Der Weihnachtsmann macht dieses Jahr blau. Quelle: jps

Die ungewöhnlichen Feiertage: Advent, Advent, kein Lichtlein blinkt

Himmelpfort/Berlin. Ganz bestimmt. „Ganz bestimmt kommt der Weihnachtsmann auch dieses Jahr“, sagt Kornelia Matzke.

Sie muss es wissen. Schließlich ist sie Weihnachtsengel, schon seit 36 Jahren. „Aber vielleicht kommt er dieses Jahr lieber nachts durch den Kamin gerutscht“, schränkt Matzke dann doch ein.

Der Weihnachtsmann hat es schwer im Corona-Jahr. Er ist altersmäßig Teil einer vulnerablen Gruppe, er tut sich wie alle Bartträger schwer mit der Maske, also wird er lieber kontaktlos die Geschenke übergeben. Deshalb sitzt der Weihnachtsmann jetzt, kurz vor der Adventszeit, auch nicht in seinem mit rotem Samt überzogenen Sessel in der Weihnachtsstube von Himmelpfort.

Normalerweise säße er jetzt in der „Wohnung des Weihnachtsmanns“ an seinem Schreibtisch und nähme Wunschzettel entgegen. An den Adventswochenenden würden Tausende Ausflügler auf den Weihnachtsmarkt im festlich geschmückten Dörfchen ganz im Norden Brandenburgs strömen. Es wäre die willkommene zweite Saison nach dem Sommer für das Dorf, das vom Tourismus lebt. „Wir sind sehr traurig, dass wir unseren Ort nicht so zeigen können, wie wir es gerne getan hätten“, sagt Ortsvorsteher Lutz Wilke. Es ist halt der Winter von Corona.

Heute beschließen die Bundeskanzlerin und die Länderchefs und -chefinnen aller Voraussicht nach eine Verlängerung der Einschränkungen bis kurz vor Weihnachten – aber auch Erleichterungen für die Festtage selbst. Alles konzentriert sich darauf, zumindest kleinere Familienfeiern zum Fest zu ermöglichen. Der Preis dafür: ein einsamer Advent.

Die allermeisten Advents- und Weihnachtsmärkte sind bereits vor Wochen vorsorglich abgesagt worden, einzelne Glühweinstände in den Städten werden wohl das Höchste der Gefühle sein.

Auch die Himmelpforter haben alles abgesagt. Obwohl hier draußen, zwischen Wäldern, Seen und wenigen Menschen, Corona weit weg scheint. Auf dem Gebiet der Stadt Fürstenberg, zu der Himmelpfort gehört, gebe es nur drei Fälle, sagt Wilke. Aber die Besucher, die würden ja von weit her kommen.

Und die Gefahr, dass der Weihnachtsmann zum Superspreader wird, will hier keiner eingehen. Aus Vernunft. Und aus Angst um den Ruf, den das selbst ernannte „Weihnachtsdorf“ verlieren könnte.

Die Geschichte dieses Dorfes beginnt vor 36 Jahren. Damals war Kornelia Matzke die Konni von der Post. 1984 im Advent bekam sie zwei Kinderbriefe mit Weihnachtswünschen, adressiert „An den Weihnachtsmann, Himmelpfort“. Anstatt die Briefe zurückzuschicken, schrieb sie Antworten. Im kommenden Jahr erhielt sie schon 75 Briefe und es gab ein eigenes Postfach für den Weihnachtsmann.

1995 hat die Deutsche Post sogar ein offizielles Weihnachtspostamt eingerichtet. 20 Helferinnen kümmern sich um inzwischen 300.000 Briefe jährlich. Auch dieses Jahr. Bis zum dritten Advent sollten Kinder an den Weihnachtsmann in 16798 Himmelpfort schreiben – und auf keinen Fall den Absender vergessen.

„Kein Kind muss Angst haben, dass der Weihnachtsmann ihm nicht zurückschreibt“, sagt Hauptengel Konni und erzählt, dass die Briefe heute manchmal doch etwas anders klingen. Natürlich wünschen sich die Kinder weiter Lego, Bücher und Handys, aber viele schreiben auch: „Ich wünsche mir, dass Corona vorbei ist“, oder „Ich wünsche mir, dass wir alle gesund bleiben“, oder auch „Ich wünsche mir, dass wir zu Weihnachten Oma besuchen können“.

Der Lohn fürs Durchhalten?

Dieser Wunsch geht vermutlich in Erfüllung, und verantwortlich dafür ist nicht der Weihnachtsmann, sondern Merkel und die Länderchefs und -chefinnen. Vom 23. Dezember bis zum 1. Januar dürfen sich maximal zehn Erwachsene unterschiedlicher Haushalte treffen, Kinder bis 14 Jahren sind nicht mitgezählt.

Wie es im Januar weitergeht, ist unklar. Ebenso, ob die Jahresendlockerungen eine Belohnung für den verlängerten Teil-Lockdown bis kurz vor den Feiertagen sind – oder das Eingeständnis, dass private Weihnachts- und Silvesterfeiern ohnehin nicht kontrollierbar sind.

Schon mehren sich aber die Stimmen gegen eine Lockerung auch zu Silvester. „Weihnachten und Silvester zusammen würde uns wahrscheinlich wieder stark zurückwerfen“, sagt Unions-Bundestagsfraktionschef Ralph Brinkhaus dem „Spiegel“. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) fordert, über Silvester noch einmal nachzudenken. Kein Böllerverbot, aber auch keine Partys, das ist die Linie der Hardliner für die Sitzung.

Ein Zeichen gegen die Einsamkeit ist es so oder so. Und anscheinend haben die Weihnachtswerbespots übertrieben, die bereits seit Wochen Familienzusammenkünfte via Videokonferenz zeigen: Oma allein vor ihrem Bäumchen, Sohn und Enkelin auf dem Bildschirm zugeschaltet. Doch es bleibt ein Symbol.

Darauf weist Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt hin: „Die Alten, Einsamen, Kranken müssen ein Recht haben auf Kontakt“, sagt sie und spricht nicht nur von Heiligabend, sondern auch von den Pflegeheimen. „Die Bundesregierung darf nicht wieder in eine Situation laufen, dass Alte, Kranke, Pflegebedürftige allein sind, nur weil es an Ausstattung oder Schnelltests fehlt und sie deshalb keinen Besuch bekommen dürfen.“

Weihnachten in Familie – für die meisten in Deutschland ist es eine Tradition, die jetzt von Corona bedroht wird. Für die Wollenschlaegers aber wird es eine Premiere sein – die Corona möglich macht. Und auf die sie sich nicht freuen.

Thilo-Harry Wollenschlaeger, 54, politisch wacher Gemütsmensch, ist Schausteller in fünfter Generation. Drei Weihnachtsmärkte hätte er in diesem Advent veranstaltet. Die Feiertage sind Umsatzbringer, da sind sonst alle Wollenschlagers am Stand. Auch am zweiten Weihnachtsfeiertag, dem Geburtstag von Tochter Paula. Seit 21 Jahren wird dieser Geburtstag nach Schaustellertradition gefeiert: am Stand, mitten im Trubel, alle kommen vorbei. Nicht dieses Jahr.

Advent, Advent, kein Lichtlein blinkt. Der riesige blaue Weihnachtsmann liegt im Quarantäneschlaf in Wollenschlaegers Lager auf einem Bett aus Überseecontainern, Rentiere und Nikoläuse dämmern daneben, Schlitten und Lichterketten warten unter Folien. „Aber die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt Wollenschlaeger, wie er es schon das ganze Jahr gesagt hat.

Im Frühjahr, als er noch glaubte, das mit Corona sei in ein paar Wochen vorbei, und seine großen Volksfeste plante. Im Sommer, als alle sorglos wurden und er die Zeit nutzte, um Verträge für die Weihnachtsmärkte abzuschließen. Nach Neujahr müsste er sich wieder ins Büro setzen und planen, für die Britzer Baumblüte, die Neuköllner Maientage, für 2021. Traut er sich?

Wollenschlaeger ist vorsichtig geworden und verzweifelt zugleich. „Die Politiker glauben, wir werden uns schon irgendwie retten“, sagt er. „Wenn ich das hier nicht mehr mache, fahre ich eben Lkw. Aber wer wird später noch den Schausteller machen?“ Nein, so weit wollen sie nicht denken.

Lieber werkeln die Wollenschlaegers an ihren Losbuden herum, ersetzen die LED-Leuchten durch modernere, buntere Nachfolger. Wenn es wieder losgehen darf, dann soll es schöner sein als je zuvor.

Und man kommt beim Werkeln auf andere Gedanken, nicht die düsteren, die einen vielleicht vors Brandenburger Tor treiben könnten. Der Ober-Querdenker Michael Ballweg hat Wollenschlaeger im Sommer gefragt, ob er auf einer Demo sprechen wolle. Der Schausteller hat sich Bedenkzeit erbeten, im Internet recherchiert und abgelehnt. „Damit will ich nichts zu tun haben“, sagt er. Aber der Unmut sei riesig in seiner Branche.

Kontaktfasten bis Heiligabend

„Fürchtet euch nicht“, sagt der Weihnachtsengel, also nicht Konni Matzke, sondern der über dem Stall von Bethlehem. „Fürchtet euch nicht“, das sei die „kraftvolle Botschaft“ des Weihnachtsfestes, die gerade dieses Jahr gebraucht werde, sagt Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Und deswegen müsse es auch Weihnachtsgottesdienste in den Kirchen geben, nicht nur im Fernsehen.

Viele Gemeinden bieten schon einen Monat vor dem Fest Platzreservierungen für Heiligabend an. Im Stundentakt mit Lüften zwischendurch soll die frohe Botschaft verkündet werden. In Hamburg könnte das Millerntor-Stadion zum Kirchenersatz werden. Bedford-Strohm spricht im RBB von Freiluftgottesdiensten „mit Skiunterwäsche, Abständen und ganz verantwortungsvoller Handhabung“.

Die Landesbischöfin der Nordelbischen Kirche, Kristina Kühnbaum-Schmidt, sagt dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), dass es gerade dieses Jahr an Weihnachten besonders um Dankbarkeit gehen sollte: „Dankbarkeit für Liebe, die uns geschenkt wird und die inmitten von Ängsten und Sorgen unser Leben hell macht und hoffnungsfroh – das ist ja auch der eigentliche Sinn von Weihnachten.“

Eine von Bedford-Strohms Vorgängerinnen aber warnt: Weihnachten werde dieses Jahr überfrachtet, sagt die Theologin Margot Käßmann im Deutschlandfunk. Sie spricht von einem „Kontaktfasten auf dieses Weihnachtsfest hin“. So würde „das Fest zu etwas gemacht, auf das wir so warten, dass es sich dann nachher gar nicht erfüllen kann“.

Die Adventszeit als neue Fastenzeit. Ohne Klingelingeling, ohne Glühwein, Mandeln und Märchen auf dem Marktplatz. Dann die staatlich genehmigten Festtage – und ein unklarer Start ins Jahr 2021. Gewünscht hat sich das niemand.

Von Jan Sternberg/RND