Antony Blinken, ehemaliger US-Vizeaußenminister, spricht während einer Anhörung des Senatsausschusses für auswärtige Beziehungen über Syrien. Blinken soll Berichten zufolge wohl neuer US-Außenminister werden: Der gewählte US-Präsident Biden will den 58-Jährigen für das Amt benennen, wie unter anderem die „New York Times“ unter Berufung auf Insider berichtete. Quelle: Jose Luis Magana/AP/dpa

Bidens neuer Außenminister: kein Freifahrtschein für Europa

Größer könnte der Kontrast kaum sein: Wenn der wichtige Posten des amerikanischen Außenministers im Januar von Mike Pompeo zu Antony Blinken wechselt, wird das Aufatmen in den europäischen Hauptstädten groß sein. An die Stelle des ungehobelten Amerika-Chauvinisten Pompeo, der selbst Trumps derzeitigen Staatsstreichversuch unterstützt und auf seinen letzten Tagen in Israel durch die einseitige Parteinahme für rechte Siedler noch neuen Unfrieden sät, tritt ein Mann, dem demokratische Prinzipien und internationale Regeln etwas bedeuten.

Nicht nur durch seine persönliche Biografie als Stiefsohn eines prominenten Holocaust-Überlebenden, seine internationale Schulzeit in New York und Paris und seine jüdisch-christliche Ehe steht Blinken für ganz andere Werte als der opportunistische Karrierist Pompeo. Der neue Secretary of State hat das Iran-Atomabkommen mitentwickelt und stets die Bedeutung globaler Allianzen betont.

Nicht jeder John-Lennon-Fan ist ein Friedensaktivist

Doch die Europäer sollten sich vom lockeren Auftritt und den guten Manieren des Hobbygitarristen nicht täuschen lassen. Nicht jeder Beatles-Fan, der – wie Blinken – eine signierte John-Lennon-Platte besitzt, ist ein Friedensaktivist. Und nicht jeder Amerikaner, der die nationalistische „America First“-Doktrin der Trump-Regierung beenden will, wird damit zum staatenlosen Internationalisten.

Blinken sieht die USA durchaus als westliche Führungsnation, die allerdings ihre eigenen Ansprüche in den vergangenen vier Jahren verraten und verhöhnt hat. Mit ihm dürfte der Ton deutlich zivilisierter, die Verlässlichkeit größer und die Kompromisssuche ernsthafter werden. Aber im Kern wird auch die Biden-Regierung zunächst amerikanische Interessen vertreten. Bei der Eindämmung Chinas und Russlands liegen die auf der Hand. Europa wird mit großen Sympathien gesehen. Doch nur mit eigenen Anstrengungen kann der alte Kontinent die Rolle als wichtiger Partner behalten.

Von Karl Doemens/RND