Auf dem Impfstoff gegen Corona ruhen gerade alle Hoffnungen. Quelle: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Impfstoff-Rennen: Rettung nur für die Reichen?

Nach America first nun also Großbritannien first. Europa erlebt gerade einen bizarren Wettlauf um die Zulassung eines Corona-Impfstoffs. Am der Ende der langen Geschichte dieser Pandemie aber wird es nur eine Fußnote sein, ob die Briten vielleicht zwei Wochen früher geimpft werden als die Deutschen oder Franzosen. Über den Erfolg im Kampf gegen das Virus entscheidet eine andere Frage: Gelingt es, den Impfstoff schnell auch in jenen Ländern der Welt zur Verfügung zu stellen, die kein entwickeltes Gesundheitswesen haben und die sich 16 Euro für einen Piks schlichtweg nicht leisten können?

Die Aussichten sind, allen anderen Beteuerungen zum Trotz, leider düster. Die Corona-Krise hat bislang nicht etwa zu einem Zusammenwachsen der Welt geführt, sondern vielmehr staatlichen Egoismus und Nationalismus befeuert.

Ja, es gibt die gemeinsame Impfstoffbestellung der EU – aber sie endet nun einmal direkt an den Grenzen der Europäischen Union. Und ja, es gibt die Initiative Covax der Weltgesundheitsorganisation, die einen fairen Zugang zu Corona-Impfstoffen für Menschen in ärmeren Ländern sichern soll – aber die USA und Russland zahlen nicht in den gemeinsamen Topf ein. Selbst wenn noch genug Geld für die geplante Covax-Initiative zusammenkommen sollte: Mit der versprochenen Hilfe könnte gerade ein Fünftel der Bevölkerung in den armen Ländern immunisiert werden.

Rettung gibt es also vorerst wohl nur für die Reichen, und das liegt auch daran, dass den Armen derzeit niemand ausreichend Gehör verschaffen kann. Die Weltgesundheitsorganisation hat in der Krise viel Kredit verspielt, die Vereinten Nationen fallen generell als verbindendes Element zunehmend aus. Gestern gab es in New York den ersten UN-Sondergipfel zur Corona-Krise überhaupt. Er begann mit einer bitteren Bilanz: 1,5 Millionen Tote und mehr 62 Millionen Erkrankte weltweit – das ist auch das Ergebnis eines Mangels an Vorbereitung, Kooperation, Einigkeit und Solidarität in der Staatengemeinschaft.

Nur Almosen für die ärmeren Länder?

In vielen Regionen der Welt könnten die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise schlimmer werden als die gesundheitlichen Auswirkungen. Nach gestern vorgelegten UN-Berechnungen werden die am wenigsten entwickelten 47 Länder der Welt ihre schwächste Wirtschaftsleistung seit 30 Jahren erleben. Während Deutschland über die Folgen eines Freizeit-Lockdowns stöhnt, geht es anderswo um die Frage, ob das Einkommen noch zum nackten Überleben reicht. Weltweit wird in diesem Jahr die Zahl der extrem armen Menschen um 32 Millionen wachsen – dabei geht es Menschen, die weniger als 1,90 Dollar am Tag zur Verfügung haben. “Die Krise wird Jahre des mühsamen Fortschritts der am wenigsten entwickelten Ländern in Bereichen wie Armutsminderung, Ernährung und Bildung umkehren”, urteilen die UN-Experten.

An Appellen zur Trendwende mangelt es nicht, und beim Impfen können die Motive durchaus egoistisch sein: Corona wird man nicht erfolgreich bekämpfen können, wenn nur der reiche Teil der Welt geimpft ist. Die Wirtschafts- und Reiseströme werden dafür sorgen, dass das Virus selbst aus der entferntesten Ecke auf dem Globus immer wieder zu uns zurückkehren wird. Auch politisch müssen die EU und die USA ein großes Interesse daran haben, weltweit für Impfgerechtigkeit zur sorgen. Viele Länder in Lateinamerika binden sich gerade an China, um an die rettenden Vakazine zu kommen – der Impfstoff-Nationalismus des Westens ist für Peking ein willkommener Anlass, um seine Herrschaft auszubauen. Da sollte Europa schon mehr zu bieten haben, als eine Almosen-Lieferung von überflüssigen Impfstoffdosen in ein paar Jahren.

Von Jörg Kallmeyer/RND