Antony Blinken: Der ehemaliger US-Vize-Außenminister wird Bidens Mann fürs Auswärtige. Quelle: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dp

Antony Blinken: Joe Bidens neuer Lead-Gitarrist

Washington. Das Posieren vor einer möglichst eindrucksvollen Bücherwand gehört im Zeitalter der coronabedingen Videokonferenzen zu den beliebtesten Mitteln der Selbstinszenierung. Als Antony Blinken vor ein paar Wochen beim Sender CNN für ein Interview zugeschaltet wurde, sah man an der Seite des Arbeitszimmers vor einer Dachschräge ein eher unsortiertes Regal. Über der rechten Schulter des Außenpolitikers aber lugte ein bemerkenswertes Arbeitsmittel heraus – ein Gitarrenhals, der nach Einschätzung von Kennern zu einer Westerngitarre des Kultherstellers Martin gehört.

„Ja, es ist eine Martin“, gestand der 58-Jährige kurz darauf: „Ich habe sie gar nicht verdient.“ Videos im Netz beweisen freilich, dass der Mann, der neuer US-Außenminister werden soll, das Instrument virtuos beherrscht und gemeinsam mit Bekannten auch als Sänger ziemlich guten Blues und Rock auf die Bühne bringt.

Ein bescheiden-freundlicher Auftritt ist stets eine gute Voraussetzung für einen Diplomaten. Im Falle von Blinken verbirgt sich dahinter nach der Schilderung von Insidern freilich ein durch den bemerkenswerten Lebenslauf und die langjährige Tätigkeit im Washingtoner Machtzentrum gestärktes Selbstbewusstsein.

„Tony Blinken ist ein Superstar, und das ist keine Übertreibung“, sagte der damalige Vizepräsident Joe Biden schon 2013. Da hatte ihm Blinken vier Jahre als Sicherheitsberater gedient. Nun zieht Biden ins Oval Office, und sein langjähriger Vertrauter soll den prestigeträchtigsten Posten der Regierung erhalten. Offiziell will der neu gewählte Präsident die Personalie erst am morgigen Dienstag bekannt geben, doch Vorabberichte der Agentur Bloomberg und der „New York Times“ wurden am Montag nicht dementiert.

Mit Blinken wird ein Mann an die Spitze des State Departments rücken, der seit 20 Jahren in verschiedenen Positionen an Bidens Seite arbeitete und während der letzten beiden Obama-Jahre bereits den Posten des Vizeaußenministers bekleidete. Der Harvard-Absolvent gilt als Verfechter internationaler Bindungen und Zentrist, hat in der Vergangenheit aber einen Hang zum Interventionismus gezeigt, der in Europa nicht überall auf Begeisterung stoßen dürfte. Er gilt als einer der Architekten des Iran-Abkommens, hat aber auch den Irakkrieg unterstützt.

Als Student wollte Blinken Journalist oder Filmemacher werden

Während sich Amtsinhaber Mike Pompeo als ungehobelter Trump-Apologet einen zweifelhaften Ruf erwarb, wirkt Blinken wie ein Musterexemplar des kultivierten demokratischen Establishments. Blinken wurde als Sohn jüdischer Eltern in New York geboren. Sein Vater (ein späterer US-Botschafter in Ungarn) managte erfolgreich einen Fonds für Wagniskapital, seine Mutter war Kunstförderin. Die Ehe scheiterte, die Mutter zog mit den Kindern nach Paris und heiratete den bekannten Anwalt und Holocaust-Überlebenden Samuel Pisar. Im herrschaftlichen Haushalt verkehrten Arturo Toscanini und Leonard Bernstein. Der Sohn Tony spielte Hockey und Jazz. Während des Studiums wollte er zunächst Journalist oder Filmemacher werden. Dann entschied er sich doch für die Diplomatie und heuerte im State Department an. Brücken baute er auch im Privaten, als er 40-jährig in einer überkonfessionellen Zeremonie die Katholikin Evan Ryan heiratete, die später als Bildungsstaatssekretärin der Obama-Regierung ebenfalls Karriere machte.

Im neuen Job hat Blinken zunächst im eigenen Haus einiges zu tun. Unter Pompeo haben zahlreiche profilierte Beamte das Ministerium verlassen. „Der Unterschied wäre ab Tag eins spürbar“, hat Blinken die Auswirkungen einer Biden-Präsidentschaft auf die Stimmung in der Behörde schon im September prognostiziert. Der künftige Präsident Biden hat angekündigt, die USA in wichtige internationale Verträge wie das Pariser Klimaschutzabkommen und den Iran-Atom-Deal zurückzuführen. Das liegt ganz auf der Linie von Blinken. Auch mit der Weltgesundheitsorganisation wird er wieder zusammenarbeiten.

Immer wieder hat Blinken in Interviews der vergangenen Jahre die Bedeutung internationaler Partnerschaften hervorgehoben. In einem einstündigen Gespräch bei der konservativen Denkfabrik Hudson Institute im Juli ging es freilich fast ausschließlich um China, den Mittleren Osten und Russland. Ein härteres Auftreten gegenüber China nannte Blinken als vordringliches außenpolitisches Ziel. Das könnte den Blick der neuen Regierung vor allem auf Bündnisse im indisch-pazifischen Raum und in Afrika lenken. Europa kam bei dem Auftritt von Blinken jedenfalls nur am Rande vor.

Von Karl Doemens/RND