Angeklagter Stephan B. Quelle: Getty Images

Opfer-Anwalt im Halle-Prozess zum Attentäter: „Sie haben ihn qualvoll hingerichtet!“

Magdeburg. Im Prozess um den rechtsterroristischen Anschlag auf die Synagoge in Halle haben die Anwälte der Eltern eines der beiden Getöteten gefordert, den Angeklagten für den Rest seines Lebens einzusperren.

„Sie haben einer Mutter auf ekelhafteste und perverseste Weise ihr Kind genommen“, sagte am Dienstag der Anwalt der Mutter des jungen Mannes, den der Attentäter in einem Döner-Imbiss getötet hatte.

„Sie haben ihn nicht nur erschossen, Sie haben ihn qualvoll hingerichtet“, stellte der Anwalt des Vaters von Kevin S. in Richtung des Angeklagten fest. „Er hat Sie angefleht, Sie haben zwei mal auf ihn geschossen.“

Der Angeklagte nahm die Schlussvorträge regungslos hin.

Am 9. Oktober 2019 hatte ein Terrorist versucht, 51 Menschen zu töten, die in der Synagoge von Halle den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur feierten. Er scheiterte an der massiven Tür, erschoss daraufhin die Passantin Jana L. und später in einem Döner-Imbiss Kevin S.. Auf der anschließenden Flucht verletzte er weitere Menschen.

Der Prozess läuft seit Juli vor dem Oberlandesgericht (OLG) Naumburg, aus Platzgründen findet er jedoch in Magdeburg statt. Der 28-jährige Deutsche Stephan B. hat die Taten gestanden und mit antisemitischen, rassistischen und antifeministischen Verschwörungstheorien begründet.

Das Opfer Kevin S. war mit einer geistigen Behinderung geboren worden. Die Anwälte der Eltern erinnerten in ihren Plädoyers daran, wie sich der junge Mann trotz aller Schwierigkeiten einen Platz in der Gesellschaft erkämpft habe. Erst kurz vor seinem Tod hatte der 20-Jährige einen Ausbildungsplatz bekommen.

„Das alles hätten Sie auch gekonnt. Stattdessen saßen Sie in Ihrem Kinderzimmer“, sagte einer der Anwälte an die Adresse des Angeklagten. „Sie haben gar nichts erreicht!“ B. hatte nach seinem Abitur weder ein Studium noch eine Ausbildung abgeschlossen und seine Zeit bei Mutter und Vater verbracht.

Kein “isolierter Einzeltäter”

Auch die Annahme, dass der Attentäter des rechtsterroristischen Anschlags von Halle allein handelte, verneinte eine Anwältin von Überlebenden aus der Synagoge erneut entschieden. “Es handelt sich beim Angeklagten mitnichten um einen isolierten Einzeltäter”, sagte die Anwältin am Dienstag in ihrem Schlussvortrag. Zwar sei er während der Tat allein unterwegs gewesen und habe sich auch vorher nicht auf Fackelmärschen, Nazi-Demos oder als Teil sonstiger klassisch extremistischer Strukturen gezeigt.

Er habe die Tat aber online als Teil einer globalen, “nach Blut und Tod gierenden Community” geplant und vorbereitet. Die Anwältin bezog sich dabei vor allem auf sogenannte Imageboards, Internetforen, die teilweise von Rechtsextremen gekapert und zur Rekrutierung und Radikalisierung von Anhängern genutzt wird. Im Prozess hatten mehrere Gutachter gezeigt, dass sich der Terrorist in den Videos, die er von der Tat ins Internet streamte, durch szenetypische Codes und Symbole auf diese Zielgruppe bezog. Die Anwältin sprach von einer “Peergroup voller Rassisten, Antisemiten und Antifeministen”.

Nachdem die ersten Nebenklägerinnen und Nebenkläger plädierten, sollen am Mittwoch sowie am 8. Dezember weitere Schlussvorträge gehalten werden, wie das OLG am Dienstag eine Mitteilung vom Vortag präzisierte. Der 9. Dezember sei für die Schlussvorträge der Verteidiger und das letzte Wort des Angeklagten vorgesehen. Das Urteil wird nun doch schon für den 21. Dezember erwartet.

RND/cle/dpa