Frank Ulrich Montgomery, Präsident des Weltärztebundes. Quelle: Guido Kirchner/dpa

Weltärztepräsident: „Lockerungen sind kein Freibrief zum Feiern“

Berlin. Herr Montgomery, die Corona-Beschränkungen werden bis kurz vor Weihnachten verlängert . Danach wird es Lockerungen geben. Halten Sie das für die richtige Strategie?

Ich halte die Maßnahmen im Grundsatz für richtig, ohne sie im Einzelnen bewerten zu können. Sie sind richtig, sie sind wichtig, und sie sind eine Chance, endlich von den hohen Infektionszahlen runterzukommen. Wichtig ist, dass sie einheitlich sind. Ich wende mich gegen jede Sonderregelung für einzelne Länder. Sie sind aber zugleich das Minimum. Wenn ein Land noch konsequenter vorgehen will, dann soll es das gerne tun. Nur die Mindesteinschränkungen müssen bundeseinheitlich gleich gelten.

Was ist mit den Lockerungen über Weihnachten und Silvester? Sind die auch richtig?

Weihnachten ist problematisch. Aus medizinisch-epidemiologischer Sicht müsste man die Einschränkungen eigentlich aufrechterhalten, und zwar bis die Infektionszahlen unter dem Wert von 50 pro 100.000 Einwohnern in den letzten sieben Tagen liegen. Aber wir müssen natürlich auch die sozialen Folgen der Einschränkungen sehen. Deshalb werden wir ein leichtes Ansteigen der Zahlen danach in Kauf nehmen müssen. Es geht nicht anders.

Mit einer regelrechten dritten Welle rechnen Sie nach Weihnachten und Silvester nicht?

Wenn die Leute sich so benehmen, wie sie sich Anfang Oktober benommen haben, nämlich gedanken- und rücksichtslos, dann kriegen wir das wieder. Ich hoffe, dass die Menschen gelernt haben, die Lockerungen etwas moderater zu gestalten und nicht Superspreading-Events am Brandenburger Tor abzuhalten. Man darf sich mit ein paar Menschen treffen und sollte sich dabei vor allem den Menschen zuwenden, die arm, alt und einsam sind. Das ist nicht der Freibrief zum Feiern.

Gibt es weitere Risiken – außer Weihnachten?

Das Risiko ist, dass Ministerpräsidenten in einigen Ländern schon wieder anfangen, über lokale Lockerungen zu reden. Die Beschränkungen müssen einheitlich sein. Außerdem hätten wir das alles schon am letzten Montag haben können, wenn sich die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten nicht zerstritten hätten. Das war völlig überflüssig. Dann hätte die Bevölkerung auch früher gewusst, woran sie über Weihnachten und Silvester ist.

Mit welchem weiteren Verlauf der Pandemie rechnen Sie später? Können wir angesichts der Impfungen davon ausgehen, dass sich die Lage 2021 Zug um Zug entspannt?

Mit den Impfungen wird sich einiges entspannen und vieles besser werden – aber nicht so schnell. Man muss sich da einfach nur die Zahlen ansehen. Bis man die Bevölkerung durchgeimpft hat, werden zwischen einem und drei Jahren vergehen. Außerdem gibt es 40 Prozent Impfverweigerer. Die Impfungen werden uns wahnsinnig helfen und weiterbringen. Aber sie sind nicht die automatische Lösung für alles. Wir werden vielmehr noch lange mit dem Virus und seinen Folgen leben müssen.

Von Markus Decker/RND