sind allgegenwärtig. Kein offizieller Festakt findet ohne den örtlichen Bischof statt. Aber der Klerus verliert an Einfluss, vor allem bei den jüngeren. Die ignorante Haltung vieler Geistlicher zur Corona-Pandemie dürfte diese Erosion des Vertrauens beschleunigen. Das zeigt eine Meinungsumfrage vom Mai dieses Jahres. Nur fünf Prozent erklärten, sie vertrauten der Kirche in der Pandemie „ziemlich“ oder „absolut“. 67 Prozent sagten, sie vertrauten der Kirche „überhaupt nicht“.

Angesichts der grassierenden Pandemie, die am Sonntag in Griechenland erstmals an einem Tag mehr als 100 Todesopfer forderte, gibt es inzwischen auch selbstkritische Stimmen im Klerus. Am Wochenende ging Bischof Anthimos aus der nordgriechischen Stadt Alexandroupoli in einem Brandbrief mit seinen uneinsichtigen Kollegen hart ins Gericht: „Wir glaubten, wir seien Übermenschen, wir haben unsere Infektionen verheimlicht, statt unsere Fehler einzugestehen – das bringt uns ins Grab“, so Anthimos. Es sei für einen Geistlichen keine Schande einzugestehen, dass er sich mit dem Coronavirus infizieren könne, schreibt der Geistliche und schließt mit der Warnung: „Egoismus tötet!“

Von Gerd Höhler/RND